Erste Hilfe für die Seele

Seelische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema. Dabei ist jeder vierte Deutsche von einer psychischen Störung betroffen. Doch wie spreche ich Betroffene an, wie spreche ich darüber und wie kann ich kompetent erste Hilfe leisten? Das hat sich meine Kollegin Franziska Uhlmann gefragt und eine Möglichkeit gefunden.

07.10.2022Autor/in: Maxi RudolphRubrik: Allgemein, Nachgefragt und Nachgehakt 0

Fast jeder kennt einen Menschen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld, der mental belastet ist. Mitunter wird bei vielen einfach der Alltag zur Belastung: Familie und Freunde, Stress im Job oder in der Schule, Aufgaben im Haushalt, Sport, Haustiere – das alles unter einen Hut zu bekommen ist anstrengend. Hinzu kommen vielleicht noch pflegebedürftige Angehörige oder eine Erkrankung, aber auch Existenzängste, internationale Krisen und Katastrophen können das eigene emotionale Gleichgewicht durcheinanderbringen und psychisch krankmachen.

Franziska Uhlmann, Fachberaterin Interne Kommunikation AOK PLUS

Die Woche der Seelischen Gesundheit legt genau hierauf ihr Augenmerk und nimmt in diesem Jahr unter dem Motto „Reden hebt die Stimmung – Seelisch gesund in unserer Gesellschaft“ die sozialen Beziehungen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Blick. Franziska Uhlmann beschäftigt sich ebenfalls intensiv mit der Thematik und hat sich diesen Sommer zur Ersthelferin für psychische Gesundheit (MHFA) ausbilden lassen. Im Interview berichtet Sie über ihre Erfahrungen.

Was sagst Du zum diesjährigen Motto der Woche?

Dem stimme ich definitiv zu. Meiner Erfahrung nach fehlt gerade älteren Menschen oft der Austausch mit anderen. Wenn sie merken, da nimmt jemand Anteil an ihnen und ihrem Leben, hebt das die Laune. Und vermutlich geht es vielen von uns so: Es ist ein schönes Gefühl, wenn jemand Interesse an uns zeigt und sagt: Es ist mir wichtig, zu wissen, wie es dir geht.

Warum beschäftigst Du Dich mit dem Thema psychische Belastungen?

Insgesamt finde ich, dass die Problematik aktuell zugenommen hat. Besonders in den vergangenen Monaten fiel mir auf, dass die mentale Gesundheit von Menschen in meinem privaten Umfeld – und auch bei mir – immer öfter ins Wanken geriet. Viele waren bereits überlastet und versuchten doch, weiter zu ‚funktionieren‘. Einige sind dann auch ausgestiegen – entweder psychisch oder manchmal sogar körperlich. Das hat mich sehr belastet und ich habe versucht zu unterstützen, aber kam dabei oft selbst an meine Grenzen.

Welche Unterstützung kannst Du nun durch den MHFA-Kurs geben?

Ich habe gelernt, Signale von Menschen, die psychisch belastet sind, besser zu erkennen und zu deuten. Es ist wichtig, dieses Thema sensibel anzusprechen und den geeigneten Zeitpunkt zu finden. Zugleich bin ich auch offener und mutiger im Umgang mit belasteten Personen geworden. Außerdem habe ich aus dem Ersthelfer-Kurs mitgenommen, wie wichtig es ist, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen und die Grenzen der Betroffenen ebenso ernst zu nehmen wie meine eigenen.  

Was meinst Du mit dem genannten Bauchgefühl?

Mein Bauchgefühl gibt mir die Grenzen für mein Handeln vor. Nicht jede Person braucht oder will Hilfe. Dieses Abwägen, bin ich jetzt übergriffig und aufdringlich, wenn ich noch einmal meine Unterstützung anbiete, oder bleibe ich zurückhaltend und vorsichtig – da kann ich mich bisher sehr gut auf mein Bauchgefühl verlassen.

Und wo liegen die Grenzen Deiner Kompetenz?

Als MHFA-Ersthelferin biete ich Unterstützung, nach dem ROGER-Prinzip, an und gebe den betroffenen Personen Wissen an die Hand. Es geht darum Orientierung zu geben und auf mögliche Anlauf- und Hilfestellen zu verweisen. Für die professionelle Beratung und Therapie gibt es Fachleute. Es geht darum, unvoreingenommen zuzuhören und einen Raum zu öffnen, indem Betroffene offen reden können. Wichtig ist empathisches Zuhören, was auch bedeutet, dass ich mich mit gutgemeinten Ratschlägen zurückhalte. Das fällt mir oft nicht so leicht. Mein Gegenüber soll Zeit haben, die Dinge zu reflektieren und tiefergehende Themen und Probleme ansprechen zu können. Nach dem ROGER-Prinzip ist es wichtig, gemeinsam eine bestmögliche Lösung zu finden. Die Verantwortung sollte so weit wie möglich bei den Betroffenen gelassen werden. Oft geht es einfach darum, Kraft zu geben, die Betroffenen zu bestärken und zu motivieren auf sich zu achten oder einmal eine Auszeit zu nehmen.

