Für mehr gesunde Lebensjahre

Am 8. März wird in Baden-Württemberg gewählt. Für die AOK stehen in der kommenden Legislaturperiode Gesundheitsversorgung, Pflege und Prävention im Mittelpunkt. Sie entscheiden über unsere Lebensqualität, die Stärke des Wirtschaftsstandorts und die gesellschaftliche Teilhabe. Drei Beispiele aus dem Südwesten.

Beispiel Pflege: Mit Konzepten wie der IstZeitPflege steigt die Qualität der Versorgung – und damit auch die Lebensqualität.

Beim Bundesländervergleich weist Baden-Württemberg die höchste Lebenserwartung auf. Dennoch steht das Land vor großen Herausforderungen. Haus- und Kinderärztinnen und -ärzte fehlen, die Zahl der Pflegebedürftigen wächst, Behandlungsfälle nehmen zu. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die AOK Baden-Württemberg macht sich stark für mehr gesunde Lebensjahre für die Menschen im Land. Damit das Realität wird, muss Qualität zu bezahlbaren Kosten in allen Bereichen der medizinischen und pflegerischen Versorgung Vorrang haben.

Für eine flächendeckende und bedarfsgerechte Grundversorgung – gerade in ländlichen Regionen – braucht es zukunftsfeste Rahmenbedingungen für eine koordinierte, sektorenunabhängige und effiziente Versorgung und Vorsorge vor Ort. Das Land muss die Rahmenbedingungen schaffen und Bürokratie abbauen, um Gesundheitsberufe attraktiver zu machen, die Anerkennung von Abschlüssen zu vereinfachen, die Anwerbung ausländischer Fachkräfte zu forcieren sowie die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege für im Gesundheitswesen Tätige zu verbessern. Die Redaktion von #AgendaGesundheit machte sich auf den Weg durchs Land, um zu erkunden, wie man sektorenunabhängige Versorgung, moderne Pflegestrukturen und Prävention als vierte Säule der Versorgung etablieren kann.

„Wir entwickeln die kurzstationäre allgemeinmedizinische Betreuung weiter, um die Versorgung zu verbessern und neue Wege zu gehen.“

Dr. med. Ingo Hüttner

Medizinischer Geschäftsführer des Alb Fils Klinikums

Zwischen Klinik und Praxis

Vor dem Gesundheitszentrum Helfenstein: Dr. med. Ingo Hüttner (Alb Fils Klinikum) und Andreas Fischer (AOK Baden-Württemberg) arbeiten am Erfolg des KAV-Modellprojekts.

Erste Station: Geislingen an der Steige. Seit zwei Jahren betreut das Alb Fils Klinikum in Göppingen im Gesundheitszentrum Helfenstein Patientinnen und Patienten in der kurzstationären allgemeinmedizinischen Versorgung (KAV). Dieses zukunftsweisende Modellprojekt zur sektorenübergreifenden Versorgung könnte als Vorbild für andere Kliniken dienen. Es fördert die Zusammenarbeit verschiedener Akteure und Fachrichtungen im Gesundheitswesen und schließt somit eine Versorgungslücke.

Es richtet sich an Menschen, die mehr als eine ambulante Behandlung, aber keinen Krankenhausaufenthalt benötigenSo lassen sich vollstationäre Aufnahmen vermeiden, es sei denn, sie erweisen sich als notwendig. Anfangs nur für AOK-Versicherte, steht die Station inzwischen auch Privatversicherten und Selbstzahlern offen. „Seit der Gründung entwickeln wir unser Modellprojekt der kurzstationären allgemeinmedizinischen Betreuung kontinuierlich weiter, um die Versorgung für alle Patienten zu verbessern und neue Wege zu gehen. Die Politik sollte dafür einen klaren gesetzlichen Rahmen schaffen“, sagt Ingo Hüttner, medizinischer Geschäftsführer des Alb Fils Klinikums. Die Allgemeinmedizinische Praxis im MVZ des Klinikums übernimmt die ärztliche und pflegerische Betreuung in der KAV. 

„Durch die Öffnung für weitere Patientengruppen erreichen wir mehr Menschen, die von dieser wohnortnahen Versorgung profitieren“, sagt Ingo Hüttner. Die AOK Baden-Württemberg bleibt bisher der einzige Partner des Alb Fils Klinikums. „Das Projekt hat gut begonnen, aber die Auslastung könnte höher sein. Wir wünschen uns dafür mehr Unterstützung“, sagt Andreas Fischer, der das Projekt bei der AOK-Bezirksdirektion Neckar-Fils leitet. Seine Kollegen informieren Rettungsdienste und niedergelassene Ärzte im Landkreis Göppingen über das Angebot, damit sie Patienten einweisen können. „Es stehen grundsätzlich bis zu acht Betten für die Versorgung zur Verfügung“, erklärt Andreas Fischer. Die meisten Patienten kommen mit Blutdruckentgleisungen, Atemwegsinfekten, Herzmuskelschwäche, Flüssigkeitsmangel oder Blasenentzündungen. Das Durchschnittsalter liegt bei 68 Jahren, die Verweildauer bei drei Tagen. Die Zufriedenheit mit dem Angebot ist laut Befragung hoch. 

