Der Alkohol tropft direkt ins Gehirn

Jährlich werden laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rund 10.000 Kinder mit einer Fetalen Alkoholspektrum-Störung geboren. Eine vermeidbare Behinderung. Eine Betroffene spricht im Interview über die Herausforderungen und Hürden im Leben.

07.09.2022Autor/in: Jenny FüstingRubrik: Allgemein 1

FASD, Fetale Alkoholspektrum-Störung, gehört zu den häufigsten angeborenen Behinderungen in Deutschland. Der 9. September jeden Jahres ist den Betroffenen gewidmet und soll auf die Gefahren des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft aufmerksam machen. Auch die 49-jährige Grit Wagner aus Sachsen ist betroffen.

Grit Wagner aus Sachsen gibt FASD-Betroffenen eine Stimme

Zur Person:

Grit Wagner wurde am 30. April 1973 in Sachsen geboren. Während der Schwangerschaft trank ihre Mutter täglich Alkohol, was
bei ihr zu einer Fetalen Alkoholspektrum-Störung führte. Sie informiert und klärt seit Jahren über die Gefahren von Alkohol während der Schwangerschaft auf und hat zu dem Thema zwei Bücher geschrieben.

Ab wann sollten Frauen auf Alkohol verzichten? Sobald Sie von einer Schwangerschaft wissen oder bereits früher?

Sobald die Familienplanung ansteht, sollte der Alkohol tabu sein. Denn nicht immer wissen Schwangere sofort, dass sie auch schwanger sind. Meist vergehen ein paar Wochen, bis die Monatsblutung ausbleibt und dann ein Schwangerschaftstest gemacht wird. Daher besser komplett auf Alkohol verzichten, das unterstützt auch die Fruchtbarkeit. Auch nicht geplante Schwangerschaften sollten möglichst ohne Alkoholgenuss verlaufen. Die Fetale Alkoholspektrum-Störung (FASD) ist zu 100 Prozent vermeidbar!

Welche Gefahren bestehen, wenn während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert wird?

Die Gefahren sind in jeder Schwangerschaftsphase breit gefächert. Denn in jedem Entwicklungsstand des ungeborenen Fötus können Entwicklungsverzögerungen auftreten. Der Fötus ernährt sich über die Nabelschnur und nimmt so alles auf, was die Mutter konsumiert. Bei Alkohol macht sich das besonders bemerkbar: Alkohol gelangt direkt und ungefiltert über die Nabelschnur zum Kind. Das Kind ist Viermal so volltrunken wie die werdende Mutter, da die Organe wie die Leber noch nicht voll ausgereift sind. Am stärksten betroffen ist die Entwicklung des Gehirns: Solange der Schädel noch nicht voll entwickelt ist, „tropft“ der Alkohol direkt ins Gehirn. Was viele vergessen ist, dass Alkohol ein Nervengift ist. Gerade bei Hirnzellen kann er die Entwicklung enorm lähmen. Von leichten geistigen Behinderungen bis zu schweren geistigen Einschränkungen ist alles möglich. Auch Kleinwüchsigkeit oder Missbildungen der Extremitäten können die Folge sein. Weitere Risiken sind potentielle Frühgeburten oder auch Schwangerschaftsvergiftungen.

Mit welchen Einschränkungen müssen Menschen mit FASD leben?

Es kommt öfter zu Verhaltensauffälligkeiten. Die Kinder müssen sehr oft in sonderpädagogische Einrichtungen. Die Schul- und Lehrzeit ist mit häufigen Einrichtungswechseln auf Grund der mitunter unerkannten Einschränkungen behaftet. Die Kinder sind oft Hänseleien durch andere Kinder im Kindergarten oder in der Schulzeit durch Mitschüler ausgesetzt. Aber auch durch Unwissenheit der Pädagogen und anderen Erwachsenen werden FASD-Betroffene oft angefeindet.

Kinder und betroffene Erwachsene sind mehr Unfallgefahren ausgesetzt, denn sie lernen wenig aus ihren Fehlern. Viele Betroffene haben mit autistischen Verhaltensweisen zu kämpfen, sind aber keine Autisten. Der Umgang mit Geld ist auch sehr schwierig. Das Planen von Terminen und das Einhalten von Abmachungen sind problematisch, da der Umgang mit Zeitansagen ebenfalls schwierig ist. Viele Kinder und auch Erwachsene sind Stuhl und Urin inkontinent. Die Fahrprüfung können auf Grund der Behinderung nur sehr wenige Betroffene machen.

Wie gestaltet sich der Alltag für Menschen mit dieser Erkrankung?

Sehr schwierig und komplex. Sie leiden an unkontrollierbaren Wutausbrüchen und unerklärbaren Ausrastern, Orientierungs- und Anpassungsschwierigkeiten sowie Planungs- und Umsetzungsschwierigkeiten. Daher brauchen Betroffene viel Anleitung. Ein selbstständig geführter Alltag ist häufig leider nicht möglich.

Welche Unterstützungsangebote gibt es für Betroffene?

Die Angebote sind viel zu knapp. Jährlich werden in Deutschland zwischen 6.000 und 10.000 Kinder mit FASD geboren. Doch obwohl die Zahl der Betroffenen so hoch ist und jährlich steigt, gibt es nicht genug Angebote. In Sachsen fehlt es zum Beispiel an sozialpädagogischen Einrichtungen für FASD-Betroffene. Es gibt später nur die Möglichkeit des ambulant betreuten Wohnens oder des Wohnens in Heimeinrichtungen.

Welche Hilfsangebote wünschen Sie sich für Betroffene?

Das Thema FASD wird in der medizinischen und pädagogischen Ausildung viel zu wenig betrachtet. Ärzte und Klinikpersonal sowie Pädagogen und Erzieher sollten in ihrer Ausbildung mit den Symptomen und den Verhaltensweisen von FASD-Betroffenen vertraut gemacht werden. Nur so kann diesen auch wirklich geholfen werden. Das würde auch dazu führen, dass einzelne Symptome besser und schneller erkannt und so die Diagnose auch früher gestellt werden kann. Neun von zehn Menschen mit FASD sind nicht diagnostiziert, weil die Symptome nicht erkannt werden.

Aber bei medizinischem und pädagogischem Personal hört es nicht auf. Vielfach sind auch die Ämter mit den Bedürfnissen von FASD-Betroffenen überfordert. Nicht selten dauert die Ausstellung eines Schwerbehindertenausweises zu lange. Da wünsche ich mir auch, dass wir höher eingestuft werden. Denn wie gesagt, haben wir mit vielen Einschränkungen im Alltag zu kämpfen.

Nicht abschließend, aber zuletzt wünsche ich mir eine bessere Betreuung von Betroffenen, am besten eine Einzelbetreuung. Damit auf die Bedürfnisse richtig eingegangen werden kann.

Kommentare (1)

  • Ellinger,Heide

    am 17.09.2022 um 17.39 Uhr

    Fasd ist eine unsichtbare Behinderung. Leider wird sie nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen .Ich begrüße die Veröffentlichung , die Benachteiligung der Fasd Kinder und Erwachsenen ist nicht zu Übersehen , die Aktionen zum 9.9. sind zu wenig und werden in keinster Weise sichtbar gemacht. Es ist zu bedenken das diese Form der Behinderung von der Geburt bis zum Tod den Menschen begleitet .

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