Hintergrund

Deutschland hinkt in Europa hinterher

Der Public Health Index (PHI) zeigt erstmals, wie europäische Länder gegen die größten Risikofaktoren vorgehen. Deutschland erreicht in der Gesamtbewertung den 17. und damit vorletzten Platz.

Vier Handlungsfelder nimmt der PHI ins Visier: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Dies sind die zentralen Risikofaktoren für chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herz Kreislauf-Leiden. Der Index vergleicht dafür die Präventionspolitik von 18 europäischen Ländern. Er zeigt nicht nur, wo Deutschland im europäischen Vergleich Stärken und Schwächen hat, sondern macht auch sichtbar, welche internationalen Best-Practice-Ansätze der Politik hierzulande Orientierung bieten können. Entwickelt wurde der PHI vom AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverband und dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Deutschland schneidet dabei deutlich unterdurchschnittlich ab. In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernährung – landet die Bundesrepublik auf den hinteren Rängen. Der Blick auf Europa macht deutlich, dass es auch anders geht. Länder wie Großbritannien, Finnland oder Irland setzen viele von Wissenschaftlern empfohlene Maßnahmen konsequent um und führen das Ranking an. Sie machen Rauchen und Alkoholkonsum unattraktiver, schaffen gesündere Ernährungsumgebungen und fördern Bewegung in Schulen, Städten und Gemeinden. 

Lücken bei Tabak-, Alkohol- und Ernährungspolitik
Im Handlungsfeld Tabak belegt Deutschland den vorletzten Rang. Irland und Großbritannien führen das Ranking hier seit Jahren an. Sie setzen auf umfassenden Kinder- und Jugendschutz durch die Ausweitung rauchfreier Zonen, Beschränkung der Werbung und auf neutrale Verpackungen – Maßnahmen, die nachweislich zu sinkenden Raucherquoten führen. Deutschland dagegen verzichtet bislang auf viele dieser Instrumente. Die Folge: Während die Spitzenländer ihre Präventionspolitik strategisch weiterentwickeln und breite gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren, bleibt Deutschland unter den Schlusslichtern. Beim Alkohol erreicht die Bundesrepublik nur 9 von 40 möglichen Punkten und teilt sich mit Österreich den vorletzten Rang. Besonders deutlich wird das Defizit bei drei zentralen Hebeln: der Besteuerung, der Verfügbarkeit und der Werbung. Alkohol ist nahezu jederzeit erhältlich, häufig beworben und vergleichsweise günstig. Norwegen, Finnland, Schweden sowie Litauen führen das Ranking an, weil sie Alkohol durch Kinder- und Jugendschutzmaßnahmen, höhere Preise und Eingrenzungen der Verfügbarkeit weniger attraktiv machen. Auch bei der Ernährung zählt Deutschland zu den Schlusslichtern, denn keine der sechs untersuchten Maßnahmen zur Förderung einer gesünderen Ernährung ist hierzulande flächendeckend umgesetzt. Es gibt keine verbindlichen Qualitätsstandards für das Schulessen und keine Abgaben auf stark gezuckerte Softdrinks. Auch fehlen Regelungen zum Kinderschutz in der Lebensmittelwerbung für ungesunde Produkte. Beim Thema Bewegung bleibt das Bild in Deutschland lückenhaft. Das Bundesverkehrsministerium hat erst 2025 eine umfassende Fußverkehrsstrategie veröffentlicht, beim Ausbau sicherer Wege entscheiden oft Länder oder Kommunen. Dänemark und Norwegen führen das Ranking an. Für Deutschland reicht es nur zu einem Platz im unteren Mittelfeld.

Mangelnder politischer Wille, starke Lobby
Insgesamt zeigt sich, dass Deutschland in Sachen Public Health "Public Health" (übersetzt: "öffentliche Gesundheit") verfolgt das Ziel, Bedingungen zu schaffen und… deutlich schlechter aufgestellt ist als viele andere europäische Länder. Der PHI legt große ungenutzte Potenziale offen und bestätigt damit Ergebnisse anderer wissenschaftlicher Analysen. Eine Lancet-Studie macht dafür unter anderem fehlenden politischen Willen, starken Lobbyeinfluss und eine zu geringe Nutzung wissenschaftlicher Evidenz verantwortlich. Deutschland habe ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Statt Krankheiten zu verhindern, konzentriere sich das System zu sehr auf deren Behandlung – und das mit zum Teil ineffizienten Strukturen. Die Autorinnen und Autoren der Studie fordern eine nationale Public-Health-Strategie. Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… dürfe nicht länger ein Flickwerk bleiben, sondern müsse systematisch und sektorenübergreifend in allen Bereichen der Politik mitgedacht werden.

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