Fachtagung 2026: Gemeinsam gegen Hass

Hasskommentare und andere Formen der digitalen Gewalt nehmen in sozialen Medien immer weiter zu. Auf der Selbsthilfe-Fachtagung 2026 des AOK-Bundesverbandes diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Selbsthilfe und Hilfsorganisationen gemeinsam mit Influencerinnen über wirksame Strategien gegen Hass im Netz.

Immer öfter werden Menschen auf Social-Media-Kanälen wie Instagram oder TikTok das Ziel von Anfeindungen. Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten sowie andere marginalisierte Gruppen stehen besonders im Fokus der Angriffe. Dabei reichen die Formen von der subtilen Herabsetzung über das gezielte Streuen von Falschinformationen bis hin zu Drohungen, extremen Beschimpfungen und Hasskommentaren. In der Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz der Hilfsorganisation HateAid gaben 15 Prozent der Befragten an, schon einmal selbst Opfer von Hass im Netz geworden zu sein. Und mit 45 Prozent beantwortete fast die Hälfte der befragten Internetnutzerinnen und -nutzer die Frage, ob sie schon beobachtet hätten, wie sich der Hass gegen andere richtete.

Carola Reimann am Rednerpult, im Hintergrund steht auf einer grünen Wand in weißer Schrift: Selbsthilfe-Fachtagung.
Dr. Carola Reimann

„Natürlich kann man den Betroffenen raten wegzuhören, es zu ignorieren, drüber zu stehen. Aber die Beleidigungen, die Ablehnungen, die Diskriminierungen und teilweise auch die Drohungen machen was mit ihnen. Sie bewirken Panikattacken, soziale Phobien, Depressionen. Und einige Betroffene – besonders oft junge – treiben sie sogar in den Suizid“, betonte Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverbandes, zum Auftakt der Tagung. „Die digitale Inklusion darf nicht durch Hassrede und Ausgrenzung mundtot gemacht werden.“ Die AOK fühle sich als eine der größten Krankenkassen Die 97 Krankenkassen (Stand: 26.01.22) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… verantwortlich dafür, ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen und die digitale Inklusion vorantreiben. „Uns ist es wichtig, auch mit dieser Tagung einen Dialog anzustoßen und die Hetze im Netz einzudämmen“, so Reimann.

Hatespeech ist auch an Schulen weit verbreitet

Prof. Ludwig Bilz steht an einem Rednerpult und gestikuliert.
Prof. Ludwig Bilz

In seinem Vortrag „Hatespeech an Schulen: Was können Lehrkräfte tun?“ verdeutlichte Prof. Dr. Ludwig Bilz von der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), dass Hasskommentare mitnichten ein rein digitales Phänomen, sondern längst auch im analogen Leben angekommen seien. Der Begriff Hatespeech bezeichne abwertende Äußerungen über Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Aussehens – also über Menschen als Angehörige bestimmter sozialer Gruppen, machte Bilz klar. Der Wissenschaftler stellte die Ergebnisse einer aktuellen Studie vor, der zufolge 27 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen schon selbst an ihrer Schule Ziel von Hatespeech geworden sind. Jungen üben Hatespeech häufiger aus, Mädchen werden hingegen häufiger zum Opfer. Und über 20 Prozent erleben online Hatespeech mehrmals in der Woche. Die häufigste Form von Hatespeech an Schulen seien beleidigende Witze, die sich zumeist mit der Hautfarbe oder der Herkunft von Menschen beschäftigten, gefolgt von Beleidigungen gegen die sexuelle Orientierung oder die Religion, erläuterte Bilz.

