Interview mit Clemens Becker: "Wir geben viel zu viel Geld an der falschen Stelle aus"

Deutschland gibt mehr für sein Gesundheitssystem aus als die meisten europäischen Nachbarn, erreicht aber eine niedrigere Lebenserwartung. Der Geriater und Versorgungsforscher Clemens Becker erklärt, warum das System an den falschen Stellen spart und was wir von Dänemark und den Niederlanden lernen können.

Jetzt handeln: Becker plädiert für mehr Einsatz digitaler Technik.

Warum rückt die Versorgung hochbetagter Menschen aktuell stark in den Fokus?

Wir haben zwei Wellen gleichzeitig. Bis 2035 wächst die Gruppe der 66- bis 80-jährigen Babyboomer um rund 50 Prozent. Diese Menschen brauchen vor allem kardiologische Behandlungen und ambulante Versorgung. Danach übernehmen die Hochaltrigen über 80 das Geschehen, mit ganz anderen Krankheitsbildern: Demenz, Stürze, Multimorbidität. Für beide Gruppen fehlen uns bislang passende Konzepte.

Deutschland gibt viel Geld für Gesundheit aus, liegt bei der Lebenserwartung aber im europäischen Mittelfeld. Was läuft schief?

Wir geben das Geld an den falschen Stellen aus. Im Vergleich zu Dänemark oder den Niederlanden zahlen wir rund 40 Prozent mehr für Medikamente und Medizinprodukte. Das spiegelt Industrie- und Partikularinteressen wider, nicht medizinische Notwendigkeit. Dazu leisten wir uns ein Vergütungssystem, das Fachärzte dazu einlädt, Patienten alle drei Monate einzubestellen, obwohl ein halbjährlicher Rhythmus oft reichen würde. Die Folge: Wer akut krank wird, bekommt keinen Termin.

„Im Vergleich zu Dänemark oder den Niederlanden zahlen wir 40 Prozent mehr für Medikamente.“

Wo sehen Sie die größten Hebel zur Verbesserung?

Erstens bei der Prävention. In der Schweiz erfüllen über 80 Prozent der Menschen die Bewegungsempfehlungen. In Deutschland sitzen wir zu viel, trinken zu viel und rauchen zu viel. Das führt zu vermeidbaren Herzerkrankungen, zu Diabetes und zu Stürzen. Zweitens bei der Primärversorgung. Wir brauchen starke Hausärztinnen und Hausärzte als Lotsen, die Patientinnen und Patienten durch ein immer komplexeres System führen. Nur: Rund 40 Prozent der Hausärzte gehen in den nächsten Jahren in Rente. Diesen Fehler können wir nicht von heute auf morgen korrigieren.

Was machen unsere Nachbarn bei der Versorgung alter Menschen besser?

In den Niederlanden werden Pflegeheimbewohner fast ausnahmslos vor Ort behandelt. Infusionen, Antibiotika, selbst das Versorgen einer Lungenentzündung wird direkt im Heim besorgt. Dafür gibt es spezialisierte Altersmediziner, die nicht im Krankenhaus, sondern in Pflegeeinrichtungen arbeiten. In Dänemark fahren mobile ärztliche Teams zu Patientinnen und Patienten, die zwar Behandlungsbedarf haben, aber nicht ins Krankenhaus wollen oder müssen. All das entlastet Kliniken und ist für viele Ältere deutlich schonender.

Was bedeutet das für unsere Krankenhausstruktur?

Wir werden die Zahl der Kliniken stark reduzieren müssen. Für eine gute Notfallversorgung brauchen wir etwa 700 bis 800 Häuser. Zudem liegen Patientinnen und Patienten in Deutschland im Durchschnitt acht Tage im Krankenhaus. In Dänemark und den Niederlanden sind es viereinhalb bis fünf. Wer früher entlassen wird, braucht aber verlässliche Angebote zwischen Klinik und Zuhause: ambulante Reha, mobile Pflegeteams, geriatrische Nachsorge. Vorbild kann etwa das Schweizer Modell „Hospital@Home“ sein: Die spezialisierte medizinische Behandlung zu Hause kann der in einer Klinik entsprechen. Diese Angebote sind keine Option, sondern Voraussetzung.

„Stürze sind bei älteren Menschen eine der häufigsten Ursachen für Einweisungen ins Krankenhaus.“

Welche Rolle kann digitale Technik bei der Patientenversorgung spielen?

