Prävention rechnet sich – und Deutschland verschenkt Milliarden

Deutschlands Gesundheitssystem ist extrem teuer. Doch die Lebenserwartung liegt unter dem EU-Durchschnitt. Falko Sniehotta, Experte für Public Health und Verhaltensmedizin, erklärt im Interview, warum „Prävention zuerst” Grundsatz werden muss, wo die Politik versagt und weshalb wir Prävention als vierte Säule stärken müssen.

Herr Sniehotta, Deutschland gehört bei den Gesundheitsausgaben zur Spitze in Europa. Trotzdem liegt unsere Lebenserwartung unter dem EU-Durchschnitt. Wie passt das zusammen?

Ein Grund ist, dass wir unsere teure Versorgung nicht gut organisieren. Wir kümmern uns nicht genug um Prävention und regulieren im Vergleich zu wenig, etwa beim Rauchen. Der Public Health Index, den die AOK mit Partnern Ende letzten Jahres vorgelegt hat, zeigt deutlich: Deutschland ist Schlusslicht bei evidenzbasierten Präventionsmaßnahmen. Dazu kommt, dass wir eine hohe Rauchendenquote, in vielen Bereichen eine niedrige Impfquote und eine steigende Adipositasrate haben. Das sind Risikofaktoren für Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs. Am Ende müssen wir mehr Menschen kostenintensiv behandeln.

Was machen andere Länder besser?

Sie regulieren zum Beispiel stärker, was verkauft und wie geworben werden darf. Sie binden Prävention besser in die hausärztliche Versorgung ein. Großbritannien hat etwa eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Das führte dazu, dass Hersteller den Zuckergehalt ihrer Softdrinks gesenkt haben. Sie nahmen kaum wirtschaftlichen Schaden und die Bevölkerung profitiert direkt. Dort werden auch Tabak und Alkohol höher besteuert. Bei uns können Sie vergleichsweise günstig rauchen und trinken. Zudem binden andere Länder Prävention besser in die hausärztliche Versorgung ein. In Deutschland sind Angebote zur Rauchentwöhnung oder zur Gewichtskontrolle nicht weit verbreitet, oft nicht evidenzbasiert und schlecht honoriert.

„Unsere Politik entwickelt keine eigene Position und keine ganzheitliche Strategie.“

Falko Sniehotta

Experte für Public Health und Verhaltensmedizin

Liegt es auch am Einfluss der Alkohol und Tabakindustrie?

Natürlich haben wir starke Lobbyeinflüsse aus der Industrie. Mediale Narrative stellen die Regulierung als Bevormundung dar. Das hat sich gerade wieder bei den Diskussionen um eine mögliche Zuckersteuer gezeigt. Dabei haben Studien belegt, dass die Mehrheit der Bevölkerung das befürworten würde. Das eigentliche Problem aber ist: Unsere Politik entwickelt keine eigene Position und keine ganzheitliche Strategie. Ministerinnen und Minister sollten die Interessen der Bevölkerung vertreten. Bei uns heißt es oft: Das schadet der Wirtschaft. Doch der volkswirtschaftliche Schaden durch schlechte Bevölkerungsgesundheit ist weit größer.

Sie bezeichnen Prävention als Schlüssel zu einer nachhaltigen Versorgung. Warum?

Es gibt das moralische Argument: Jeder Mensch soll sein Potenzial ausschöpfen können. Der Staat hat die Voraussetzung dafür zu schaffen – insbesondere durch Schutz der Gesundheit. Dann das ökonomische: Ausgaben für Gesundheit, chronische Erkrankungen treiben die Kosten. Wenn es Präventionsmaßnahmen gibt, die effizient sind und einen messbaren Nutzen für die Gesundheit der Bevölkerung bringen, ist nicht klar, warum wir diese nicht umsetzen. Die Maßnahmen würden die Gesundheit der Bevölkerung verbessern und die Finanzlage langfristig stabilisieren, nicht zuletzt im Gesundheitssystem selbst. Prävention stärken ist keine Kür, sondern Pflicht.

Welche Möglichkeiten zur Intervention gibt es?

Die grundlegendste Form von Interventionen sind Informationskampagnen: „Rauchen schadet Ihrer Gesundheit“. Das reicht meist nicht. Effektiver sind Veränderungen der Umgebung, etwa gut ausgebaute Radwege oder ein Werbeverbot für Alkohol. Wir können auch Wahlmöglichkeiten ändern. Die gesunde Mahlzeit in der Kantine ist Standard. Oder Subventionen abbauen durch Steuern auf Zucker. Auf der obersten Stufe stehen Vorschriften bis hin zu Verboten.

