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„Die Zuckersteuer ist kein Hexenwerk“: Die 5 wichtigsten Botschaften des Zuckerreduktionsgipfels 2020

Beim 3. Zuckerreduktionsgipfel des AOK-Bundesverbands wurde deutlich, dass es eben doch mehr braucht als eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelhersteller, um den hohen Zuckerkonsum hierzulande in den Griff zu bekommen.

27.10.2020Autor/in: Katja ZeidlerRubrik: Presse und Politik 0

1. Die Bundesregierung bummelt, die Solidargemeinschaft zahlt

Bringen wir den leider enttäuschenden Teil gleich zu Beginn hinter uns: Vom Grußwort aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erwartete ich wenig – und wurde bestätigt. In einer Videobotschaft reihte Julia Klöckners Parlamentarischer Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel die bekannten Losungen aneinander: Ja, Fehlernährung ist ein großes Problem. Die Ministerin will die gesunde Ernährung für alle möglich machen. Man habe „viel erreicht“ und wenn das mit der Selbstverpflichtung der Wirtschaftsverbände doch nichts werden sollte, wird die Bundesregierung regulierend eingreifen. Irgendwann.

Das alles erinnerte mich sehr an die Rede der Ministerin beim 2. Zuckerreduktionsgipfel in Berlin vor ziemlich genau zwei Jahren.

Während die Bundesregierung bei der wirkungsvollen Umsetzung ihrer im Koalitionsvertrag eingeplanten Reduktionsstrategie trödelt, zahlt die Solidargemeinschaft der gesetzlich Versicherten dafür die Zeche: 60 Milliarden Euro pro Jahr für die Behandlung der wachsenden Zahl der übergewichtigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, und weitere acht Milliarden aufgrund von Karies.

2. Angst vor Verboten? Die Verbraucher sind schon jetzt in der Zwangslage

Wesentlich mehr Tatendrang versprühte die Opposition, vertreten durch Julia Klöckners Amtsvorgängerin Renate Künast (Grüne). Am Tag des Zuckerreduktionsgipfels veröffentlichte die WELT ein Interview mit ihr und wählte dafür eine Überschrift mit dem Wort „Verbote“. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken waren vorhersehbar. Ja, Künast fordert Verbote – zum Beispiel das von Werbung für ungesunde Süßigkeiten und Snacks, die sich gezielt an Kinder richtet.

„Aber meine Freiheit!“, entrüstete sich der mündige Verbraucher und vergaß dabei, das Interview zu lesen. Künast erklärte es am frühen Nachmittag noch einmal beim Gipfel: Dass die Verbraucherinnen und Verbraucher sich schon jetzt in einer Zwangssituation befinden, und nicht erst dann, wenn ihnen die vermeintliche Ernährungsdiktatur vorschreibt was sie zu essen haben. Schon heute ist das bewusste zuckerfreie Einkaufen aufwändig und eine Übungssache.

Wir müssen die gesamte Ernährungsumgebung ändern
Renate Künast

Und tatsächlich geht es bei der 2017 gestarteten AOK-Kampagne #wenigerzucker ja gar nicht darum, Kuchen und Eiscreme zu verbieten, oder wie Renate Künast sagte: „Zimtsterne und Marzipankartoffeln gehören natürlich zu Weihnachten dazu.“

#wenigerzucker thematisiert , dass der Großteil der verarbeiteten Lebensmittel – selbst Produkte wie Ketchup und Aufschnitt – zugesetzten Zucker enthält. Für mehr Überblick sorgen soll der Nutriscrore – die Ampel, gegen die sich Julia Klöckner lange gewehrt hat und die nun auf der Packungsvorderseite erkennbar machen soll, ob ein Lebensmittel mehr oder weniger gesund ist.

Der Einsatz des Nutriscores ist für Hersteller freiwillig und er wird voraussichtlich vor allem auf gesunden Produkten aufgedruckt werden. Währenddessen kommt es immer noch regelmäßig zu absurden Entscheidungen gegen Unternehmen, die aus der Verweigerungshaltung der Lebensmittelindustrie ausscheren: Zuletzt sollte der Produzent Lemonaid seine zuckerarme Limonade nicht Limonade nennen dürfen, weil ihre Firmenphilosophie nicht mit den „Leitsätzen für Erfrischunggestränke“ des Bundesernährungsministeriums kompatibel sei. Genauer: Das Getränk enthalte zu wenig Zucker. (Lemonaid stellte dem Ministerium daraufhin eine Julia-Klöckner-Statue auf Zucker vor die Tür.)

