Die Polypille Bewegung

Sport und Bewegung zeigen Wirkung. Das belegt eine deutschlandweit einzigartige Langzeitstudie, die den Zusammenhang zwischen Aktivität, Fitness und Gesundheit erforscht. Zu Besuch in Bad Schönborn, wo 1992 alles seinen Anfang nahm.

Täglich aktiv: Zur persönlichen Lebensphilosophie gehören für Hubert Ries Sport und Bewegung. Wann immer es geht, nimmt er das Rad.
Regelmäßiges Krafttraining beugt dem Muskelschwund vor: Hubert Ries am Latzug-Gerät im medizinischen Fitnesscenter des Thermariums.

Das Thermometer zeigt über 26 Grad an diesem Sommertag. Hubert Ries ist mit dem Fahrrad gekommen. „Dann muss ich mich nachher nicht so lange aufwärmen“, sagt er lachend. Der 75-Jährige trainiert regelmäßig im medizinischen Fitnesscenter des Thermariums – einem Gesundheitszentrum in der Kurstadt Bad Schönborn im Kraichgau. Geräte und Fachbetreuung stehen bereit. Hubert Ries ist seit Jahren Stammgast. „Man sollte mit Spaß aktiv bleiben, gerade im Alter“, sagt er. Heute beginnt er am Latzug-Gerät, das die Rückenmuskulatur stärkt. „Ich mache dreimal zwölf Wiederholungen, dazwischen jeweils 20 Sekunden Pause, und dann geht es weiter“, erklärt er seinen Trainingsplan. Mit einem Chip schaltet er jedes Gerät frei. Seine Trainingswerte sind gespeichert und lassen sich an den Bildschirmen abrufen. „So kann ich jederzeit sehen, wie mein Trainingszustand ist und ob ich Fortschritte mache oder nachlasse.“

Hubert Ries hat einige Operationen hinter sich und spürt Verschleißerscheinungen. Trotzdem absolviert er sein wöchentliches Training an acht Geräten mit Ehrgeiz. Manchmal wechselt er danach in die Sauna eine Etage tiefer. „Für mich der perfekte Abschluss. Danach fühle ich mich wie neu geboren“, sagt er und lacht. Aktiv zu bleiben ist für ihn seit Jahrzehnten selbstverständlich. Als 1992 in Bad Schönborn die Langzeitstudie „Gesundheit zum Mitmachen“ startete, war Hubert Ries von Anfang an dabei. „Es ist eine der ersten derartigen Studien inDeutschland. Was für eine Chance, da dabei zu sein. Es ist großartig, regelmäßig ein Feedback zu bekommen, wie sich Fitness und Gesundheit entwickeln“, sagt er.

„Es ist großartig, regelmäßig Feedback zu bekommen, wie sich die persönliche Fitness und Gesundheit entwickeln.“

Hubert Ries

Studienteilnehmer

Gesundes Altern steht im Mittelpunkt

Seit 1992 untersucht die Studie, wie körperliche Aktivität, Fitness und Gesundheit im mittleren und späten Erwachsenenalter zusammenhängen. Die Probanden absolvieren alle fünf Jahre neben verschiedenen Fitnesstests eine Analyse der Körperzusammensetzung, eine ausführliche Anamnese sowie freiwillige Bluttests und beantworten Fragebogen zur körperlich-sportlichen Aktivität und zur psychischen Gesundheit. Die Daten zeigen nicht nur, warum Menschen krank werden, sondern auch, was sie – im Sinne eines bio-psychosozialen Gesundheitsverständnisses – gesund hält. Dank der langen Laufzeit lassen sich zudem Faktoren für ein gesundes Altern bestimmen. Im Rahmen des Projekts „Gesundheit zum Mitmachen“ wurden bisher das Gesundheitsverhalten, der Zustand und das Interesse von über 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfasst.

