Psychische Erkrankungen in Familien

Leidet ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung, ist auch die gesamte Familie davon betroffen. Um sie in diesen Phasen zu unterstützen, bedarf es passender Hilfsangebote. Aber welche gibt es? Und wie können Betroffene sie nutzen? Content-Warnung: Depression, Suizid-Gedanken.

29.09.2022Autor/in: Matthias GottschalkRubrik: Versorgung und Innovation 0

Drei Stunden. Circa drei Stunden habe ich gebraucht, um den richtigen Anfang für diesen Beitrag zu finden. Denn er wird persönlich, er wird weh tun. Nicht nur mir, sondern vielleicht auch den Leserinnen und Lesern dieses Blogs. Warum? Weil ich das Thema Familie und psychische Erkrankung selbst kenne. Lebe. Ich bin seit über zehn Jahren depressiv und vor einem Jahr wurde noch eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Das hat Auswirkung auf mein Familienleben. Deutliche.

Psychisch kranke Elternteile

Familien, bei denen ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet, finden sich schnell in einer Doppelrolle wieder. Zum einen muss das allgemeine Familienleben aufrechterhalten werden. Ausgehen, spielen, Zeit miteinander verbringen. Zum anderen nimmt die Erkrankung im Alltag eine große Rolle ein. Die Frage ist: Wie kann dieser am besten um das erkrankte Elternteil gestaltet werden?

Ich habe noch das Glück, genug Kraft zu finden, um morgens aus dem Bett zu kommen. Aber es ist oft genug ein harter Kampf. Denn eigentlich sagt alles in mir: Warum? Du bist deiner Familie doch eh keine Hilfe. Ohne dich wären sie besser dran. Und auch wenn ich mit aller Kraft versuche, für meine Familie da zu sein, ist die Energie irgendwann verbraucht. Und dann stehe ich beim Essen kochen regungslos in der Küche, halte ein Schneidemesser in der Hand und bekämpfe den inneren Drang, alles zu beenden.

Aber auch wenn diese Gedanken nicht vorhanden sind, zeigen sich die Symptome der Krankheit. Dann gerate ich wegen Kleinigkeiten in Wut, schreie nur noch und kann meinen Kindern und meiner Freundin nicht die Aufmerksamkeit geben, die sie eigentlich verdient haben. Und wenn in einer ruhigen Minute diese Erkenntnis zu mir durchdringt, dreht sich die Spirale noch weiter abwärts.

Kinder leiden doppelt

Familien mit psychisch kranken Elternteilen benötigen Hilfe. Nicht nur, aber besonders in extremen Situationen. Denn Studien zeigen, dass psychisch kranke Eltern das Risiko für Kinder erhöhen, selbst im Laufe ihres Lebens zu erkranken. Die alltägliche Konfrontation mit Depressionen und anderen Krankheiten beeinträchtigen die Entwicklung eines Kindes enorm. Dazu kommt, dass die Erkrankungen es den Eltern auch erschweren, sich in ihrer Rolle als Erzieherin und/oder Erzieher zurecht zu finden. Die eigene Elternkompetenz wird als nicht hoch angesehen. Diese Eigensicht und die tatsächliche Erziehung bedingen sich gegenseitig.

Jedoch nimmt lediglich ein Drittel der erkrankten Eltern ärztliche bzw. therapeutische Hilfe in Anspruch[. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Aber auch wenn Hilfe gesucht wird, ist es nicht einfach, auch welche zu erhalten. Als ich im vergangenen Jahr erkannte, dass es ohne Hilfe nicht mehr geht (davor ging es mir mehrere Jahre gut), habe ich einige Zeit gebraucht, um einen Arzt zu finden. Einen Therapieplatz habe ich bis heute nicht. Als ich in Berlin vor über zehn Jahren ebenfalls auf der Suche war, war das Problem das gleiche. Den Eltern zu helfen ist aber nur die eine Seite. Auch die Kinder benötigen professionelle Hilfe.

Welche Hilfsangebote gibt es?

Eine psychische Erkrankung belastet auch Familien und erschwert den Familienalltag.

Auch wenn es im vorherigen Absatz pessimistisch anklingt: Der Weg zum Arzt bzw. der Beginn einer Therapie stellen den Startpunkt dar. Wichtig ist, dass die Kinder darin einbezogen werden, ihre Gefühle auch ernst genommen werden. Und sie auch lernen, mit diesen umzugehen. Die AOK PLUS selbst bietet erkrankten Versicherten einige Unterstützungsangebote an. Mit dem Programm Moodgymlassen sich depressive Phasen besser (selbst) erkennen und es bietet Hilfestellung, diese zu bewältigen. Der Familiencoach Depressionbietet Familienmitgliedern, Bekannten und Freunden Informationen rund um das Thema Depression. Die Krankheit wird erklärt, Hilfestellungen und Wege werden aufgezeigt, die eigene Gesundheit in der schwierigen Situation nicht zu vernachlässigen.

Darüber hinaus hat die AOK PLUS zwei Versorgungsangebote entwickelt, welche die Behandlung psychischer Erkrankungen unterstützen. Psyche Aktiv vernetzt die behandelnden Ärzte und setzt auf Vorsorge, damit sich die Erkrankung nicht verschlechtert. Carola PLUS zielt vor allem auf erkrankte Schwangere bzw. junge Mütter ab, um sie während der Schwangerschaft und Stillzeit zu unterstützen. Ganz neu ist die Unterstützung des Startups Clay. Dieses entwickelt eine Plattform, welche psychisch Erkrankte auf verschiedene Weisen unterstützen soll. Das Mentorenprogramm startet im Oktober.

Ich selbst nutze keines dieser zusätzlichen Angebote. Derzeit helfen mir Medikamente sehr gut, psychisch stabil zu bleiben und meine Selbstbeherrschung zu stärken. Dass dies keine Dauerlösung ist weiß ich. Aber bis ein Therapieplatz gefunden ist, hilft es. Ich schließe diesen Beitrag mit der Bitte, psychische Erkrankungen nicht einfach als Launen abzutun. Es sind Krankheiten und diese müssen ernst genommen werden. Holen Sie sich Hilfe, wenn es nötig ist. Alleine kann man das Monster nicht besiegen.

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