Mehr Zeit für individuelle Pflege
Im Projekt „IstZeitPflege“ der AOK Baden-Württemberg und der Caritas Hochrhein entscheiden Pflegefachkräfte eigenverantwortlich mit den Pflegebedürftigen, was diese brauchen. So wird die Versorgung noch bedarfsgerechter.
In Baden-Württemberg gibt es nach Angaben des Statistischen Landesamtes aktuell 1.297 ambulante Pflegedienste. 102.736 der insgesamt 624.831 Pflegebedürftigen werden von diesen zu Hause betreut. Für viele Pflegekräfte bedeutet das bislang einen durchgetakteten Arbeitsalltag mit engen Zeitfenstern und festen Abläufen. Wie anders Pflege
Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf…
organisiert werden kann, zeigt das Modellprojekt „IstZeitPflege“, das seit 2019 von der Caritas Hochrhein in Zusammenarbeit mit der AOK
Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart…
Baden-Württemberg und den Pflegekassen in Baden-Württemberg umgesetzt wird.
Pflegefachkräfte entscheiden in Abstimmung mit den Patientinnen und Patienten, welche Unterstützung konkret erforderlich ist – und rechnen ausschließlich die tatsächlich dafür benötigte Zeit ab. „Wir können jetzt viel individueller auf jeden Einzelnen eingehen. Nach dem alten Modell ging so was nicht“, erläutert Pflegerin Sarah Neudecker von der Caritas-Sozialstation St. Martin. Das Abrechnungsprinzip funktioniert ähnlich wie beim Handwerker: Maßgeblich ist der reale Zeitaufwand. Ziel ist es, die Pflege stärker an den individuellen Bedürfnissen pflegebedürftiger Menschen auszurichten und zugleich die Arbeitsbedingungen der Pflegefachkräfte zu verbessern.
Ziel:
Pflege stärker an den individuellen Bedürfnissen pflegebedürftiger Menschen auszurichten, die pflegerische Versorgung sicherzustellen, fachpflegerische Personalressourcen effizient in den Systemen von SGB XI und SGB V einzusetzen und zugleich die Zufriedenheit von Pflegebedürftigen und Pflegekräften zu erhöhen.
Träger:
Der Caritasverband Hochrhein e. V. hat die Umstellung auf „IstZeitPflege“ bei drei Sozialstationen vollzogen. Insgesamt profitieren bereits 170 Pflegepersonen und rund 1.429 Versorgungen von diesem neuen Versorgungssystem. In Kürze wird die vierte Sozialstation des Caritasverbands Hochrhein umstellen und weitere Träger werden folgen.
Zielgruppe:
Pflegebedürftige Menschen, pflegende Zu- und Angehörige sowie Pflegefachkräfte in der ambulanten Versorgung in den beteiligten Sozialstationen.
Ansatz:
Abkehr von standardisierten Leistungsmodulen, Paketmodellen und Verrichtungsbezug hin zu einer bedarfsgerechten und individuellen Versorgung. Durch die zeitbasierte Vergütung wird die tatsächlich benötigte und erbrachte Zeit abgerechnet. Pflegefachkräfte entscheiden in Abstimmung mit den Patientinnen und Patienten, welche Unterstützung insgesamt für die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung erforderlich ist und welche Unterstützung konkret von der professionellen Pflege erbracht wird.
Umsetzung:
Einführung des Modells im Rahmen von Einzelverhandlungen zwischen dem Caritasverband Hochrhein und der AOK Baden-Württemberg auf Basis eines transparenten Kalkulationsschemas, das unter anderem Nettojahresarbeitszeiten, Personalkosten nach Qualifikation sowie Overhead- und Investitionskosten berücksichtigt. Erprobung seit 2019 in ausgewählten Sozialstationen und schrittweise Ausweitung.
Mehrwert:
Individuellere pflegerische Versorgung und Unterstützung ohne starre Leistungsvorgaben, weniger Zeitdruck für Pflegekräfte, höhere Zufriedenheit im Berufsalltag sowie nachweislich keine Mehrkosten für Patientinnen und Patienten. Die Vergütungssätze sind mit den Pflegekassen vereinbart; in einzelnen Fällen kann die Versorgung sogar günstiger sein als im bisherigen Modulsystem.
