Hintergrund

Interview zum Nutzen von Innovationsfonds für die Gesundheitsversorgung

Das Ziel ist hoch gesteckt: Qualität der Versorgung verbessern und gleichzeitig wirtschaftlicher machen. Der Innovationsfonds ist damit ein wichtiges Instrument, um die Gesundheitsversorgung in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten. Im Interview spricht Versorgungsforscherin Dr. Stephanie Sehlen von der AOK Nordost darüber, wie ein Innovationsfonds wirkt.

Der Innovationsfonds Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vom 16. Juli 2015 gibt dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) den… ist ein wichtiges Instrument, um die Gesundheitsversorgung in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten. Der Fonds fördert unter anderem Projekte, in denen neue Versorgungsformen erprobt werden. Deren Ziel ist es, die Qualität ist ein zentrales Versorgungsziel der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Im Rahmen der… der Versorgung zu verbessern und sie gleichzeitig wirtschaftlicher zu machen. Im Interview spricht Versorgungsforscherin Dr. Stephanie Sehlen von der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Nordost darüber, wie der Innovationsfonds wirkt, welche Erfahrungen bisher gesammelt wurden und warum die Beteiligung aller Akteure entscheidend für den Erfolg ist. 

Was ist der Innovationsfonds überhaupt?

Der Gesetzgeber hat erkannt, dass man die Prozesse, Abläufe und Abstimmungen in der Versorgung dringend verbessern muss. Dazu braucht es innovative Lösungen. Aber die kosten Geld und man muss auch schauen, ob sie wirklich etwas für die Versorgung bringen. Über den Innovationsfonds wird das Geld bereitgestellt, solche Ansätze zu erproben und ihren Effekt zu bewerten. Die Ergebnisse werden öffentlich gemacht. 

Was bringt das denn an positiven Effekten mit sich, wenn die Ergebnisse öffentlich gemacht werden?

Dr. Stephanie Sehlen, Versorgungsforscherin bei der AOK Nordost (Foto: Andre Piorek)

Naja, wir schauen schon, ob es Innovationsfondsprojekte mit positivem Ergebnis gibt, die andere Konsortien durchgeführt haben. Vielleicht lässt sich davon etwas in unsere Konzeptarbeit bei der AOK Nordost übertragen. Aber auch aus Projekten, die in der Umsetzung nicht so gut funktioniert haben, können wir wichtige Erkenntnisse gewinnen. Die helfen uns dabei, mögliche Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und bei der Planung eigener Projekte zu berücksichtigen.

Ist der Innovationsfonds aus unserer Sicht grundsätzlich positiv zu bewerten?

Grundsätzlich ja. Wir können damit Projekte umsetzen, die einen tatsächlichen Mehrwert für die Gesundheitsversorgung unserer Versicherten bringen. Gleichzeitig sind reine Produktinnovationen oder diagnostische Maßnahmen nicht förderfähig. So ist sichergestellt, dass das Instrument nicht genutzt werden kann, um beispielsweise reine Produktentwicklungen damit zu refinanzieren. Es gibt aber durchaus auch kritische Punkte. 

Die da wären?

Innovationsfondsprojekte sind sehr aufwendig in der Betreuung und binden entsprechend viele Ressourcen. Sicherlich, das wird refinanziert. Aber die Ressourcen fehlen natürlich trotzdem an anderer Stelle. Und leider wurde bisher keines der Innovationsfondsprojekte je in die Regelversorgung übernommen. Das liegt aber an der Systematik und nicht daran, dass die Projekte schlecht waren. Wir reden schon seit Jahren davon, dass der Gesetzgeber hier Lösungen für einen reibungslosen Übergang schaffen muss. Stattdessen wird das immer noch auf die beteiligten Krankenkassen abgewälzt, die eine Anschlussfinanzierung gewährleisten sollen.

Warum nehmen wir denn dann überhaupt an Innovationsfondsprojekten teil?

Ein Vorteil ist auf jeden Fall, dass wir in den Projekten nicht an die Regularien der Regelversorgung gebunden sind. Wir müssen keine komplexen Vereinbarungen zur Zulassung der Leistungserbringer beachten und auch die Vergütungssituation ist um einiges unkomplizierter. Es gibt einen Topf, aus dem alles finanziert wird. Und wir können am Ende schauen, welchen Mehrwert es tatsächlich gebracht hat. 

Und das lief bisher gut?

Wir haben das Projekt Strukturmigration im Mittelbereich Templin, kurz StimMT, durchgeführt. Das war das erste Innovationsfondsprojekt überhaupt in Deutschland. Da hat es am Anfang ziemlich geruckelt, weil niemand von den Beteiligten – nicht einmal der Gemeinsame Bundesausschuss selbst – wusste, wie Innovationsfondsprojekte in der Umsetzung eigentlich funktionieren. Das war schon eine Herausforderung. Aber im Laufe der Jahre sind wir immer professioneller geworden und verfügen über entsprechend umfangreiche Erfahrungen. Das fängt schon beim Konsortialvertrag an. Wir wissen genau, was da unbedingt drinstehen muss. Wir kennen die administrativen Zusammenhänge und wir wissen, welche Herausforderungen auf uns zukommen.

Welche Herausforderungen können das sein?

