Erste Pflege-Hilfe am Arbeitsplatz
Wer beruflich eingespannt ist, den stellt ein plötzlicher Pflegefall im privaten Umfeld vor große Herausforderungen. Die AOK PLUS beteiligt sich am Projekt „Pflegelotse/Pflegelotsin im Betrieb“. Ziel ist es, Mitarbeitende als erste Ansprechperson zu qualifizieren, um Kolleginnen und Kollegen in Pflegesituationen Orientierung zu geben.
Immer mehr Beschäftigte geraten in einen schwierigen Spagat: Neben dem Job übernehmen sie die Pflege von Angehörigen. In Thüringen sind rund 106.000 Menschen pflegebedürftig, 88 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt – häufig durch berufstätige Familienmitglieder. Die Folge ist eine hohe psychische und physische Doppelbelastung. Gleichzeitig stehen Arbeitgeber vor der Herausforderung, kurzfristige Ausfälle aufzufangen und Fachkräfte langfristig zu binden.
Ein gemeinsames Angebot der Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung (ThAFF) und der AOK PLUS setzt genau hier an. Im Rahmen von Paragraf 15 Sozialgesetzbuch (SGB) I ("Auskunftspflicht") qualifizieren beide Partner sogenannte „Pflegelotsen/Pflegelotsin im Betrieb“. Diese speziell geschulten Mitarbeitenden fungieren im Unternehmen als erste Ansprechpersonen, wenn Kolleginnen und Kollegen plötzlich mit einem Pflegefall konfrontiert sind.
Ziel:
Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege durch frühzeitige Orientierung und Unterstützung im Unternehmen.
Träger:
AOK PLUS und die Thüringer Agentur Für Fachkräftegewinnung (ThAFF).
Zielgruppe:
Beschäftigte in Unternehmen sowie Arbeitgeber in Thüringen.
Ansatz:
Qualifizierung von Mitarbeitenden zu betrieblichen Pflegelotsinnen und -lotsen als erste Anlaufstelle im Pflegefall.
Umsetzung:
Digitale, modulare Schulung mit praxisnahen Inhalten zu Pflege, Finanzierung und rechtlichen Rahmenbedingungen; Bewerbung über Unternehmenskanäle und AOK PLUS.
Mehrwert:
Entlastet Beschäftigte und Unternehmen, reduziert pflegebedingte Ausfälle und leistet einen Beitrag zur Fachkräftesicherung.
Orientierung im „Pflege-Dschungel“
Der Bedarf ist angesichts einer steigenden Anzahl an pflegebedürftigen Menschen groß. Dabei tritt Pflegebedürftigkeit oft unerwartet ein und Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Viele Betroffene fühlen sich im komplexen System aus Pflegeversicherung, Versorgungsformen und gesetzlichen Vorgaben orientierungslos. All das müssen sie neben dem Job regeln. Die Pflegelotsinnen und Pflegelotsen im Betrieb sollen diese erste Hürde senken. Sie geben eine strukturierte Erstberatung, zeigen Wege auf und verweisen bei Bedarf an weiterführende Stellen.
Die Qualifizierung der Lotsen und Lotsinnen erfolgt über einen digitalen Kurs mit sechs modularen Lerneinheiten; unter anderem zu Pflegeversicherung, Finanzierung, Versorgungsformen und gesetzlichen Freistellungsregelungen. Die ThAFF verantwortet Inhalte und Durchführung, während die AOK PLUS ihr fachliches Know-how aus der Pflegepraxis einbringt.
Entlastung für Beschäftigte und Unternehmen
Das Kursangebot verfolgt mehrere Ziele: Mitarbeitende sollen befähigt werden, Kolleginnen und Kollegen in familiären Pflegesituationen zu unterstützen. Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege verbessert, indem innerbetriebliche Beratungsstrukturen entstehen. Davon profitieren auch die Unternehmen selbst – durch weniger Fehlzeiten, eine stärkere betriebliche Gesundheitskultur und eine bessere interne Kommunikation zum Thema Pflege.
Dass das Konzept funktioniert, zeigen die steigenden Zahlen der qualifizierten Pflegelotsinnen und Pflegelotsen sowie die Anmeldungen zum Kursangebot „Pflegelotse/Pflegelotsin im Betrieb“ der AOK-PLUS.
Für Betriebe hat das Angebot einen „großen Vorteil“, erklärt die Pflegelotsin im Betrieb, Kerstin Haupt, die als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Jena tätig ist. „Es macht das Unternehmen attraktiv, motiviert die Mitarbeiter.“ Sie würde es jedem Unternehmen empfehlen. Haupt ist selbst Betroffene und weiß um die Defizite. Sie kritisiert, dass die Gesellschaft nicht sensibel genug für das Thema sei. Etwa 70 Prozent des Gesprächs mit pflegenden Angehörigen, die in der Regel während der Arbeitszeit stattfinden, besteht aus Emotionen, berichtet sie.
„Pflegelotsen im Betrieb haben einen großen Vorteil für Arbeitgeber. Es macht das Unternehmen attraktiv, motiviert die Mitarbeiter.“
Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jena und Pflegelotsin im Betrieb
Niedrigschwellig und praxisnah
Ein Erfolgsfaktor des Projektes der AOK PLUS in Thüringen ist der einfache Zugang. Die Teilnahme für die künftigen Pflegelotsinnen und Pflegelotsen ist kostenfrei, digital organisiert und kann im Vier-Wochen-Rhythmus zeit- und ortsunabhängig individuell genutzt werden. Anmeldung und Information erfolgen zielgruppengerecht über Flyer, Website und QR-Code, flankiert von Firmenkunden-Newslettern, Sondermailings und gemeinsamer Pressearbeit.
Inhaltlich setzt der Kurs auf Praxisnähe. Reale Pflegesituationen und betriebliche Lösungswege stehen im Mittelpunkt. Die klare Botschaft lautet: Pflegelotsinnen und Pflegelotsen geben Orientierung im Pflegefall – schnell, unkompliziert und auf Augenhöhe.
Modell mit Zukunft
Das modulare, digitale Schulungskonzept ist leicht auf andere Regionen und Branchen übertragbar. Es zeigt, dass Unternehmen mit vergleichsweise geringem Aufwand wirksame Unterstützungsstrukturen aufbauen können. Gleichzeitig wird deutlich, welches Synergiepotenzial in Kooperationen zwischen Pflegekassen und Fachkräfteagenturen steckt.
Frühzeitige Sensibilisierung im Unternehmen, etwa durch die Einbindung von Personalabteilungen, erhöht die Akzeptanz und Teilnahme. Damit wird das Projekt nicht nur zu einem Instrument der sozialen Verantwortung, sondern auch zu einem wichtigen Baustein der Fachkräftesicherung in Zeiten des demografischen Wandels.