Zufriedenheit der Pflegekräfte deutlich angestiegen
Erprobt wurde das neue Konzept zunächst 2019 in der Sozialstation St. Martin in Wehr (Landkreis Waldshut) und in der Sozialstation Dreisamtal in Kirchzarten (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald). 2022 kamen weitere hinzu, so dass mittlerweile vier Sozialstationen das Konzept nutzen. Allein in Wehr werden aktuell rund 120 Patientinnen und Patienten nach dem Konzept der „IstZeitPflege“ versorgt.
Laut Jessica Bittner, Pflegedienstleiterin der Caritas-Sozialstation Wehr, ist mit dem Konzept die Zufriedenheit der Pflegekräfte deutlich gestiegen „Es gibt kein Durchhetzen mehr.“ Nach Ansicht von Peter Schwander, Geschäftsbereichsleiter der Sozialstation St. Martin, hilft „IstZeitPflege“ dabei, dringend benötigte Pflegekräfte zu finden und zu halten. „Wir wollten attraktive Arbeitsplätze bieten, in denen die Menschen bis zur Rente arbeiten können und Freude an ihrem Beruf haben“, betont er. Zwar habe der Tag auch mit dem neuen Abrechnungsmodell nicht mehr als 24 Stunden, „aber durch die freiere Ausgestaltung wird die Zeit einfach passgenauer verteilt“, so Schwander. Teurer wird es für die Patientinnen und Patienten durch das neue Modell nicht – der Stundensatz ist mit den Pflegekassen ausgehandelt. Für einige Patienten wird es sogar günstiger, wenn die Pflegekräfte durch die passgenaue Pflege weniger Zeit benötigen, als es in den Pflege-Modulen der Fall war.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangt
Die Entwicklung und Umsetzung von „IstZeitPflege“ erforderte viele Gespräche zwischen dem Caritasverband Hochrhein und der AOK Baden-Württemberg. Grundlage ist ein transparentes Kalkulationsschema, das unter anderem Nettojahresarbeitszeiten, Personalkosten nach Qualifikation, Overhead- und Investitionskosten sowie wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Ziel ist eine nachvollziehbare und wirtschaftliche Vereinbarung der Zeitvergütung für jeden beteiligten Pflegedienst.
Das Modell hat inzwischen bundesweit Aufmerksamkeit erlangt. Laut AOK Baden-Württemberg verfolgen auch das Bundesgesundheitsministerium und Hochschulen die Entwicklung, und weitere ambulante Pflegedienste in Baden-Württemberg arbeiten nach diesem Ansatz. Grundsätzlich können alle Pflegedienste, die in Einzelverhandlungen mit den Pflegekassen treten, dieses Abrechnungsmodell nutzen.
„IstZeitPflege“ steht damit für einen strukturellen Ansatz, der die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung, einen effizienten Einsatz fachpflegerischer Personalressourcen in den Systemen von SGB XI und SGB V sowie die Zufriedenheit von Pflegebedürftigen und Pflegekräften gleichermaßen in den Blick nimmt. Das Projekt zeigt, dass eine veränderte Vergütungsform die Organisation der Pflegepraxis vor Ort spürbar beeinflussen kann, indem Zeit nicht als starre Vorgabe, sondern als individuell steuerbare Ressource verstanden wird.
Systemwand aufbrechen
Das neue Versorgungsmodell und die dafür erforderliche Abrechnung nach Zeit sind derzeit nur für die Leistungen der pflegerischen Versorgung nach SGB XI umsetzbar. Pflegekräfte und auch die Pflegedienstorganisation befinden sich damit in einem gewissen Dilemma: Bei der Versorgung eines Patienten kann nicht durchgehend auf die individuellen Bedarfe und Bedürfnisse eingegangen werden.
Ein Beispiel: Beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen oder bei der Insulinversorgung tickt nach wie vor die Zeit für die Pflegekraft – hier muss ungeachtet der individuellen Situation alles nach „Schema F“ erfolgen. Ziel der AOK Baden-Württemberg ist es, diese Systemwand durch weitere Projekte aufzubrechen, um den ganzheitlichen Blick der Fachpflege zu ermöglichen. Der Fokus ausschließlich auf den Verrichtungsbezug in Kombination mit den Systemunterschieden nach SGB XI und SGB V verhindert dies. Aus Versorgungssicht sowie angesichts der knappen und begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen ist es nicht zu verantworten, den Versuch nicht zu wagen.