Cover des Vortrags von Prof. Ludwig Bilz

„Hatespeech an Schulen: Was können Lehrkräfte tun?“

Vortrag von Prof. Dr. Ludwig Bilz, Brandenburgisch Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Format: PDF | 9 MB

Politik muss Strukturen verändern

Anna-Lena von hodenberg steht an einem Rednerpult und spricht.
Anna-Lena von Hodenberg

Warum es sich lohnt, trotz Hass und Hetze den digitalen Raum nicht einfach aufzugeben, erläutere Anna-Lena von Hodenberg. Die Gründerin und Geschäftsführerin der Hilfsorganisation HateAid machte auch auf die Chancen aufmerksam, die die sozialen Medien marginalisierten Gruppen bieten. „Früher wurde in den Medien über Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen immer nur aus der Perspektive von nicht-Betroffenen berichtet, meist mit einem mitleidigen Unterton“, so von Hodenberg. Die sozialen Medien hätten das verändert, erstmals seien alle Menschen gleichermaßen in der Lage, ihre Geschichten aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen. Doch der Wind habe sich gedreht, warnte von Hodenberg vor dem sogenannten Silencing Effekt durch Hass: 57 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer trauten sich seltener, ihre politische Meinung im Netz zu sagen, aus Angst vor Hass und Hetze. Hass schränke somit die Meinungsvielfalt und -freiheit sowie den demokratischen Diskurs ein. „Wir dürfen uns nicht aus dem Netz verdrängen lassen. Dafür werden wir, dafür wird aber vor allem die Politik die Strukturen und Regeln für soziale Medien verändern müssen.“

„Mut zur Sichtbarkeit. Warum wir im Netz Schutz, Solidarität und klare Regeln brauchen"“

Vortrag von Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin von HateAid

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Opfer nicht allein lassen

Raúl Krauthausen sitzt in einem Rollstuhl, der auf der Bühne steht. Er spricht in ein Mikrofon.
Raúl Krauthausen

„Mir wird oft gesagt, wenn das Internet so voller Hass ist, dann soll ich das Internet halt aus machen, es zwinge mich ja keiner, es zu nutzen. Aber das kann doch nicht ernsthaft die Lösung sein. Die einzige echte Lösung wären klare Regeln für die Plattformbetreiber“ machte Raúl Krauthausen, Inklusions-Aktivist und Vorstand des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden, deutlich. Die Plattformbetreiber müssten endlich gezwungen werden, die Opfer von Hass besser zu schützen. „Und wenn sie diese Regeln nicht einhalten, muss das sanktioniert werden. Wir haben im analogen Leben ja auch ganz klare Regeln entwickelt, was erlaubt ist und was nicht“, so Krauthausen weiter. Man dürfe die Opfer von Hass im Netz nicht allein lassen, hier seien alle gefragt, auch politisch aktiv zu werden. Krauthausen äußerte zudem seine Sorge, dass die Gesellschaft zunehmend abstumpfe und plötzlich wieder Dinge sagbar geworden seien, die lange unsagbar gewesen seien. „Und es gibt keinen gesellschaftlichen Aufschrei, kaum jemand sagt was dagegen, weil Dinge schleichend wieder sagbar geworden sind.”

Mit Behinderung sichtbar sein

Die Influencerinnen Melisa Akdag (mi.) und Janina Nagel (re.) im Gespräch mit Moderator Michael Bernatek

Die beiden Influencerinnen Melisa Akdag und Janina Nagel sprachen anschließend mit dem Moderator Michael Bernatek über ihren Alltag in den sozialen Medien. „Als ich nach Corona angefangen habe, mich für Instagram zu interessieren und auch Lust hatte, selber aktiv zu posten, habe ich dort quasi keine Menschen mit einer sichtbaren Behinderung Nach der sozialrechtlichen Definition liegt eine Behinderung vor, wenn die körperlichen Funktionen,… wahrgenommen“, erzählt Akdag. Am Anfang habe sie deshalb gedacht, ihre Spastik auf Instagram verstecken zu müssen. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich zu der Einsicht gekommen bin, dass ich mich selbst so zeigen möchte, wie ich nun mal bin.“ Dass ihr heute viele Menschen, vor allem junge Frauen, schrieben, dass sie sich endlich gesehen fühlten und sich nun auch selber trauten, im Netz offener über ihre eigenen Einschränkungen zu sprechen, mache sie stolz. 