Wenn wir sie richtig einsetzen, ist das Potenzial groß: Dänemark zeigt seit Jahren, wie eine funktionierende elektronische Patientenakte aussieht: Laborwerte, Röntgenbilder und Arztbriefe sind jederzeit abrufbar, doppelte Untersuchungen entfallen. Bei uns werden wichtige Informationen aus der Pflegebegutachtung, etwa zur Mobilität oder zum Gedächtnis, noch nicht einmal mit der Patientenakte verknüpft. Gerade mit Blick auf Hochbetagte ist das ein Fehler.

Wie kann digitale Technik den Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte entlasten?

Heute tippen viele Ärztinnen und Ärzte stundenlang Befunde in den Computer. Mit Spracherkennung und künstlicher Intelligenz lassen sich Gespräche automatisch mitschreiben, auswerten und in die Akte übertragen. Erste Projekte im Ausland zeigen: So lässt sich die Dokumentationszeit um 30 bis 40 Prozent senken. Diese Zeit steht dann wieder für die Patientinnen und Patienten zur Verfügung.

Wo kann digitale Technik noch helfen?

Zum Beispiel bei der Sturzerkennung und Sturzprävention. Wenn Menschen in Rente gehen, sinkt ihre körperliche Aktivität oft schlagartig, weil Arbeits- und Alltagswege wegfallen. Das ist gesundheitlich gefährlicher als ein leicht erhöhter Blutdruck. Stürze sind bei älteren Menschen eine der häufigsten Ursachen für Einweisungen ins Krankenhaus und führen oft zu raschem Abbau. Mit Sensoren, Trainings-Apps und KI-gestützten Analysen von Bewegungsdaten lassen sich Risikopatienten früh identifizieren und gezielt trainieren. Erste Studienprogramme wie unser KOKU-Training zeigen, dass das funktioniert. Die Technik ist bereit, der Zulassungsweg dauert leider noch zu lang.

Wie gewinnt man ältere Menschen überhaupt für digitale Angebote?

In Norwegen nutzen die meisten Menschen über 80 selbstverständlich ein Smartphone oder Tablet. Alter ist also kein Hindernis. Allein es fehlt an Begleitung. Krankenkassen und Kommunen müssen Versicherte aktiv anleiten. Ich schlage einen geprüften digitalen App-Katalog vor: Versicherte können verlässliche Anwendungen zu Bewegung, Sturzprävention oder Gedächtnistraining direkt herunterladen – ohne Rezept oder Umwege über die Arztpraxis.

Was wäre Ihre wichtigste Empfehlung an die Gesundheitspolitik?

Wir müssen Geld umschichten: weg von überhöhten Arzneimittelpreisen und unnötigen Einbestellungen hin zu Hausarztpraxen, Prävention und guter Nachsorge. Zweitens müssen wir aufhören, immer mehr Spezialisten aufzubauen. Wir benötigen auch jemanden, der den Überblick behält. Das heißt: Wir müssen die Allgemeinmedizin und die Altersmedizin stärken.

Und zwar wie?

Indem wir Pflegefachkräfte und Therapeuten stärker in die Versorgung einbinden. Das Delegieren. ärztlicher Leistungen funktioniert auch bei den Nachbarländern. Und indem wir die sektorenübergreifenden Versorgungsmodelle attraktiv für den ärztlichen Nachwuchs ausgestalten. Zum Beispiel als Innovationshubs mit den neusten Formen digitaler Versorgung. Drittens müssen wir digitale Technik so einsetzen, dass sie Zeit freimacht und ältere Menschen tatsächlich erreicht. Das Gesundheitssystem wächst jährlich um etwa zehn Prozent, die Wirtschaft um ein bis zwei Prozent. Wenn wir das nicht zügig anpacken, fahren wir sehenden Auges gegen die Wand.

Zur Person

Nach 20 Jahren als Chefarzt der Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart widmet sich Prof. Dr. med. Clemens Becker nun der Digitalisierung der Altersmedizin. Seit fünf Jahren leitet er die Unit Digitale Geriatrie am geriatrischen Zentrum des Universitätsklinikums Heidelberg und lehrt Digitale Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Sein Forschungsinteresse gilt körperlichem Training, digitaler Mobilitätsmessung, Robotik und technischen Assistenzsystemen. Becker ist Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie. Von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie erhielt er 2023 den Lebenswerkpreis. Becker ist Mitautor des „Krankenhaus-Report 2025“