Netzwerke sichern die Pflege daheim
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt – regional jedoch unterschiedlich stark. Mit „ReGe Pflege“ vernetzt die AOK Rheinland/Hamburg kommunale Akteure und erleichtert Betroffenen den Zugang zu Unterstützungsangeboten.
Laut Statistischem Landesamt werden aktuell in Nordrhein-Westfalen 88 Prozent der knapp 1,4 Millionen Menschen mit anerkanntem Pflegebedarf im häuslichen Umfeld versorgt – überwiegend durch Partnerinnen und Partner oder andere nahestehende Personen. Dieses private Engagement bildet das Rückgrat des Pflegesystems und ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… leistbar bleibt. Gleichzeitig wächst der Druck auf pflegende Angehörige: steigende Pflegebedarfe, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie fehlende Entlastungsangebote verschärfen die Anforderungen an Familien und informelle Pflegepersonen. Angehörigenpflege ist damit längst nicht mehr nur eine private Aufgabe, sondern eine zentrale sozial- und gesundheitspolitische Herausforderung.
Ziel:
Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von zu Hause gepflegten Menschen und ihren Angehörigen durch besseren Zugang zu Präventions- und Gesundheitsangeboten sowie durch den Aufbau und die Stärkung wohnortnaher Netzwerke.
Träger:
Träger: AOK Rheinland/Hamburg
Partner: IGES Institut GmbH, MA&T Sell & Partner GmbH, regionale Akteure
Zielgruppe:
Häuslich gepflegte Menschen ab 60 Jahren mit den Pflegegraden 1-3, ihre Angehörigen sowie kommunale Akteure aus Pflege, Gesundheit, Sozialwesen und Ehrenamt.
Ansatz und Umsetzung:
Auf- und Ausbau regionaler Netzwerke und Förderung bestehender Strukturen. Zentrale Koordination und Qualifizierung von Multiplikatoren. Entwicklung von niedrigschwelligen, bedarfsgerechten Präventions- und Gesundheitsangeboten für Menschen in der häuslichen Pflege. Wissenschaftliche Begleitung.
Mehrwert:
Bessere Nutzung vorhandener Angebote, bedarfsgerechte Entwicklung neuer Angebote und nachhaltige Stärkung kommunaler Präventions- und Pflegestrukturen.
Vorhandene Angebote stärken, Zugänge erleichtern
Mit dem Projekt „ReGe Pflege – Regionales Gesundheitsnetz für Pflegebedürftige Daheim“ reagiert die AOK
Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart…
Rheinland/Hamburg gemeinsam mit wissenschaftlichen und regionalen Partnern, darunter das IGES Institut (Berlin), auf die vorherrschende Entwicklung. Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen im häuslichen Umfeld und ihre Angehörigen besser zu erreichen, ihre Lebensqualität nachhaltig zu stärken und präventive sowie gesundheitsfördernde Angebote systematisch auf kommunaler Ebene zu verankern.
Im Vordergrund steht der Auf- und Ausbau regionaler Netzwerke, in denen Akteure aus Pflege, Gesundheitsversorgung, Kommunalverwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Ehrenamt
Die ehrenamtliche Betreuung von Pflegebedürftigen ist ein wichtiger Bestandteil der…
verbindlich zusammenarbeiten. Es werden neue Strukturen geschaffen oder bestehende auf Gesundheitsförderung
ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über…
ausgerichtet. So werden vorhandene Angebote gezielt gestärkt und strukturelle und zeitliche Zugangsbarrieren für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen abgebaut, die einer Nutzung bislang häufig im Weg standen. Bestehende Lücken werden durch neue Angebote in Verbindung mit einer regionalen Bedarfserhebung Stück für Stück geschlossen.
