Statement

Vom Hausarzt bis zur Primärversorgung im Team

22.04.2026 AOK NordWest 3 Min. Lesedauer

Prof. Wilm Quentin über die Chancen und Hürden eines Primärversorgungssystems und was als Erstes zu tun ist.

Welche Rolle sollte die Primärversorgung künftig im deutschen Gesundheitssystem einnehmen?

Ich bin überzeugt, dass eine Stärkung der Primärversorgung Unter Primärversorgung wird die gesundheitliche Grundversorgung und Beratung verstanden, in der auch… ein wichtiger Baustein für eine bessere Versorgungssteuerung sein kann. Sie sollte regelhaft die erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten sein, Behandlungsverläufe langfristig begleiten, den Großteil häufiger Gesundheitsprobleme eigenständig versorgen und bei komplexeren Fällen die Koordination übernehmen. Damit würde sie nicht nur die Kontinuität der Versorgung sichern, sondern auch unnötige Doppeluntersuchungen, Fehlsteuerung und Fragmentierung reduzieren.

Was machen Länder mit gut funktionierender Primärversorgung strukturell anders?

In Ländern mit starken Primärversorgungssystemen, zum Beispiel in Finnland, Spanien, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich, wird die Versorgung häufig über größere Gesundheitszentren oder Gruppenpraxen organisiert – mit längeren Öffnungszeiten und multiprofessionellen Teams aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und weiteren Gesundheitsberufen. Primärversorger haben dort eine verbindliche Steuerungsfunktion: Patientinnen und Patienten registrieren sich bei einer Praxis, die als erste Anlaufstelle fungiert und Behandlungen koordiniert. Überweisungen in die fachärztliche oder stationäre Versorgung erfolgen gezielt. Das stärkt Zugang, Kontinuität und Effizienz gleichermaßen.

„Ein gemeinsames Zielbild ist am wichtigsten.“

Wilm Quentin, Professor für Planetary and Public Healh, rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Universität Bayreuth

An welche Grenzen stößt die Stärkung der Primärversorgung in Deutschland aktuell?

Die größten Hürden sind weniger fachlicher als politisch-ökonomischer Natur. Reformen werden stark danach bewertet, wie sie sich auf die Budgets einzelner Akteursgruppen auswirken. Hausärztinnen und Hausärzte erwarten eine Aufwertung, Facharztgruppen befürchten Einnahmeverluste und Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… verlangen Kostenneutralität oder Effizienzgewinne. Solange solche Verteilungsfragen im Vordergrund stehen, wird eine strukturelle Weiterentwicklung erschwert. Es braucht daher einen gemeinsamen Reformrahmen, der langfristige Systemeffekte stärker gewichtet als kurzfristige Budgetinteressen.

Wie kann Digitalisierung wirksam in der Primärversorgung eingesetzt werden?

Digitalisierung kann die Primärversorgung substanziell stärken, wenn sie gezielt eingesetzt wird: Dies können digitale Informationsangebote und strukturierte Ersteinschätzungen, Videosprechstunden, digital unterstützte Hausbesuche durch qualifizierte Pflegekräfte sowie telemedizinische Konsile zwischen Haus- und Fachärzten sein. Zentral ist zudem eine funktionierende elektronische Patientenakte Mit der ePA können Patientinnen und Patienten sowie die an Ihrer Behandlung beteiligten Ärztinnen… , die Informationen sektorenübergreifend bündelt und in der Primärversorgung aktiv gepflegt wird. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern sie muss die Koordination, Erreichbarkeit und Effizienz verbessern.

Welcher erste Reformschritt erscheint aus Ihrer Sicht am dringendsten?

Es braucht mehrere Reformbausteine, die ineinandergreifen: eine verbindliche Patientenregistrierung bei einem Primärversorger, eine gezielte Stärkung der Delegation ärztlicher Aufgaben, eine Weiterentwicklung des Vergütungssystems mit stärkerer Grundpauschale sowie eine strukturierte digitale Ersteinschätzung. Am wichtigsten ist jedoch ein gemeinsames Leitbild. Erst wenn sich Politik, Selbstverwaltung und Kassen auf dieses Zielbild verständigen, können die notwendigen Schritte konsequent umgesetzt werden.

Mehr lesen