Die Krankenkassen investieren doch schon viel in Prävention. Warum reicht das nicht?

Ohne nationale Strategie bleibt vieles fragmentiert und projekthaft. Wir brauchen eine Bestandsaufnahme, Ziele und definierte Verantwortlichkeiten. Dabei können die Krankenkassen nicht die alleinig Verantwortlichen sein. Wenn es um Prävention geht, spielen auch weitere Akteure und Akteurinnen eine wichtige Rolle. Das zentrale Problem: Es fehlt an politischer Führung. Es braucht jemanden an der Spitze, der Prävention zur Chefsache macht: Prävention zuerst. Und wir brauchen mehr Evaluation. Maßnahmen wirken nicht automatisch so wie erwartet. Ohne systematische Untersuchung bleibt unklar, was funktioniert und was verbessert werden muss.

„Prävention ist der einzige Weg, unser Gesundheitssystem dauerhaft zu finanzieren.“

Falko Sniehotta

Experte für Public Health und Verhaltensmedizin

Warum passiert nicht mehr?

Je länger ich in diesem Bereich arbeite, desto skeptischer werde ich, dass die Politik das Thema Prävention ernst nimmt. Gesundheit scheint kein attraktives Wahlkampfthema zu sein, dabei betrifft es alle. Wer möchte seine Eltern vor ihrer Zeit zu Grabe tragen oder mit 50 chronisch krank werden? Wir wissen: Ein Großteil des Leidens ist vermeidbar. Die Politik meidet dennoch dieses Thema, weil es komplex ist. Die Gelegenheit zum Handeln wird immer wieder verpasst.

Was wäre Ihre Forderung?

Wir brauchen als Land eine Präventionsstrategie. Zunächst brauchen wir eine Bestandsaufnahme wie den Public Health Index. Das Land muss festlegen: Wo stehen wir, was wollen wir erreichen? Wir müssen alle Akteure an einen Tisch bringen, auch wenn unsere föderale Struktur das nicht einfach macht. Wir brauchen Evidenz statt Bauchgefühl. Wir könnten eine Einheit schaffen, die die Bundesregierung evidenzbasiert berät. Die Kosten wären minimal im Vergleich mit dem Nutzen.

Kann Prävention ein Wachstumsmotor sein?

Absolut. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen erheblichen Return on Investment. Das heißt, der Wert dessen, was wir an Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit gewinnen, übersteigt das Investierte bei Weitem. Manche Maßnahmen sparen sofort Geld. Eine Steuer auf Zucker bringt Einnahmen und verbessert die Gesundheit der Bevölkerung. Die Weltgesundheitsorganisation listet Maßnahmen, die eine sehr gute Evidenz haben und deren Effekte innerhalb einer Legislaturperiode sichtbar werden (siehe Link am Ende).

Was gehört zu diesen schnell wirksamen Maßnahmen?

Höhere Steuern auf Tabak, Alkohol oder Glücksspiel. Schnelleres Umsetzen von Evidenz, etwa bei medikamentöser Unterstützung der Rauchentwöhnung. Bessere Impfquoten, gerade bei HPV zur Krebsvermeidung. Diabetespräventionsprogramme, wie sie im Ausland Standard sind. Bessere Versorgung bei Bluthochdruck. All das würde innerhalb weniger Jahre Vorteile bringen und Einsparungen ermöglichen, besonders bei Volkskrankheiten wie Herzleiden, Diabetes und Krebs.

Ein letzter Gedanke, Herr Sniehotta?

Prävention ist der einzige Weg, unser Gesundheitssystem dauerhaft zu finanzieren. Die Menschen wollen länger gesund leben. Sie wollen, dass ihre Liebsten gesund bleiben. Und die meisten wären froh, wenn die Kassenbeiträge nicht ständig steigen. Prävention ist machbar, sie rechnet sich und muss zur vierten Säule des Gesundheitssystems werden. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Auch über das Gesundheitssystem hinaus ist Prävention sinnvoll, machbar und zentral für unser Land.

Zur Person

Skeptisch: Prof. Sniehotta fragt sich, ob die Politik das Thema Prävention ernst nimmt.

Prof. Dr. Falko Sniehotta leitet das Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und ist Professor für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin. Er ist Sprecher des Kompetenznetzwerks Präventionsmedizin Baden-Württemberg. Zuvor war er Professor für Verhaltensmedizin und Gesundheitspsychologie an der University of Newcastle und der University of Twente. Seine Forschung zielt auf die Entwicklung und Erprobung von Interventionen zur Änderung gesundheits- und versorgungsrelevanter Verhaltensweisen ab.