Auch Janina Nagel, die in den sozialen Medien als Fitness-Influencerin begonnen hatte, berichtete, dass es ihr mittlerweile mehr darum gehe, die Menschen an ihrem Leben als Kleinwüchsige teilhaben zu lassen. „Ich will dort aufklären, wie es ist, mit Kleinwuchs zu leben. Ich möchte dort mit meiner Behinderung gesehen werden, so wie andere Menschen dort auch ohne Behinderung gesehen werden.“ Beide berichteten von Erfahrungen mit negativen und oft auch sexualisierten Kommentaren. Immer öfter posteten die Hater mit ihrem Klarnamen. „Ich lösche solche Kommentare und blockiere deren Urheber“, so Nagel. Akdag ergänzte: „Manchmal lasse ich bestimmte Kommentare bewusst stehen, um die Diskriminierung sichtbar zu machen. Vor allem aber habe ich begriffen, dass solche Kommentare mehr über die Menschen aussagen, die sie schreiben, als über mich.“

Jugendliche stellen klare Forderungen an die Politik

Yeliz Kidis steht hinter einem Rednerpult auf der Bühne der Fachtagung.
Yeliz Kidis

Mit dem Projekt „Inkluencer als Digital Speaker und Adviser“ widmete sich das Kindernetzwerk 2025 der Frage, wie soziale Medien für junge Menschen zu Räumen werden können, in denen Inklusion Selbsthilfe und Teilhabe gelingen. „Mit dem Projekt wollten wir in sozialen Medien agierende Inklusions-Influencer, die nicht an die organisierte Selbsthilfe angebunden sind, mit jungen Selbsthilfe-Aktiven zusammenzubringen, die bislang wenig Berührung mit sozialen Medien hatten“, erläuterte Projektleiterin Yeliz Kidis. Die so gebildete Fokus-Gruppe fasste im Projektverlauf verschiedene Forderungen in einer Broschüre zusammen und präsentierte diese mehreren Bundestagsabgeordneten im Rahmen eines parlamentarischen Nachmittags. „Die Jugendlichen haben die Politik an diesem Nachmittag ganz klar aufgefordert, Hatespeech in Medien und Internet wirksam zu verhindern – mit klaren Gesetzen, öffentlichen Meldestellen und mehr Aufklärung an Schulen und Universitäten“, so Kidis. 

„Digitale Selbsthilfe zwischen Inklusion und Hatespeech: Erkenntnisse aus dem Projekt Inkluencer als Digital Speaker & Adviser“

Vortrag von Yeliz Kidis, Leiterin des Projekts Inkluencer als Digital Speaker & Adviser beim Kindernetzwerk e. V.

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Selbsthilfe muss sich klar positionieren

Peggy Heinz steht hinter einem Rednerpult auf einer Bühne
Peggy Heinz

„Selbsthilfe steht für gelebte Demokratie, Vielfalt und gegenseitige Unterstützung“, sagte Peggy Heinz, stellvertretende Geschäftsführerin der Nationalen Kontaktstelle für die Selbsthilfe (NAKOS). Im Rahmen einer Umfrage hätten Selbsthilfekontaktstellen aus ganz Deutschland von Abwertungen und Beleidigungen in den Selbsthilfegruppen Viele Kranke und ihre Angehörigen engagieren sich in Selbsthilfegruppen, um Unterstützung bei der… berichtet. Jede fünfte Kontaktstelle habe angegeben, dass bei ihnen neue Gruppen gegründet werden sollten, deren Positionen den Grundwerten der Selbsthilfe klar widersprachen. „Die NAKOS hat darauf reagiert, hat sich auch Expertenrat von außen geholt, beispielsweise bei der Amadeu-Antonio-Stiftung, um für die Kontaktstellen konkrete Handlungsempfehlungen zu erstellen.“ Auch die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e. V. (DAG SHG) habe ein Positionspapier veröffentlicht, in dem die Vielfalt der Selbsthilfe als Grundbedingung für den Erfolg genannt wird. Deshalb, so die DAG SHG, hätten menschenfeindliche und antidemokratische Gesinnungen in der Selbsthilfe keinen Platz. 