Wir schauen zum Beispiel sehr genau, ob wir mit den potenziellen Partnern so ein großes Projekt wirklich realisieren können. Schwierig ist es auch immer, alle relevanten Akteure einzubinden, beziehungsweise, sie von der Notwendigkeit eines solchen Projektes zu überzeugen. Das ist aber essenziell für das Gelingen der Projekte. Viele Innovationsfondsprojekte scheitern daran, dass nicht genügend Patientinnen und Patienten beziehungsweise Ärztinnen und Ärzte teilnehmen. Hier haben wir Strategien entwickelt, die uns bei den aktuell laufenden Projekten zugutekommen.

Welche Strategien sind das?

Häufig mangelt es leider an der Mitarbeit der Leistungserbringer vor Ort. Die Patientinnen und Patienten orientieren sich sehr stark an dem, was ihnen ihre Hausärzte oder Hausärztinnen sagen. Und wenn die den Bedarf nicht sehen, dann haben wir da ein Problem. Deshalb sagen wir: Wenn wir einen sektorenübergreifenden Ansatz verfolgen, dann müssen natürlich auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte aktiv mit an dem Konsortium beteiligt sein. Sie sollten dann wiederum ihre Patienten ansprechen. Und natürlich müssen wir die Projekte auch breit kommunizieren und möglichst viele Akteure, die in der Versorgung involviert sind, mit abholen.

Warum ist die Beteiligung der Hausärztinnen und Hausärzte an Innovationsfondsprojekten so wichtig?

Die Medizinerinnen und Mediziner an der Basis sind entscheidend, weil sie den direkten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten haben. Besonders im ländlichen Raum, wo viele ihrer hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, ist die Mitarbeit der verbleibenden besonders wichtig, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Zwar bedeutet die Teilnahme am Innovationsfondsprojekt für sie zunächst zusätzlichen Aufwand. Aber langfristig entlasten die in diesen Projekten entwickelten Lösungsansätze die Ärzte. Wir legen bei den Innovationsfondsprojekten, an denen wir uns beteiligen, den Fokus auf die sektorenübergreifende, arbeitsteilige Zusammenarbeit sowie auf digitale Ansätze, wie Telemonitoring und Telemedizin.

Warum sollte an einem Innovationsfondsprojekt immer auch eine Krankenkasse beteiligt sein?

Wir haben als Krankenkasse den Rundumblick auf den Patienten, wir kennen die gesamte Krankenhistorie mit allen Akteuren. Wenn Anbieter mit einer Idee für ein Innovationsfondsprojekt zu uns kommen, haben sie oft nur ihren eingeschränkten Blick und konzentrieren sich auf eine ganz bestimmte Behandlung. Wir achten darauf, dass am Ende ein konsistentes Behandlungskonzept entsteht, das sich auch mit den anderen Leistungserbringern verträgt. Dazu gehört dann auch, dass wir sagen, wer noch alles in das Innovationsfondsprojekt eingebunden werden sollte – direkt oder indirekt. Wir wollen keine Doppelstrukturen aufbauen. Das ist zum einen nicht finanzierbar und zum anderen führt das dazu, dass die Versorgungsstrukturen noch komplizierter und noch komplexer werden, als sie es ohnehin schon sind. Innovationsfondsprojekte sollten integrierend wirken und auf dem aufbauen, was schon da ist. 

Eine Schwierigkeit besteht darin, nach Abschluss eines erfolgreichen Innovationsfondsprojektes dessen Inhalte in die Regelversorgung zu überführen. Würde eine eigene EBM-Ziffer – also eine abrechenbare ärztliche Leistung – den Übergang erleichtern?

Man muss nicht alles gleich in den EBM aufnehmen. Vieles wird selektivvertraglich durchgeführt. Davon profitieren dann aber nur Versicherte bestimmter Kassen. Außerdem liegt die Finanzierung dann meist allein bei den Kassen und es entsteht ein Flickenteppich an Versorgungsangeboten. Projekte könnten auch in den Regionen weitergeführt werden. Die Problematik ist momentan, dass bisher wirklich alle Krankenkassen zustimmen müssen. Und das ist schwierig, da es doch immer auch unterschiedliche Interessen gibt. Deshalb hat das AOK-System eine neue Rechtsgrundlage für innovative regionale Versorgung vorgeschlagen. Die würde es erlauben, dass Kassen, die zumindest die deutliche Mehrheit der Versicherten in einer Region repräsentieren, etwas individuell gestalten und nicht darauf warten müssen, dass alle Kassen den Lösungsvorschlägen zustimmen. 

Abschließend die Gretchenfrage: Unsere Innovationsfondsprojekte zeigen schon seit Jahren den richtigen Weg, aber es passiert fast nichts. Woran liegt das?

Die entsprechende Gesetzgebung ist durch den Bruch der Ampelregierung auf der Strecke geblieben. Dennoch war das der richtige und wichtige Weg, den man konsequent weiterverfolgen muss. Der Gesetzgeber ist jetzt gefordert, endlich zu handeln. Es ist kaum zu glauben, aber unser sektorales Gesundheitssystem wurde bereits am Ende der Weimarer Republik durch Notverordnungen zementiert und in seiner Striktheit in der Folge noch weiter verfestigt. Seitdem gab es nur einen sukzessiven Flickenteppich an Paragrafen, der den Krankenhäusern ein wenig mehr Freiräume abseits der vollstationären Behandlung ermöglicht. Inzwischen ist dieses Regelwerk jedoch derart komplex geworden, dass kaum noch jemand wirklich durchsteigt – hier bedarf es weitgehender Reformen.