Besonders Menschen, die sich wie von der WHO empfohlen mindestens 150 Minuten in der Woche moderat bewegen, profitieren in der zweiten Lebenshälfte. „Trainierte 80-Jährige haben die Fitness von untrainierten 60-Jährigen. Mit der Polypille Bewegung können sie, plakativ gesagt, 20 Jahre lang 60 bleiben“, sagt Alexander Woll, Professor für Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Leiter des sportwissenschaftlichen Instituts. „Als Student habe ich die Studie gemeinsam mit meinem Doktorvater Klaus Bös initiiert. Da wir beide aus Bad Schönborn stammen, wollten wir etwas für unsere Heimatgemeinde tun“, erzählt Woll über die Anfänge. Er selbst nimmt an der Studie teil und ist, wie er sagt, mit ihr gealtert. Regelmäßig trainiert er an Fitnessgeräten und spielt ambitioniert Tennis. Er lebt vor, was er empfiehlt. „Sport und Bewegung sind der Schlüssel zu einem gesunden Alterungsprozess“, betont der Wissenschaftler. Jede Aktivität zahlt dabei auf das Konto ein. Wie Bewegung wirkt, hängt von Häufigkeit, Umfang und Intensität ab. „Wenn Sie beim Sport ins Schwitzen kommen, arbeitet Ihr Körper und passt sich der Belastung an – je nach Trainingszustand“, erklärt Woll. Ein Marathonläufer bleibt beim schnellen Gehen entspannt, während für jemanden, der zehn Jahre keinen Sport gemacht hat, schnelles Gehen bereits eine effektive Belastung darstellt. „Das Problem ist, dass wir uns insgesamt zu wenig bewegen und Gelegenheiten dazu ungenutzt lassen. Ich persönlich nehme nie Rolltreppen oder Aufzüge, sondern immer wenn möglich die Treppe“, sagt Alexander Woll. 

Im vergangenen Jahr wurden die neuesten Ergebnisse der siebten Erhebungswelle der Langzeitstudie präsentiert, die ansonsten in den Jahren 1992, 1997, 2002, 2010, 2015 und 2021 stattfanden. Sie zeigen, dass die Einwohner von Bad Schönborn zwischen 1992 und 2021 immer aktiver wurden. Besonders in den Coronajahren nutzten viele Bewegung, um Stress abzubauen. Zwar sank das Aktivitätsniveau laut der Erhebung von 2025 leicht, doch bleibt es – mit Unterschieden zwischen Männern und Frauen – deutlich höher als 2015. Auch die Fitnesswerte älterer Teilnehmer verbessern sich weiter. Die Daten zeigen, dass ältere Menschen ihr Fitnessniveau immer länger halten können. „Unsere Studie belegt zudem, dass Sport und Bewegung Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen oder Depressionen vorbeugen“, betont Alexander Woll.

„Trainierte 80-Jährige haben die Fitness von untrainierten 60-Jährigen. Mit der Polypille Bewegung können sie 20 Jahre lang 60 bleiben.“

Prof. Dr. Alexander Woll

Leiter der Langzeitstudie

Niedrigschwellige Angebote schaffen

Sportlich zeigt sich auch Klaus Detlev Huge, Bürgermeister von Bad Schönborn. Der 64-Jährige radelt zum Pressetermin ins Haus des Gastes am Kurpark. Heute früh um sieben Uhr war er bereits joggen. Am Wochenende läuft er beim Ironman in der Staffel die zehn Kilometer. Auch er nimmt an der Studie teil und spürt Veränderungen: „Ich merke, dass ich 15 Jahre älter geworden bin und nicht mehr so fit wie früher. Meine Handkraft hat nachgelassen und nach langen Läufen brauche ich mehr Zeit zur Regeneration“, ärgert er sich ein wenig. Dennoch ist er mit seinem Fitnessniveau in seiner Altersgruppe zufrieden. Besonders freut ihn, wie aktiv die Bad Schönborner sind und wie gut sie die Sportangebote nutzen. „Unsere Gemeindepolitik der letzten Jahre zahlt sich aus. Wir haben viel in Radwege und Abstellmöglichkeiten investiert“, sagt er. Kürzlich beschwerte sich jemand, dass der Fahrradkäfig am Rathaus überfüllt sei, weil immer mehr Mitarbeitende mit dem Rad kommen. „Das zeigt doch, dass wir in der Gemeinde die richtigen Impulse für mehr Bewegung gesetzt haben“, ist er überzeugt. Die Studie „Gesundheit zum Mitmachen“ habe dazu beigetragen, dass die Menschen Bewegung stärker in ihren Alltag integrieren. „Da die Teilnehmenden alle fünf Jahre angeschrieben werden, bleibt der Fokus auf Sport und Bewegung erhalten“, erklärt Klaus Detlev Huge. Das Projekt habe nicht nur das Image der Gemeinde gestärkt, das Konzept könnte auch anderen Städten als Vorbild dienen.

Testen den Fitnessparcours im Sole-Aktiv-Park in Bad Schönborn: Klaus Detlev Huge, Dr. Petra Lücke, Petra Spitzmüller und Prof. Alexander Woll.

