Attestpflicht ab Tag eins könnte ausgewiesenen Krankenstand in Berlin um rund zehn Prozent steigen lassen
AOK Nordost warnt vor rechnerischem Anstieg von 5,8 auf 6,4 Prozent
Die von der Bundesregierung geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könnte den ausgewiesenen Krankenstand in Berlin von 5,8 auf geschätzte 6,4 Prozent steigen lassen. Das ergibt eine vereinfachte Modellrechnung der AOK Nordost auf Basis ihrer aktuellen Fehlzeitendaten bei Erkrankungen und eines Abgleichs mit betrieblichen Fehlzeitendaten.
Der Krankenstand Der Krankenstand beziffert die Zahl der arbeitsunfähig geschriebenen Kranken bezogen auf 100… der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Mitglieder in Betrieben in Berlin betrug im ersten Halbjahr 2026 5,8 Prozent. Im Vorjahreszeitraum lag er bei 5,9 Prozent. Nicht vollständig erfasst sind in dieser Statistik kurze krankheitsbedingte Fehlzeiten von ein bis drei Tagen, sofern dafür keine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Seit dem 1. Juli 2022 sind Vertragsärztinnen und -ärzte dazu verpflichtet, die Daten der bislang in… ausgestellt wurde. Die Koalitionsfraktionen der Bundesregierung haben sich darauf verständigt, auf Drängen der Union künftig grundsätzlich eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einzuführen.
Die AOK Nordost hat in einer Modellrechnung abgeschätzt, wie sich dieses Vorhaben auf den ausgewiesenen Krankenstand auswirken könnte, wenn eine solche Regelung flächendeckend greifen würde. Dafür wurden Fehlzeiten, für die eine ärztliche Bescheinigung erforderlich war, mit Arbeitgeberdaten zu tatsächlichen krankheitsbedingten Fehlzeiten verglichen. Die ausgewerteten Daten stammen von Arbeitgebern mit der Regelung, nach der ab dem vierten Krankheitstag ein Attest erforderlich ist. Ergebnis: Von den rund 100.000 ausgewerteten Fehltagen in den Betrieben entfielen rund 8.700 auf kurze krankheitsbedingte Fehlzeiten, für die kein Attest vorgelegt werden musste. Anders gesagt: Auf gut neun Fehltage mit Attest kam in der Auswertung ein weiterer Fehltag ohne Attest.
Attestpflicht könnte dem Merz-Ziel statistisch zuwiderlaufen
Überträgt man den im Abgleich ermittelten Anteil der Fehltage ohne Attest rein modellhaft auf die bei der AOK Nordost versicherten Beschäftigten in Berlin, dann könnte der ausgewiesene Krankenstand von 5,8 Prozent auf geschätzt 6,4 Prozent steigen. Das bedeutet eine Steigerung um rund zehn Prozent. Die Modellrechnung ist als Szenario und nicht als Prognose zu verstehen. Sie unterstellt, dass die Attestpflicht ab dem ersten Tag flächendeckend eingeführt wird und bislang nicht attestierte Kurzzeitausfälle künftig vollständig in der Kassenstatistik sichtbar werden würden.
„Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag würde nicht nur einen erheblichen Mehraufwand verursachen und zusätzliche Kapazitäten in den Arztpraxen binden. Sie könnte auch den paradoxen Effekt haben, dass der ausgewiesene Krankenstand steigt. Das würde dem erklärten Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz, den Krankenstand zu senken, zumindest in der Statistik zuwiderlaufen“, kommentiert Anke Jurchen, Leiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Nordost.
Zudem könnte nicht nur der gemessene, sondern auch der reale Krankenstand durch eine Attestpflicht ab dem ersten Tag steigen. Das befürchtet zumindest Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD). Sie hatte Ende August die Sorge geäußert, dass Menschen mit einem leichten Infekt am ersten Tag zum Arzt Die ärztliche Berufsausübung, die Ausübung der Heilkunde, setzt nach der Bundesärzteordnung… gehen und dann aus einem kurzen Ausfall am Ende eine ganze Woche Krankschreibung würde. Denkbar ist aber auch, dass Beschäftigte wegen des stärkeren Drucks krank zur Arbeit gehen und dort andere Beschäftigte anstecken. Welcher Verhaltenseffekt einer Attestpflicht tatsächlich überwiegen würde, lässt sich derzeit nicht exakt abschätzen. Regierungssprecher Stefan Kornelius hatte gekontert, trotz dieser Kritik wolle Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) an der Attestpflicht ab dem ersten Tag festhalten.
Langzeiterkrankungen verursachen in Berlin rund 35 Prozent der AU-Tage
Der Abgleich mit den Arbeitgeberdaten zeigt: In der Auswertung machten Fehlzeiten ohne Attest lediglich neun Prozent des gesamten Fehlzeitenvolumens aus. Unabhängig von dieser Modellrechnung zeigen die AOK-Daten: Rund 75 Prozent der bei der AOK registrierten AU-Tage der Beschäftigten in Berlin gingen im ersten Halbjahr 2026 hingegen auf Krankheitsfälle mit einer Dauer von mindestens acht Tagen zurück. Der Anteil der Langzeiterkrankungen an allen registrierten AU-Tagen stieg gegenüber dem Vorjahreshalbjahr noch an. Damit gehen inzwischen rund 35 Prozent der bei der AOK registrierten AU-Tage in Berlin auf Langzeiterkrankungen zurück.
„Wer den Krankenstand wirklich senken will, muss vor allem die Langzeiterkrankungen in den Blick nehmen. Sie verursachen die meisten Fehltage, und das mit steigender Tendenz. Mehr Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… , mehr betriebliches Gesundheitsmanagement und eine gute medizinische Versorgung sind wirksame Gegenmittel“, ordnet Anke Jurchen von der AOK Nordost die Zahlen ein.
Betriebliches Gesundheitsmanagement kann Erkrankungen vorbeugen
Dass betriebliches Gesundheitsmanagement und mitarbeiterorientierte Führung dazu beitragen können, den Krankenstand zu senken, zeigt sich auch in der Praxis. So berichtet Beata Paluchowska, Prokuristin des bundesweit tätigen Pflegeheimbetreibers SenVital in diesem Interview: „Wir sehen in allen Häusern, in denen dieser Prozess der mitarbeiterfreundlichen Führung schon weit vorangeschritten ist, eine fallende Tendenz bei den Krankenständen.“
Anke Jurchen, Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements der AOK Nordost, sagt: „Arbeitgeber können viel dazu beitragen, Erkrankungen durch ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement vorzubeugen. Wir als AOK Nordost beraten und unterstützen Unternehmen in der Region bedarfsorientiert zur Gesunderhaltung der Beschäftigten.“
Hinweise zur Modellrechnung
Die Modellrechnung dient dazu, einen möglichen statistischen Erfassungseffekt einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zu veranschaulichen. Der zugrunde liegende Abgleich von Arbeitgeberdaten ist nicht repräsentativ für alle Beschäftigten in Berlin. Unterschiede etwa nach Branche, Alter oder Beschäftigtenstruktur sind nicht berücksichtigt. Ebenfalls nicht berücksichtigt ist, dass ein Teil der Beschäftigten bereits heute ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen muss und noch offen ist, wie eine gesetzliche Neuregelung mit bestehenden tariflichen beziehungsweise betrieblichen Regelungen zusammenspielen würde.