Patientenverfügung: Die große Inventur

Patientenverfügung: Die große Inventur

02.06.2022Autor/in: Katja ZeidlerRubrik: Allgemein 0

Mehr als zehn Jahre habe ich mich auf meinem Organspendeausweis ausgeruht. Ja, wenn bei mir der Hirntod festgestellt wird, nehme man, was andere Menschen brauchen können. Das war das ganze Ausmaß meiner Vorsorge. Jetzt, mit Mitte 30, werde ich unruhig. Ob es an der Pandemie liegt oder daran, dass gefühlt immer mehr Menschen in meinem engen und erweiterten Bekanntenkreis Schicksalsschläge erleben, oft in Form von lebensverändernden Erkrankungen – ich weiß es nicht genau. Jedenfalls rufe ich eines Abends meine Eltern an und sage: „Wir brauchen einen Plan.“

Die Familie ist nicht gleich die Vertretung

Dass in diesem Satz schon der erste Hinweis auf meine Unbedarftheit liegt, merke ich wenig später: Ich ging davon aus, allein mit dem Verfassen einer Patientenverfügung etwas Nobles zu tun und die Last der Entscheidung über meine ärztliche oder pflegerische Versorgung von den Schultern meiner Angehörigen zu nehmen. Wenn’s hart auf hart käme, wüssten sie, was zu tun sei.

Damit lag ich daneben. Meine Familie könnte nicht automatisch für mich entscheiden. Nicht mal Ehepartner*innen oder Kinder sind zwingend als Vertreter*in gesetzt, wenn Menschen nach einem Unfall, aufgrund einer Erkrankung oder am Lebensende nicht mehr selbst ihren Willen äußern können. Das erklärt mir der Bundesminister der Justiz gleich im Vorwort einer Broschüre, die sein Ministerium zum Thema Patientenverfügung herausgegeben hat. Deshalb mache es Sinn, auch eine Vorsorgevollmacht zu erstellen, die regele, welche Vertrauensperson im Ernstfall stellvertretend für mich handeln solle. Sonst entscheidet das ein Gericht.

Körperliche Selbstbestimmung

Vor Sorge über meine Familie habe ich ausgeblendet, dass es vor allem um mich geht. Die Patientenverfügung dokumentiert meinen Willen. Es geht um meine Selbstbestimmung über meinen Körper in dem Moment, in dem ich nicht für mich sprechen kann. Liegt die Patientenverfügung vor, ist sie bindend für Bevollmächtigte, Ärzt*innen, gar Gerichte. Der Knackpunkt ist allerdings die konkrete Formulierung. Lebenserhaltende Maschinen an oder aus? So einfach ist es nicht. Die Verfügung kann für verschiedene Situationen verfasst werden, sie kann bestimmte medizinische Maßnahmen erlauben oder untersagen.

Zum Glück gibt es eine Reihe von Anlaufstellen, die mögliche Szenarien auflisten, für die eine Patientenverfügung gelten soll, und Optionen aufzeigen. Das Bundesministerium der Justiz liefert in seiner Broschüre Textbausteine. Bei der Verbraucherzentrale kann ich mir den Text gar mit ein paar Klicks zusammenstellen.

Zu viele Fragen

Das beschleunigt den Prozess für mich nicht wirklich. Schon die Einstiegsfrage, für welche Situationen die Verfügung gelten solle, hat es in sich: einen unmittelbaren Sterbeprozess, eine unheilbare Erkrankung, eine Gehirnschädigung, einen fortgeschrittenen Hirnabbauprozess infolge einer Demenzerkrankung … Uff. Es folgen zügig die Fragen, ob ich eine Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen wünsche, und wenn nicht: welchen Umfang die ärztliche Behandlung haben soll. Künstliche Ernährung? Flüssigkeitszufuhr? Medikamente – mit oder ohne bewusstseinsdämpfende Wirkung? Habe ich eine Meinung zu Wiederbelebung, künstlicher Beatmung, Dialyse, Blutkonserven, Hospizen?

Irgendwo ganz hinten kommt die Organspende. Wenigstens eine Frage, die ich entschlossen beantworten kann. Der Rest? Unklar. Ich glaube, ich muss den Elefanten klein schneiden, mich schrittweise mit den Fragen beschäftigen. Das ist keine Aufgabe für einen Nachmittag. Und ja, ich habe vollstes Verständnis, dass Menschen, die mitten im Leben stehen und sich gesund fühlen, sich eher nicht mit all diesen Dingen beschäftigen wollen.

Hilfe suchen

Es ist übrigens empfohlen, zur Patientenverfügung einen Text über meine persönlichen Wertevorstellungen hinzuzufügen, als Auslegungshilfe sozusagen. Was mein Leben bereichert und was für mich Lebensqualität ausmacht, kann ich hier festhalten. Das ist kein bürokratischer Akt mehr, das ist eher eine Inventur. Aber ganz ehrlich: Ich kriege dadurch wichtige Denkanstöße und nehme mir viel Zeit zum Reflektieren. Und dann – kein Witz – fällt mir plötzlich im Stadtbild eine Beratungsstelle der Unabhängigen Patientenberatung auf. Erster Gedanke: Was zum Kuckuck? Bin ich diese Straße nicht schon hundertfach entlanggefahren? Zweiter Gedanke: Es könnte helfen, über die Was-ist-wenn-Fragen und medizinischen Optionen mit echten Menschen zu sprechen, anstatt allein Ratgeber zu wälzen – mit den Menschen, die einem am nächsten stehen, und dem Hausarzt oder den Expert*innen einer Patientenberatung. Ich glaube, ich rufe da mal an.

PS: Die Hinweise in diesem Blogbeitrag sind nicht rechtverbindlich.

PSS: Informationen des Bundesministeriums der Justiz zur Patientenverfügung finden Sie hier. Die Online-Patientenverfügung der Verbraucherzentralen finden Sie hier. Zur Frage der Organspende bietet die AOK eine umfangreiche Entscheidungshilfe.

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