Eine wissenschaftliche Evaluation des Modellprojekts ist für dieses Jahr geplant. Da der Gesetzgeber an Modellen der sektorenunabhängigenVersorgung arbeitet, ist das Alb Fils Klinikum mit seinen Erfahrungen der Helfensteinklinik in eine Expertengruppe der Deutschen Krankenhausgesellschaft eingebunden.

 

„Das Potenzial, das Konzept 'Mehr Zeit in der Pflege' bundesweit auszurollen, ist vorhanden. Es braucht jedoch geeignete Partner.“

Rolf Steinegger

Vorstand des Caritasverbands Hochrhein

Pflege neu denken

Wegbereiter: Jürgen Mihailowitsch von der AOK, Rolf Steinegger und Peter Schwander von der Caritas Hochrhein sehen großes Potenzial in „Mehr Zeit in der Pflege“.

Unsere Reise führt uns weiter in den Landkreis Waldshut. Dort bei den Caritas-Sozialstationen Hochrhein sind starre Leistungspakete in der häuslichen Pflege passé. Die Pflegekräfte orientieren sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Pflegebedürftigen, nicht am Vergütungssystem. Vielleicht duschen sie jemanden statt nur „kleine Körperpflege“ zu leisten. Vielleicht üben sie Treppensteigen, weil ein Pflegebedürftiger motiviert ist und so an Mobilität gewinnt. Die Dauer variiert, mal 20, mal 30 Minuten, und die Abrechnung erfolgt nach Zeit. Die Leistungen sind passgenau und entsprechen genau den Bedürfnissen der Patientinnen, Patienten und pflegenden Angehörigen; die Abrechnung ist transparent und nachvollziehbar. 

Seit über fünf Jahren unterstützt die AOK Baden-Württemberg die Caritas-Sozialstationen Hochrhein bei der Umsetzung von „IstZeitPflege“ und der Entwicklung eines neuen Versorgungsmodells. „Das Konzept ‘Mehr Zeit in der Pflege’ ermöglicht eine flexible und individuelle Versorgung, fördert Selbstbestimmtheit und Selbstständigkeit der Menschen mit Pflegebedarf“, ist Jürgen Mihailowitsch von der AOK-Bezirksdirektion Hochrhein-Bodensee überzeugt. Das erfordert hohe fachliche Kompetenz der Pflegekräfte und steigert die Attraktivität des Berufs. „Zu Beginn klären wir mit Pflegebedürftigen und Angehörigen drei Fragen“, sagt Sarah Neudecker, Bereichsleiterin bei der Sozialstation St. Martin, Bad Säckingen. Was kann selbst erledigt werden? Wie können Angehörige unterstützen? Wofür braucht es den professionellen Pflegedienst? So legen wir individuelle Leistungen und den Zeitbedarf fest. 

Täglich entscheiden Pflegekräfte gemeinsam mit den zu pflegenden Menschen und Angehörigen, was nötig ist. Eine Win-win-Situation für alle. „Patientinnen, Patienten und Angehörige bestätigen, dass es besser läuft, seit die Pflegenden die tatsächlich benötigte Hilfe leisten“, sagt Sarah Neudecker.

Die individuelle Abrechnung verteuert die Pflege nicht. Eine Mitarbeitendenbefragung zeigte: Die Pflegekräfte sind zufriedener. „Sie haben weniger Zeitdruck und können besser auf die Patientinnen und Patienten eingehen, was ihnen mehr Sinn und Wertschätzung gibt“, sagt Sarah Neudecker. Peter Schwander, Geschäftsbereichsleiter Sozialstation St. Martin in Bad Säckingen, bestätigt: „Die IstZeitPflege hilft uns, dringend benötigte Pflegekräfte zu finden und zu binden. Wir wollen Arbeitsplätze schaffen, die attraktiv sind, sodass die Menschen bis zur Rente arbeiten und Freude an ihrem Beruf haben.“

Ein Wermutstropfen bleibt: Pflegekräfte müssen in zwei Systemen arbeiten. Die Abrechnung nach Zeit gilt nur für Leistungen der Pflegeversicherung (SGB XI). Leistungen der Krankenversicherung (SGB V) müssen weiter nach Leistungspauschalen abgerechnet werden, was mehr Bürokratie bedeutet. Hier muss der Gesetzgeber handeln, um das neue Versorgungs- und Organisationsmodell gesetzübergreifend durchgängig im Sinne der Menschen mit Pflegebedarf und ihrer Angehörigen zu machen. Das Caritas-Modell hat bundesweit Aufsehen erregt. Das Bundesgesundheitsministerium verfolge die Entwicklung und Hochschulen zeigten Interesse, berichtet Rolf Steinegger, Vorstand des Caritasverbands Hochrhein. Jeder Pflegedienst, der mit den Pflegekassen verhandelt, kann das neue Abrechnungsmodell nutzen. In Baden-Württemberg folgen bereits zehn ambulante Pflegedienste dem Beispiel der Caritas-Sozialstationen. „Das Potenzial, das Konzept bundesweit auszurollen, ist vorhanden. Dafür braucht es jedoch geeignete Partner und den Willen zur Umsetzung“, sagt Rolf Steinegger überzeugt.