 

„Worte als Waffe, Werte als Schild: Wie wir Vielfalt und Vertrauen in der Selbsthilfe verteidigen können“

Vortrag von Peggy Heinz, stellvertretende Geschäftsführerin der NAKOS

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Politik muss rechtliche Rahmenbedingungen schaffen

Fünf Personen sitzen bei dieser Podiumsdiskussion nebeneinander auf Stühlen, die im Halbkreis arrangiert sind.
Podiumsdiskussion mit Michael Bernatek, Melisa Akdag, Dr. Henriette Högl, Prof. Ludwig Bilz und Anna-Lena von Hodenberg (v.links nach rechts)

In der abschließenden Podiumsdiskussion machte Wissenschaftler Bilz noch einmal deutlich, dass der Forschungsrückstand zu diesem Thema weiterhin immens sei. Er resümierte, dass weder die Eltern noch Organisationen wie etwa Schulen in der Lage seien, junge Menschen vor den negativen Folgen in den sozialen Medien zu schützen. „Hier muss ganz klar die Politik aufgefordert werden, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Sicherheit für die Nutzenden gewährleisten.“ Von Hodenberg machte deutlich, dass die Politik bei dieser Thematik theoretisch bereits einiges getan habe. „Letzten Endes sind die Gesetze da – sie werden nur nicht durchgesetzt“, so Hodenberg. Die Influencerin Melisa Akdag betonte, dass angesichts der noch fehlenden rechtlichen Unterstützung es wohl letztlich auch Aufgabe der Eltern sei, aktiv ihre Kinder zu schützen und zu unterstützen. Henriette Högl, Geschäftsführerin des Kindernetzwerkes, sagte, dass sie sich genauso wie zuvor schon Raúl Krauthausen frage: „Warum geht hier eigentlich kein Aufschrei durch die Gesellschaft?“

Claudia Schick im Gespräch mit Moderator Michael Bernatek

Claudia Schick, Selbsthilfereferentin im AOK-Bundesverband und Organisatorin der Veranstaltung, zeigte sich abschließend sehr zufrieden mit der Tagung: „Die Tagung hat gezeigt, dass es nicht nur ein Thema innerhalb der Bubble der Selbsthilfe ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft und damit unserem gesamten Versorgungauftrag als Krankenkassenverband. Der Input, den wir bekommen haben, die Diskussionen, die geführt wurden und die vielfachen Vernetzungen, für die unsere Tagungen immer wieder genutzt werden, haben meine Erwartungen bei weitem überstiegen. Für mich ist heute sehr klar geworden, dass zum einen die Politik an dieses Thema ran muss und zu kontrollieren hat, dass vorhandene Gesetze auch umgesetzt werden.“ Für junge Menschen gehöre Social Media zum Leben dazu, sie nutzten es und brauchten es in ihrem Alltag, so Schick weiter. „Wir haben heute viele gute Ideen gehört, wie sich soziale Medien sicherer machen lassen und wo es Unterstützung gibt. Trotzdem bleiben auch die Eltern in der Pflicht, sich aktiv einzubringen, sich dafür zu interessieren, wo sich ihre Kinder im Netz aufhalten und welcher Ton dort herrscht. Letztlich sind wir alle aufgerufen, genauer hinzuschauen und aktiv zu werden, und dort, wo wir Hasskommentare wahrnehmen, diese zu melden und zur Anzeige zu bringen“, so Schick in ihrem Resümee.

Gemeinsam gegen Hass

G+G Spezial 1/2026
Das G+G-Spezial ist die thematische Zusammenfassung des Tagungsthemas mit verschiedenen Projektberichten, Interviews und interessanten Studienergebnissen und anderen Fakten zum Thema.

Format: PDF | 1 MB

Pressekonferenz

Vorstellung des neuen Public Health Index

Wo steht Deutschland beim Thema Prävention im internationalen Vergleich?