„ReGe Pflege“ ist im März 2024 gestartet. Das Projekt läuft noch bis April 2027 und ist als übertragbares Modell angelegt. Eine Ausweitung auf weitere Regionen im Bundesgebiet ist bereits geplant. Nach Einschätzung der AOK Rheinland/Hamburg sind die frühe Einbindung der Kommunen, klare Zuständigkeiten im Netzwerk und verbindliche Kommunikationsstrukturen zentrale Erfolgsfaktoren des Projekts. Aus Sicht der AOK liefert es damit wichtige Impulse für eine stärker präventiv ausgerichtete Pflegepolitik auf kommunaler Ebene und zeigt, wie sich Gesundheitsförderung in der häuslichen Pflege durch verlässliche Netzwerke zukunftsfähig gestalten lässt.
Erprobung in Modellregionen
Nach einer umfassenden Konzept- und Recherchephase wird „ReGe Pflege“ aktuell in den drei Pilotregionen Aachen, Euskirchen und Wesel umgesetzt. Im Vorfeld fanden strukturierte Expertengespräche, unter anderem mit Ärztinnen und Ärzten, ambulanten Pflegediensten und pflegenden Angehörigen, statt. Da es sich um ein interventionsbezogenes Projekt für vulnerable Zielgruppen handelt, wurde bei der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft ein Antrag zur ethischen Begutachtung eingereicht. Das Projektkonzept einschließlich Evaluation, Datenschutz
Der Datenschutz ist in der Sozialversicherung von besonderer Bedeutung, da ihre Träger auf eine…
und Schutzmaßnahmen erhielt daraufhin ein positives Ethikvotum von der Kommission.
Zentrales Element ist der Aufbau verbindlicher regionaler Gesundheitsnetzwerke mit Steuerungsgremien, in denen kommunale Gebietskörperschaften, Wohlfahrtsverbände, Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, Sportorganisationen sowie Interessenvertretungen älterer Menschen vertreten sind. Eine regionale Koordinierungsstelle übernimmt das Netzwerkmanagement, organisiert Veranstaltungen und sichert die Kommunikation sowie Öffentlichkeitsarbeit.
Niedrigschwellige Ansprache und koordinierte Versorgung
Bereits jetzt – während der laufenden Projektphase – zeigen sich nach Aussagen der AOK Rheinland/Hamburg positive Effekte: Die maßgeblichen Partner vor Ort sind besser vernetzt, lokale Angebote stoßen auf positive Resonanz, und viele Pflegebedürftige sowie Angehörige fühlen sich erstmals gezielt angesprochen. Deutlich wird dabei, dass nachhaltige Verbesserungen weniger durch zusätzliche Angebote entstehen als durch den Abbau von Barrieren (z.B. mangelnde Bekanntheit, Erreichbarkeit von Angeboten), eine bessere Koordination, Erhöhung der Bekanntheit, niedrigschwellige Zugänge und die systematische Nutzung vertrauter Anlaufstellen wie Pflegedienste, Hausärztinnen und Hausärzte oder soziale Treffpunkte.
Die abschließenden Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation werden zum Ende der Pilotierung durch das IGES Institut erwartet. Untersucht wird dann unter anderem, ob Angebote besser angenommen wurden, ob für die Thematik sensibilisiert werden konnte und ob vielleicht eine Zunahme der Pflegebedürftigkeit Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) vom 27. November 2015 wurde der Begriff der… messbar verzögert werden konnte. Darüber hinaus wird entsprechend der regionalen Zielsetzungen bewertet, welche Strukturmerkmale (Angebote, Netzwerkaktivitäten, Integration in bestehende Strukturen) sich verändert haben.
Mehrwehrt für den Pflegealltag
Welche konkreten Veränderungen erleben pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen durch „ReGe Pflege“ in ihrem Alltag – und woran zeigt sich der Mehrwert des Vorhabens besonders deutlich?
Durch ReGe Pflege verändert sich der Alltag pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen spürbar. Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… und Gesundheitsförderung werden wohnortnah, niedrigschwellig und vernetzt zugänglich – getragen von einem gemeinsamen Engagement vieler Akteure sowie der pflegebedürftigen Menschen selbst.