„Die Teilnehmenden werden von ihren HZV-Hausärztinnen und -Hausärzten angesprochen. Diese übernehmen auch die medizinische Begleitung während des Programms AOK-MehrVomLeben.“

Thomas Steidle

Präventionsmanager und GesundheitsCoach, AOK Baden-Württemberg

Meilenstein in der Prävention

Für einen gesunden Lebensstil: AOK-Coach Thomas Steidle führt mit Christiane Lohmiller einen Aeroscan durch. Über diesen Atemgastest (Spiroergometrie) kann man Stoffwechsel, Fitness und optimale Trainingsbereiche analysieren.

Unsere Erkundungstour endet in Nagold, Landkreis Calw. Im AOK-Gesundheitszentrum treffen wir Thomas Steidle, Präventionsmanager bei der AOK Nordschwarzwald. Er gehört zu den rund 30 AOK-GesundheitsCoaches im Pilotprojekt „AOK-MehrVomLeben“, das im Oktober in acht AOK-Bezirksdirektionen an jeweils zwei Standorten startete. Ziel ist es, Menschen mit ersten Anzeichen einer lebensstilbedingten Erkrankung frühzeitig zu erreichen und sie auf dem Weg zu einem langfristig gesunden Lebensstil zu begleiten. „Die Teilnehmenden werden von ihren Ärztinnen und Ärzten in der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) angesprochen. Sie übernehmen auch die medizinische Begleitung während der Programmdauer, etwa durch die Erhebung von Laborwerten“, erklärt Thomas Steidle. Die Zusammenarbeit mit den Praxen ist zentral, denn die Ärzte wissen genau, wann eine Lebensstiländerung nötig ist. „Und wir Coaches bieten den Versicherten die passende Unterstützung“, bringt es Thomas Steidle auf den Punkt. Sie begleiten die Teilnehmenden bis zu zwei Jahre, um ihren Lebensstil nachhaltig zu verbessern. 

Bei Christiane Lohmiller aus Horb zeigen sich bereits Erfolge. Ihr Body-Mass- Index und Blutdruck waren nicht im Normbereich. „Mein Hausarzt empfahl mir die Teilnahme und ich bin froh, dabei zu sein. Ich möchte auch im Alter fit und gesund bleiben“, sagt die AOK-Versicherte. Mit Unterstützung ihrer AOKGesundheitsCoaches hat sie ihre Essgewohnheiten umgestellt und Bewegung wie Gymnastik in ihren Alltag integriert. „Zwei Kilo sind schon weg und es sollen noch mehr folgen“, beschreibt sie ihr Ziel. Eigenmotivation ist dabei entscheidend. „Frau Lohmiller zeigt diese eindeutig und ich bin sicher, dass sie mit unserem Coaching ihre Ziele nachhaltig erreicht“, ist Thomas Steidle überzeugt.

Prävention konsequent auf Wirksamkeit zu denken und in einem Langzeitprogramm umzusetzen, ist in der GKV einzigartig. Üblicherweise sind Präventionsmaßnahmen zu kurz, um langfristig zu wirken. „Nur nachhaltige Programme führen zu gesundheitlich und ökonomisch bedeutsamen Effekten. Daher begleiten wir unsere 750 Teilnehmenden bis zu zwei Jahre“, sagt Gerhard Müller, wissenschaftlicher Leiter der Studie. Der Anteil lebensstilbedingter chronischer Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen ist hoch und wächst. Dies beeinflusst die Lebensqualität und Krankheitskosten erheblich. Statistiken zeigen die Notwendigkeit effektiver Gesundheitsförderungsprogramme: Deutschland liegt in Europa bei Lebenserwartung und gesunden Lebensjahren nur im Mittelfeld, trotz der höchsten Gesundheitsausgaben mit 12,8 Prozent des BIP. 

„Es ist höchste Zeit, Ansätze zu entwickeln, die dem entgegenwirken“, sagt AOK-Projektleiterin Lena Hartmann. Bei diesem Zukunftsprojekt der AOK Baden- Württemberg gehe es nicht nur um Prävention im klassischen Sinn, sondern um eine neue Art der Gesundheitsbegleitung – langfristig, nah an den Menschen und gezielt auch für diejenigen, die bereits erste Krankheitszeichen haben. „Wir stellen wichtige Weichen für die Prävention und damit für mehr gesunde Lebensjahre unserer Versicherten“, ist sich Lena Hartmann sicher.