Vorstandswechsel an der Weser

Wie steht es um die AOK Bremen/Bremerhaven?
Olaf Woggan: Trotz aller Herausforderungen geht es der AOK Bremen/Bremerhaven gut. Wir haben uns dem Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfolgreich gestellt und können optimistisch nach vorne schauen. Wir haben den Wandel zur umfassend agil aufgestellten Krankenkasse geschafft und die AOK damit auf einen Entwicklungsstand gehoben, den andere Kassen noch auf ihrer To-do-Liste haben.
Was kann die AOK Bremen/Bremerhaven, was andere nicht können?

Franziska Sobik: Ein unschätzbarer Vorteil ist die Nähe zu den Ärztinnen und Ärzten, Kliniken, Apotheken oder Pflegeanbietern, aber auch zu den Arbeitgebern und Unternehmen vor Ort. Wir wissen, was in unserer Region los ist und wo es auch mal hakt und wir reagieren sehr schnell darauf - ob es um die schnelle Hilfe bei Arzneimittelengpässen geht, um die Einrichtung von Kinderambulanzen oder um bessere Krankenhausleistungen.
Ist die AOK dem Kassen-Wettbewerb auch in Zukunft gewachsen?
Sobik: Ja. Bis 2030 wollen wir 300 000 Menschen versichern, und wir sind auf einem guten Weg dahin. Die AOK ist eine Krankenkasse mit sehr jungen Versicherten – das Durchschnittsalter liegt bei rund 39 Jahren. Die Überalterung der Gesellschaft ist in Bremen nicht das Hauptproblem, sondern eher, die jüngeren Menschen für mehr Gesundheit im Alltag zu bewegen. Prävention von Krankheiten muss eine größere Rolle spielen.
Was sind die größten Herausforderungen der nächsten Zeit?
Sobik: Die Ausgaben dürfen laut der geplanten Gesundheitsreform nicht stärker steigen als die Einnahmen. Also müssen auch Leistungserbringer im Gesundheitswesen ihre Einkommenserwartungen zurückschrauben. Das bedeutet nicht, dass sie keinen Gewinn mehr machen können – aber er kann nicht mehr so hoch ausfallen wie in den vergangenen Jahren. Mediziner müssen arbeitsteiliger arbeiten, als Team mit den anderen Medizinberufen für die Patientinnen und Patienten agieren. Sie müssen sich besser und stärker vernetzen, so wie es auch in anderen Wirtschaftsbereichen praktiziert wird. Eine deutlich bessere Organisation in Kliniken, in der Notfallversorgung, in den Praxen ist für mich der Schlüssel überhaupt. Damit lässt sich die oft schlechte Stimmung in den Gesundheitsberufen erfolgreicher bekämpfen als mit mehr Geld – letzteres hat in den letzten zehn Jahren nicht funktioniert.
Was ärgert Sie im Gesundheitswesen am meisten?
Sobik: Eigentlich wissen doch alle, was wir alles verbessern müssen. Leider betrachten wir die bestehenden Herausforderungen jedoch meist isoliert und versuchen, ad hoc Einzellösungen zu finden, anstatt die gesamten Gesundheits- und Pflegeleistungen im Blick zu behalten. Hinzu kommt, dass wir die Private Krankenversicherung als fast einziges Land weltweit neben der Gesetzlichen Krankenversicherung aufrechterhalten. Mit sehr teuren Folgen für alle.
Woggan: Das stimmt. Hinzu kommt: Viele Stakeholder und ihre Interessenvertreter schaffen es nicht, über ihren eigenen Tellerrand hinaus auf das große Ganze zu schauen. Das zeigt auch die Diskussion um die aktuelle Gesundheitsreform. Fast alles wird daran festgemacht, dass andere weniger belastet werden als man selbst. Dabei bleibt die Vernunft auf der Strecke, und das ärgert mich tatsächlich.
Welche Stärke des deutschen Gesundheitswesens wird am meisten unterschätzt?

Sobik: Im Notfall, bei Unfällen oder Schlaganfall beispielsweise, greift ein Rädchen ins andere, und jede und jeder wird ohne Ansehen der Person oder des Geldbeutels sofort versorgt. Wir haben bestens ausgestattete Kliniken mit gut ausgebildetem Personal. Durch eine stärkere Konzentration der Leistungsbereiche könnte man sicherlich noch positivere Effekte für die Versorgung erzielen.
Woggan: Genial ist, dass wir auf der Basis eines Sachleistungsprinzips arbeiten und dennoch kein unmittelbar staatliches System sind. Das ist im Interesse der versicherten Menschen, wenn sie zu Patientinnen oder Patienten werden.
Mit welcher Schwäche kämpft das Gesundheitssystem am meisten?
Sobik: Fehlende Aufklärung und Transparenz, aber auch Mängel im Gesundheitswissen und in der Gesundheitsbildung. Denn sich allein auf Google oder KI zu verlassen, führt oft in die Irre – das sehen wir an den überfüllten Notfallambulanzen oder den Rettungswagen, die von Menschen gerufen werden, die ebenso gut zu ihrem Hausarzt hätten gehen können.
Ein spontaner Vorschlag, was oder wie es besser laufen könnte?
Sobik: Bessere Aufklärung, bessere Bildung – und mehr Bewusstsein in der Gesellschaft, dass Gesundheit, zu einem Teil wohlgemerkt, auch mit Selbstverantwortung zu tun hat. Was ist gesunde oder eher gesundheitsschädliche Lebensführung? Das sollten Kinder eigentlich wie Mathe und Deutsch in der Schule lernen.
Woggan: Selbstverantwortung ist ein gutes Stichwort. Auch die beste Krankenkasse wird Menschen nicht gesund erhalten können, wenn sie nicht daran mitwirken. Die aktuellen Vorschläge zur stärkeren Besteuerung von Tabak, Alkohol und nun endlich auch Zucker könnten auch von mir sein.
Sind wir im Bundesland Bremen besser gerüstet als andere für die kommenden Jahre?
Sobik: Ich denke schon. Wir bezahlen hier ohne Qualitätseinbußen erheblich weniger für Arzneimittel als im Bundesgebiet, weil wir die Medizinerinnen und Mediziner seit vielen Jahren fachkundig beraten. Die Kliniken sind teilweise schon auf Reformkurs, aber noch längst nicht am Ziel. Engpässe können wir durch die Nähe der Akteure oft gut meistern.
Oder sind auch die hiesigen Strukturen reformbedürftig?
Sobik: Tatsächlich steht die ambulante Versorgung durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Bremer Norden und in Bremerhaven stark unter Druck. Hier droht eine Unterversorgung – und selbst ein Konzept wie der „Gesundheitshaven“ in Bremerhaven schlägt nicht sofort ein, obwohl wir dort zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen viele finanzielle Risiken für junge Medizinerinnen und Mediziner abfedern.
Mit wem darf man es sich nicht verscherzen, wenn man eine Krankenkasse erfolgreich führen will?
Woggan: Die Menschen, die in der Krankenkasse arbeiten, sind das A und O. Wenn man es schafft, sie hinter sich zu versammeln – jedenfalls die meisten – dann wird alles gut.
Interview: Jörn Hons, Fotos: Jens Lehmkühler
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