Wie gestaltete sich der MHFA-Kurs?

Der Gruppenkurs kann sowohl in Präsenz als auch als Onlinevariante durchgeführt werden. Ich habe mich aus Zeitgründen für die digitale Veranstaltung entschieden. Wir – ich und weitere neun Mitstreiter – wurden in verschiedenen Modulen wie Depression, Angststörungen, Psychose sowie Substanzmissbrauch und -abhängigkeit ganz praxisnah von einer erfahrenen Psychologin aufgeklärt und geschult. Trotz des nicht so leichten Themas war die Herangehensweise sehr offen und unbeschwert. Der Austausch und die Diskussion zu Fallbeispielen kosteten viele in der Runde Energie und Kraft, denn alle Teilnehmenden hatten berufliche oder private Berührungspunkte. Und obwohl wir nicht direkt beieinander waren, konnten wir alle offen und unbefangen über die verschiedenen psychischen Störungen, Krisen und eigenen Erfahrungen sprechen.

Verhältst Du Dich nun anders?

Ich war schon immer aufmerksam gegenüber meiner Umwelt, doch vielleicht bin ich jetzt noch etwas wachsamer und motivierter: Wenn zum Beispiel eine ältere Dame einsam auf einer Bank sitzt, würde ich mir sehr wahrscheinlich kurz Zeit für ein kurzes Gespräch nehmen oder dem gestressten Supermarkt-Kassierer extra freundlich begegnen. Manchmal hilft ein Lächeln, ein netter Plausch, ein Spaziergang – einfach Verständnis und ein offenes Ohr, um sich mitzuteilen, aber auch zu merken, wann es einfach nicht angebracht ist. Aber natürlich hängt das auch von meiner Tagesform ab.

Was nimmst Du Dir für den beruflichen Alltag mit?

Auch in meinem beruflichen Umfeld beobachte ich schon länger, dass der Druck zunimmt. Doch um die anderen nicht zu belasten, nehmen sich die wenigsten raus oder reden darüber. Für mein Team kann ich sagen, dass wir schon sehr aufmerksam aufeinander achten und uns gegenseitig unterstützen. Mittlerweile bin ich jedoch noch geneigter, auch andere Kolleginnen und Kollegen zu animieren, offen über ihre Überlastung zu sprechen, Aufgaben abzugeben oder die Dinge, wenn möglich, anders anzugehen.

Hat das Thema MHFA damit bei der AOK PLUS Einzug gehalten?

Die mentale Gesundheit ist aufgrund veränderter Arbeitswelten und Arbeitsweisen schon lange ein internes Schwerpunktthema bei der AOK PLUS und auch die MHFA-Schulung ist bereits bekannt. Eine Kollegin vom Team Mitarbeitergesundheit gehörte zu den ersten, die an der Schulung teilgenommen haben. Aktuell ist das Interesse unter den Mitarbeitenden sehr hoch und es wird intern geprüft, ob die Möglichkeit zukünftig allen angeboten werden kann. Zur Unterstützung in belastenden Situationen stehen den AOK PLUS-Mitarbeitenden bereits die externe Beratung von EAP-Assist zur Verfügung.

Hast Du Dir noch weiteres aus dem Kurs mitgenommen?

Gemeinsam mit einzelnen Arbeitsheften erhält man als Ersthelfer ein Handbuch mit Zahlen und Fakten zu psychischer Gesundheit in Deutschland. Außerdem werden die wichtigsten psychischen Störungen ausführlich behandelt und ich war überrascht, wie weit verbreitet diese in Deutschland sind. Die Zahlen zeigen, wie groß doch der eigene Anspruch ist, zu funktionieren – auch über die eigenen Belastungsgrenzen hinaus. Weiterhin sehr aufschlussreich für mich, war der Einblick in passende Behandlungsmöglichkeiten sowie der Überblick über wichtige Fachpersonen und Anlaufstellen. Ich habe diese offiziellen Anlaufstellen mittlerweile auch viel in meinem Umfeld kommuniziert – nicht weil der Bedarf bei Familie und Freunden so groß ist. Doch umso mehr diese Hilfsangebote kennen, umso mehr können dieses Wissen weitergeben.

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