Für Petra Spitzmüller, Geschäftsführerin der AOK Mittlerer Oberrhein, und Petra Lücke, Leiterin des Geschäftsbereichs Prävention bei der AOK Mittlerer Oberrhein, sind vielfältige Sport- und Bewegungsangebote eine Herzensangelegenheit. Kein Wunder, dass die AOK von Anfang an Partnerin der Studie ist. Gemeinsam mit dem KIT wurde die Chance genutzt, Prävention und Wissenschaft greifbar zu machen. „Die Idee, dass Menschen durch mehr Sport und Bewegung gesunde Lebensjahre gewinnen können, begeistert mich. Dass wir als AOK dazu beitragen, motiviert ungemein“, sagt Petra Spitzmüller. Wichtig sei es, niedrigschwellige Angebote zu schaffen, die direkt vor der Haustür nutzbar sind, ist Petra Lücke überzeugt. „Nach 34 Jahren können wir sagen: Der lange Atem hat sich gelohnt“, so die Sportwissenschaftlerin.

Die Zusammenarbeit mit dem KIT bezeichnet sie als Win-win-Situation. „Wir nutzen die Möglichkeit, die Ergebnisse der Studie in unseren Bereich Gesundheitsförderung einfließen zu lassen. Sowohl im Hinblick auf die Verhaltens- als auch auf die Verhältnisprävention“, sagt Petra Lücke. Viele Praktikanten und Mitarbeitende der AOK kämen aus dem Institut für Sport und Sportwissenschaft in Karlsruhe und auch in den Gesundheitskonferenzen gäbe es einen intensiven Austausch, erklärt sie.

„Unsere Gemeindepolitik der letzten Jahre zahlt sich aus. Wir haben viel in Radwege und Abstellmöglichkeiten investiert.“

Klaus Detlev Huge

Bürgermeister Bad Schönborn

Die vierte Säule der Versorgung

Macht sich stark für mehr Prävention: Gordana Marsic, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg.

Trotz rund 500 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben bleibt der Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt hinter den Möglichkeiten zurück. Ein zentraler Grund: Das System ist auf Reparaturmedizin statt auf Prävention ausgerichtet. Gordana Marsic, stellvertretendeVorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, fordert deshalb die Etablierung von Prävention als echte vierte Säule der Versorgung. „Wir setzen uns für mehr gesunde Lebensjahre unserer Versicherten ein und müssen deshalb weg vom Reparaturbetrieb hin zu mehr Prävention.“ Es brauche einen grundlegenden Kulturwandel, der Prävention ins Zentrum rückt. „Prävention muss dabei als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und als Pflichtaufgabe der Daseinsvorsorge verbindlich in allen Politikfeldern verankert werden“, sagt Gordana Marsic. Prävention und Gesundheitsförderung seien kein „Nice-to-have“, sondern systemrelevant und müssen als Leitprinzip etabliert werden – für die Stabilität der Sozialversicherungen, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Prävention entfaltet ihre volle Wirkung jedoch nur, wenn sie frühzeitig beginnt, an den Lebensverhältnissen der Menschen ansetzt, geschlechtergerecht gestaltet und von regulatorischen Maßnahmen flankiert wird“, fasst Gordana Marsic zusammen. Die Haupttreiber der Krankheitslast, wie Rauchen, ungesunde Ernährung, Alkohol, Bewegungsmangel und Luftverschmutzung, seien seit Jahren bekannt und vermeidbar. Der Public Health Index 2025 (PHI) platziert Deutschland auf Rang 17 von 18 untersuchten nord- und zentraleuropäischen Staaten bei der Präventionspolitik. Besonders bei der Bekämpfung von Tabak- und Alkoholkonsum sowie bei Ernährungsmaßnahmen hinke Deutschland hinterher. Während die WHO klare Maßnahmen empfiehlt, setze Deutschland weiterhin stark auf individuelle Selbstverantwortung statt auf verbindliche Rahmenbedingungen.

„Wir setzen uns für mehr gesunde Lebensjahre unserer Versicherten ein und müssen deshalb weg vom Reparaturbetrieb hin zu mehr Prävention.“

Gordana Marsic

Stellvertretende Vorstandsvorsitzende AOK Baden-Württemberg

Im Rahmen des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes hat die Bundesregierung eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke geplant. Außerdem gibt es Pläne für eine Erhöhung der Tabak- und Alkoholsteuer – das sind wichtige Schritte in die richtige Richtung, so Marsic. Die Forderungen der FinanzKommission Gesundheit müssen nun schnell umgesetzt werden, damit sie im Sinne der Prävention ihre Steuerungswirkung entfalten können.