Im Mittelpunkt steht eine neue, ressourcenorientierte Perspektive: Mit Instrumenten wie dem „Stärken-Kompass“ wird gezielt darauf geschaut, welche Fähigkeiten erhalten oder wieder aufgebaut werden können. Dadurch entsteht eine ermutigende Haltung, die nicht nur Defizite, sondern Potenziale in den Blick nimmt. Der Mehrwert zeigt sich besonders in der besseren Vernetzung, der gezielten Vermittlung in passende Angebote – etwa im Bereich Bewegung, Begegnung oder Beratung – und in einer ganzheitlichen, alltagsnahen Unterstützung. ReGe Pflege schafft Zugänge und stärkt Lebensqualität nachhaltig, ohne auf einzelne Maßnahmen reduziert zu werden.
Welche Rolle spielen die Kommunen in dem Vorhaben, und was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die aufgebauten Netzwerke auch über die Projektlaufzeit hinaus tragfähig bleiben?
Eine angemessene Pflege ist oft nur durch privates und familiäres Engagement möglich, da die meisten pflegebedürftigen Menschen zu Hause leben. Gleichzeitig ist diese Zielgruppe schwer zu erreichen – hier kommt den Kommunen eine zentrale Rolle zu. Werden kommunale Pflege- und Sozialstrukturen frühzeitig eingebunden, entstehen Vertrauen, Nähe und kurze Wege. Damit Netzwerke über die Projektlaufzeit hinaus tragfähig bleiben, braucht es deshalb eine aktive kommunale Beteiligung, klare Koordinationsstrukturen – idealerweise mit dauerhaft verankerter Netzwerkkoordination – sowie eine gemeinsame Finanzierungsperspektive, etwa durch Anbindung an bestehende Förderstrukturen. Hier setzt ReGe Pflege an: Über Multiplikatoren wie Pflege- und Seniorendienste, Mitarbeitende der Pflegeberatung Bei der Pflegeberatung handelt es sich um eine individuelle Beratung und Hilfestellung durch eine… oder Trainerinnen und Trainer in Sportvereinen wird ein nachhaltiger Zugang zu pflegebedürftigen Menschen sowie zu ihren An- und Zugehörigen geschaffen. Gesundheitsförderung und Prävention werden dauerhaft in regionale Strukturen integriert und die Förderung von Selbstständigkeit und Lebensqualität wird auch bei Pflegebedarf gestärkt.
Welche zentralen Erkenntnisse aus den bisherigen Modellregionen lassen sich bereits heute auf andere Regionen übertragen – und wo sehen Sie die größten politischen Stellschrauben für eine Weiterentwicklung der häuslichen Pflege?
Die Rückmeldungen aus unseren Pilotregionen sind sehr positiv. Die Partner vor Ort sind gut vernetzt, und die pflegebedürftigen Menschen fühlen sich angesprochen und eingebunden. Besonders deutlich zeigt sich, dass häusliche Pflege Als "häusliche Pflege" wird die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in ihrer häuslichen Umgebung,… dann wirksam unterstützt werden kann, wenn Prävention, Pflege und kommunale Strukturen systematisch miteinander vernetzt werden. Denn der Zugang zu pflegebedürftigen Menschen gelingt vor allem über lokale Akteure und Vertrauenspersonen. Gleichzeitig zeigen die Modellregionen, dass nachhaltige Verbesserungen in der häuslichen Pflege nur gelingen, wenn die Rahmenbedingungen passen. Zu den zentralen politischen Stellschrauben zählt eine stärkere Verzahnung von Pflege, Prävention und kommunaler Daseinsvorsorge in Förderlogiken und gesetzlichen Grundlagen. Außerdem geht es um den gezielten Ausbau und die langfristige Finanzierung kommunaler Koordinierungs- und Netzwerkstrukturen. Wichtig ist uns, gesundheitsfördernde Pflege und primärpräventive Ansätze in der häuslichen Pflege als festen Bestandteil anzuerkennen.