Im Zeichen des Krebses

Pro Jahr werden in Deutschland rund 500.000 Krebserkrankungen diagnostiziert. Und ob es Brustkrebs, Lungen- oder Prostatakrebs ist – das Erschrecken und die Angst sind jeweils groß: bei den Betroffenen selbst, aber auch bei Familienangehörigen, Freunden und Bekannten.

11.06.2021Autor/in: Hannelore StrobelRubrik: Allgemein, Versorgung und Innovation 1

Mein Opa ist an Zungenwurzelkrebs gestorben. Ich habe ihn in Erinnerung als einen lebensfrohen Menschen, der gern gut gegessen, nach dem Essen genießerisch eine dicke Zigarre geraucht und Hausmusik gemacht hat. Dass er zuletzt nach kurzer Krankheit bloß noch 40 Kilo wog und jämmerlich erstickt ist, weiß ich nur aus Erzählungen meiner Mutter lange nach Opas qualvollem Tod. Als Kind wurde man ferngehalten vom Krebskranken und ausgeschlossen aus den Gesprächskreisen zum Thema Krankheit und Sterben.

Ein paar Jahre später hatte meine Lieblingstante Lotte Brustkrebs. Ich war gerade in dem Alter, wo man sich den ersten BH kauft und schockiert von dem Bericht, dass nach der Bestrahlung Lottes Haut „ganz verbrannt“ und „trotzdem kaum Aussicht auf Heilung“ war. Weitere Erläuterungen gab‘s nicht. Fragen wären pietätlos gewesen.

Als ich selbst schon kleine Kinder hatte, erkrankte der jüngste Sohn meiner Cousine mit 17 Jahren zum ersten Mal und fünf Jahre später wiederum an Lymphdrüsenkrebs. Eine Tragödie, die zum Glück medizinisch gut ausging. Und endlich war jemand, der mir nahestand, in so einer Situation ansprechbar und für Hilfsangebote empfänglich.

Reden hilft

Ich habe viel mit meiner Cousine über die Krankheit und ihre Ängste um den Sohn gesprochen. Und ich habe eine Lüge kreiert, die dem jungen Mann ein paar Jahre später bei der Einstellungsuntersuchung für seinen Traumjob geholfen hat, die Krankheit zu verschweigen, die vielleicht ein Hinderungsgrund für den Arbeitgeber gewesen wäre, ihm eine Chance zu geben. Nach der ersten Therapie mit 17 war ihm zwecks Erfolgsdiagnose die Milz entnommen worden. Die Operationsnarbe hat er dann dem Betriebsarzt als Folge eines Motorradunfalls mit Milzriss erklärt. Eine Notlüge, zu der wir heute noch in schöner Dreieinigkeit stehen.

Unterstützung im Netz

Noch bessere Hilfestellungen, Ratschläge und menschlichen Zuspruch für Krebskranke, ihre Angehörigen und Freunde gibt es seit Kurzem im „Familiencoach Krebs“.

Diesen wunderbaren Online-Lotsen durch schwere Lebenszeiten hat die AOK in Kooperation mit Wissenschaftlerinnen des Uniklinikums Leipzig und dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums entwickelt.

Hier gibt es sowohl sachliche Informationen zur Entstehung, Diagnose und Behandlung verschiedener Krebserkrankungen und Antworten auf sozialrechtliche Fragen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung eines nahestehenden Menschen auftreten können. Und es gibt filmisch aufbereitete Vorschläge sowohl zum Umgang mit den Kranken als auch zur Wahrnehmung eigener Interessen. Dass Letzteres wichtig ist, weiß ich aus der Geschichte meiner Cousine. Sie brauchte jahrelang so viel Energie, um ihren krebskranken Sohn durch die Therapien zu begleiten, im Krankenhaus an seinem Bett zu sitzen, Extras für ihn zu kochen, ihn aufzumuntern, Hoffnung zu vermitteln, das Familienleben irgendwie aufrechtzuerhalten, dass sie irgendwann selbst am Rande der Erschöpfung war. An sich zu denken, hat sie in der Zeit nahezu komplett verlernt.

Abgrenzung ist kein Egoismus

Nutzerinnen und Nutzer des „Familiencoach Krebs“ finden auf der Plattform Ratgebervideos zu Themen wie Hoffnungslosigkeit, Aggression, Bevormundung oder Müdigkeit und Erschöpfung. Expertinnen und Angehörige beantworten in insgesamt 39 Video-Interviews häufige Fragen, die sich Angehörige eines an Krebs erkrankten Menschen stellen. Gut gemacht, sehr dicht an wirklichen Bedürfnissen. Ich habe kürzlich an einem gewittrigen Abend auf der Couch meine Cousine mal durch den Lotsen geführt. Sie war geflasht: „Hätte es das damals schon gegeben…“

Also: wer heutzutage als Nächster eines Krebspatienten in seinem Umfeld keinen Ansprechpartner hat und sich alleingelassen fühlt – hier ist Hilfe.

Kommentare (1)

  • Mama Müller

    am 16.06.2021 um 15.17 Uhr

    Hier gibt es sowohl sachliche Informationen zur Entstehung, Diagnose und Behandlung verschiedener Krebserkrankungen und Antworten auf sozialrechtliche Fragen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung eines nahestehenden Menschen auftreten können.

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