Hintergrund

„Wer krank ist, darf nicht alles selbst organisieren müssen“

AOK-Nordost-Vorstandsvorsitzende Daniela Teichert erklärt, was soziale Benachteiligung mit Herzschwäche zu tun hat, welche Verantwortung Bund und Länder tragen – und warum gute Versorgung mehr braucht als Medikamente und eine App.

AOK-Nordost-Vorstandsvorsitzende Daniela Teichert erklärt, was soziale Benachteiligung mit Herzschwäche zu tun hat, welche Verantwortung Bund und Länder tragen – und warum gute Versorgung mehr braucht als Medikamente und eine App.

Frau Teichert, was zeigt der Gesundheitsatlas Herzinsuffizienz über soziale Lage und Herzschwäche?

In den sozial am stärksten benachteiligten Regionen in Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern sind die Menschen ab 30 Jahren wesentlich stärker von Herzinsuffizienz betroffen als in den am wenigsten benachteiligten Regionen. Der Unterschied bleibt auch nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht bestehen. Das belegt nicht, dass der Wohnort selbst die Ursache ist. Aber es zeigt: Wir müssen genauer hinschauen, unter welchen Bedingungen Menschen leben und welche Unterstützung sie brauchen.

Was folgt daraus für die Vorbeugung von Herzschwäche?

Zu den Risikofaktoren für Herzschwäche zählen Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck. Da müssen wir ansetzen. Es reicht dabei nicht, Menschen zu sagen, sie sollen gesünder leben. Wir müssen ihren Alltag so gestalten, dass gesunde Entscheidungen leichter werden – gerade dort, wo die Belastung besonders hoch ist. Deshalb unterstützen wir als AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Nordost auch Kitas, Schulen, Kommunen und Betriebe mit Präventionsangeboten. So erreichen wir Menschen, die nicht von sich aus einen Gesundheitskurs suchen.

Daniela Teichert ist Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost. Die Gesundheitskasse ist in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern tätig.

Was erwarten Sie konkret von der Bundesregierung, um gesunde Lebensbedingungen zu fördern?

Die Bundesregierung sollte zeitnah eine wissenschaftsbasierte Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Getränke sowie höhere Tabaksteuern einführen. Eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe soll Hersteller dazu bewegen, den Zuckergehalt ihrer Getränke zu senken. Hafermilch und Cola Zero sollten nicht besteuert werden – zuckerhaltige Limos aber natürlich schon. Es geht nicht nur darum, an die Vernunft der Einzelnen zu appellieren, sondern darum, die Bedingungen für alle zu verändern.

Was können Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern selbst tun?

Die Länder können bestehende Ausnahmen vom Rauchverbot in Gaststätten abschaffen. Und sie können dafür sorgen, dass gesundes Essen in Kitas und Schulen selbstverständlich wird. Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollten dafür verbindlich sein. Wo entsprechende Vorgaben bereits gelten, kommt es auf die konsequente Umsetzung an. Das erreicht Kinder unabhängig vom Elternhaus.

Was unternimmt die AOK Nordost für Menschen, die bereits herzkrank sind?

Wer schwer herzkrank ist, hat oft nicht die Kraft, sich selbst um jede Unterstützung zu kümmern. Deshalb gehen wir gezielt auf unsere Versicherten zu, die besondere Hilfe brauchen. Beim Cardiolotsen, der 2019 in Berlin und seit Sommer 2025 auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern etabliert wurde, werden herzkranke Patienten nach ihrem Krankenhausaufenthalt an einer teilnehmenden Klinik über einen Zeitraum von bis zu zwölf Monaten in den Alltag hinein begleitet. 

Cardiolotsen sind speziell qualifizierte Gesundheitsfachkräfte, die am Krankenhaus Krankenhäuser sind Einrichtungen der stationären Versorgung, deren Kern die Akut- beziehungsweise… angestellt sind. Sie rufen regelmäßig an und helfen etwa bei der Vereinbarung von Arztterminen oder der regelmäßigen Medikamenteneinnahme. Zudem beraten sie die Patienten individuell zu ihrer Erkrankung und unterstützen die Betroffenen beim Erreichen ihrer Therapiezielen. Bei Bedarf beziehen sie auch die behandelnden Haus- und Fachärzte mit ein. Die Menschen sollen sicherer im Umgang mit ihrer Erkrankung werden und hilfreiche Impulse für ein gesunderes Leben erhalten. Die wissenschaftliche Auswertung zeigte: Wer am Cardiolotsen teilnimmt, muss seltener erneut ins Krankenhaus und bleibt bei einer Wiederaufnahme kürzer in der Klinik.

Wie unterscheidet sich davon AOK-Telemedizin Herz?

Hier sprechen wir gezielt Versicherte mit einer Herzschwäche und erhöhten medizinischen Risiken an. Wer am Programm teilnimmt, wird gebeten, sich täglich zu Hause zu wiegen. Eine rasche Gewichtszunahme kann darauf hinweisen, dass sich Wasser im Körper einlagert und die Herzschwäche sich verschlechtert. Mit Hilfe der vernetzten Waage werden täglich unter anderem Gewichtswerte an ein Telemedizin-Team übermittelt. Dort werden Auffälligkeiten geprüft und bei Bedarf weitere Schritte eingeleitet. Ergänzt wird das Angebot durch regelmäßige Beratungsgespräche, die Betroffenen im Umgang mit ihrer Erkrankung unterstützen. Die Teilnahme ist freiwillig. 

Erreichen Sie damit auch ältere Menschen, die wenig Erfahrung mit Smartphones haben?

Technik allein ist noch keine Versorgung. Bei Bedarf erhalten Teilnehmende auch ein Smartphone. Entscheidend ist aber die persönliche Begleitung: Regelmäßige telefonische Beratungsgespräche helfen ihnen, mit der Erkrankung und dem Programm umzugehen. Die Behandlung in der Arztpraxis wird dadurch ergänzt, nicht ersetzt. Das ist auch der Anspruch an unser Gesundheitssystem insgesamt: Wer krank ist, darf nicht alles selbst organisieren müssen.