3. Die Selbstverpflichtung der Hersteller bringt erste messbare Ergebnisse

Julia Klöckner vertritt nach wie vor den Standpunkt, dass die Lebensmittelhersteller den Zucker- und Kaloriengehalt ihrer Produkte schon von selbst ausreichend senken werden. Prof. Dr. Pablo Steinberg half, den aktuellen Stand in Sachen Selbstverpflichtung einzuordnen: Der Präsident des Max Rubner-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, hatte die Ergebnisse des ersten Folge-Monitorings der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten dabei.

Bis man raus hat, wie man Zuckerreduziertes einkauft – das dauert.
Martin Litsch

Ergebnis: Es gibt kein einheitliches Bild. Bei Joghurts wurde der Zuckergehalt von 2016 bis 2019 um 4,4 Prozent gesenkt, bei Joghurts mit sogenannter „Kinderoptik“ sogar um rund 20 Prozent. In Fruchtquark wurden rund 10 Prozent weniger Zucker festgestellt, aber der Energiegehalt blieb gleich, weil statt des Zuckers Ersatzstoffe hinzugefügt wurden. Dagegen wurde bei Frühstücksmüslis mit der Zielgruppe Kinder keine Zuckerreduktion festgestellt. In Erfrischungsgetränken für Kinder sank der Zuckergehalt um 3,5 Prozent.

Halleluja, es ist also nicht alles schlimm. Doch die Kaffeebohnenschritte mancher Branchen bringen den Verbrauchern und ihrer Gesundheit nichts. Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, machte klar: Die Zeit für Appelle ist vorbei. Damit Bewegung in den Reduktionsprozess kommt, sind verbindliche Vorgaben für die Lebensmittelhersteller – beispielsweise in Form einer Softdrink-Steuer – notwendig.

4. Eine Zuckersteuer ist machbar – man muss sie nur wollen

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Vorsitzende Richter am Bundesfinanzhof erst zeigt, wie flink sich eine Zuckersteuer in der Bundesrepublik umsetzen ließe, und dann von sich aus erwähnt: An der Abschaffung der schon mal dagewesenen Zuckersteuer 1992 hat er selbst im Hintergrund mitgearbeitet – damals aber als Steuerrechtler die gesundheitspolitische Tragweite der Entscheidung nicht erkannt.

Mittlerweile gibt es die Steuer in einigen EU-Staaten: Finnland, Dänemark, Ungarn, Frankreich, Irland und im eben noch Mitglied gewesenen Großbritannien. Auf der Insel beispielsweise würden ab 5 Gramm Zucker auf 100 Milliliter 20 Cent auf den Verkaufspreis aufgeschlagen, ab 8 Gramm sogar noch mehr. Und es funktioniert: Schon vor der Einführung der Steuer beeilten sich die Hersteller, den Zuckergehalt ihrer Getränke zu senken.

Was muss Deutschland tun, um sich selbst eine Zuckersteuer zu verpassen? „Die Steuer ist kein Hexenwerk“, sagt Prof. Dr. Harald Jatzke vom Bundesfinanzhof. Allein, es fehlt der politische Wille. Denn gegen eine zweckgebundene nationale Steuer, die lenkende Wirkung in Richtung eines zuckerärmeren Lebensmittelangebots haben soll, hätte auch die Europäische Union nichts. Gut zu wissen!

5. Kinderwerbung braucht kein Mensch

Was ich auch erfahren habe: Der DFB bringt Renate Künast auf die Palme. Genauer: Fussballer, die für Limos und überzuckerte Brotaufstriche werben. „Die haben Ernährungscoaches und Köche, solche Lebensmittel kommen bei denen gar nicht vor!“, ruft die Politikerin.

Wenn Sportlerinnen und Sportler doch mal für das werben würden, was sie wirklich essen – dann wären sie auch ein echter Gegenpol zu den ganzen anderen prominenten Figuren, die mir wöchentlich im Supermarkt entgegenspringen. Warum grinsen Disneys Frozen-Mädels Anna und Elsa von einem Joghurt, der auf Kinderhöhe im Regal steht und bei dem ein kleiner Becher vier Zuckerwürfel enthält? Wann klebt zur Abwechslung mal jemand Minions auf Möhren statt auf Müller-Milch, die auch nur gesund anmutet, so lange man die Nährwerttabelle nicht näher anschaut?

„Kinderwerbung braucht kein Mensch“, sagt Martin Litsch. Der Gesetzgeber dürfe die Verantwortung nicht länger nur bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern abladen, sondern müsse klare Regeln für die Produzenten schaffen. Mit dem Verband der Kinder- und Jugendärzte und Deutschen Diabetes-Gesellschaft ist Litsch sich einig: „Es ist höchste Zeit, dass Eltern und Kinder nicht mehr auf die Werbelockrufe der Industrie für ungesunde Lebensmittel hereinfallen.“

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