Hintergrund

Die ePA im Praxisalltag

Es ist kurz nach elf Uhr an diesem grauen Morgen und die Hausarztpraxis von Dr. Hiwa Dashti in Eberswalde läuft wie ein Uhrwerk, das niemand anfassen sollte, während es tickt. Am Empfang gibt Anna Schiele den Takt vor. Die medizinische Fachangestellte lenkt den Strom der Patientinnen und Patienten so, dass er nicht zum Stau wird.

Eine hochbetagte Frau tritt an den Tresen, sie ist zum Blutabnehmen gekommen. Ihre Tochter reicht den Medikationsplan Patientinnen und Patieten, die drei oder mehr Arzneimittel anwenden, haben seit 2016 einen Anspruch… hinüber. Daneben wühlt eine andere Patientin in ihrer geblümten Tasche: „Den Überweisungsschein habe ich bestimmt irgendwo.“ Von hinten ruft ein Mann im Blaumann: „Ich brauche nur schnell meinen Befund im Original. Dem Krankenhaus Krankenhäuser sind Einrichtungen der stationären Versorgung, deren Kern die Akut- beziehungsweise… reicht das Fax nicht.“ Schiele bleibt ruhig, scannt den Medikationsplan Patientinnen und Patienten, die drei oder mehr Arzneimittel anwenden, haben seit 2016 einen Anspruch… ein, bittet die Frau mit dem vermissten Überweisungsschein ins Wartezimmer - und ruft schon den nächsten Patienten auf. „Herr Degami, sie können schon mal zu Dr. Dashti.“ 

Jeden Werktag sitzen in Deutschland mehr als drei Millionen Menschen in Hausarztpraxen. Und auch in diese Praxis tragen die Patientinnen und Patienten noch jede Menge Papier: Medikationspläne, Überweisungsscheine, Originalbefunde. Doch hier in Eberswalde zeigt sich, was passiert, wenn ein Praxisteam sich von der schleppenden Digitalisierung im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… nicht ausbremsen lässt, sondern im Kleinen zeigt, wie es besser geht.

Herr Degami und die Entscheidung in Echtzeit

Im Behandlungszimmer von Dr. Dashti nimmt Herr Degami Platz. FFP2-Maske, müde Augen, Kopf- und Halsschmerzen. Er ist LKW-Fahrer und arbeitet täglich bis zu zwölf Stunden. Hiwa Dashti untersucht ihn, hält ein paar Sätze Small Talk und checkt parallel die elektronische Patientenakte Mit der ePA können Patientinnen und Patienten sowie die an Ihrer Behandlung beteiligten Ärztinnen… . Seit Oktober 2025 müssen Arztpraxen sie nutzen. In der Praxis von Hiwa Dashti ist sie keine lästige Pflicht, sondern bereits selbstverständliches Werkzeug. 

„Sie haben wahrscheinlich eine Grippe, ich schreibe Sie erst einmal bis Ende der Woche krank“, sagt Dashti. Degami wirkt erleichtert. „Soll ich Ibuprofen nehmen, Herr Doktor?“ - „Einen Moment“. Dashti scannt die Akte. „Nein. Sie sind Diabetiker, und Ihr Blutbild macht mir Sorgen. Besser kein Ibuprofen. Ich lade Ihnen ein anderes Medikament auf Ihre Karte.“ 

Anschließend fragt Dashti, ob Degami beim Chronikerprogramm für Diabetes mitmachen möchte. Der Patient nickt. Ein Klick. „Wenn Sie nur eine Krankschreibung brauchen, buchen Sie beim nächsten Mal einfach eine Videosprechstunde“, sagt Dashti zum Abschied. „Dann müssen sie nicht in die Praxis kommen.“  Die Krankschreibung übermittelt die Praxis dem Arbeitgeber digital. Am Tresen bei Anna Schiele bekommt Herr Degami noch einen QR-Code für die Videosprechstunden-App – und direkt einen Folgetermin, bei dem Dr. Dashti ihm helfen wird, seinen Diabetes besser in den Griff zu bekommen. 

Eine akute Erkrankung wird versorgt, eine chronische im Blick behalten. „Es ist unglaublich, wie viel Zeit ich jetzt schon durch die ePA spare“, sagt Dr. Dashti und strahlt. Und auch seine Patienten reagieren zum großen Teil positiv. Zum Beispiel, wenn er den kürzlich ausgestellten Befund des Facharztes dank ePA schon gelesen hat, bevor der Patient ins Behandlungszimmer kommt. 

„Es ist unglaublich, wie viel Zeit ich jetzt schon durch die ePA spare.“

Dr. Hiwa Dashti

Facharzt für Innere Medizin

Digitalisierung gelingt, wenn sie im Alltag wirklich hilft

Die Ärzte-Umfrage „Praxisbarometer Digitalisierung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Längst nicht alle Ärztinnen und Ärzte tun sich leicht mit der Pflicht zur Patientenakte Mit der elektronischen Patientenakte (ePA) können Patientinnen und Patienten sowie die an ihrer… . „Den Arztbrief in die ePA hochzuladen, gleicht einer Klickorgie“, stellt ein dort zitierter Nephrologe fest. „Die Umsetzung für Arztpraxen fühlt sich an, als ob Dinos durch die Digitalisierung stapfen“, schimpft eine Allgemeinmedizinerin. Wie gut es klappt mit der ePA, das hängt stark von der eingesetzten Praxis-Software ab. Aber auch davon, ob Ärztinnen und Ärzte die ePA als zusätzliche Last in einem durchgetakteten Alltag empfinden. Oder als Chance, den Takt zu optimieren.

Dass es in dieser Praxis so gut funktioniert, hat viel mit Dr. Dashti selbst zu tun. Er spricht leise, fast sanft, und strahlt eine Wärme aus, die selbst im Akkordbetrieb spürbar bleibt. Die ePA-Funktion seiner Praxis-Software hat er schon Monate vor dem Start ausführlich getestet. Noch wichtiger aber: Er versteht sich als Teamplayer, nicht als Solist. Anders geht es auch nicht in einer Praxisgemeinschaft Diese Kooperationsform von (Zahn-) Ärzten zeichnet sich durch die Nutzung gemeinsamer Praxisräume… mit fünf Ärztinnen und Ärzten und sieben Angestellten.

„Der Chef will eigentlich immer vorne mit dabei sein. Aber nicht alle medizinische Fachangestellten tun sich leicht mit der Technik“, sagt Justyna Brandenburg. Sie hat als Praxismanagerin eine wichtige Rolle dabei, dass die Mitarbeitenden mitkommen mit dem Tempo, dass Dr. Dashti an den Tag legt. An ihrem Chef schätzt sie die Offenheit – und hebt seine Kultur des Ausprobierens hervor. „In unseren Teambesprechungen können wir immer Ideen einbringen, was wir anders machen wollen.“ Schon viele digitale Neuerungen wurden in der Praxis getestet. Geblieben ist nur, was den Arbeitsalltag leichter macht. Und was tut Anna Schiele am Tresen, wenn es mal hakt bei der Software? „Dann frage ich einfach den Doktor.“

Die ePA ersetzt nicht ärztliche Erfahrung, aber sie erspart Umwege

Zurück ins Behandlungszimmer von Dr. Dashti. Herr Röhring, Ende 60, steht noch halb im Mantel im Zimmer. Entlassung aus dem Krankenhaus gestern, der Kopf voll, die Papiere irgendwo in der Jackentasche. Sein eigener Hausarzt hat Urlaub. 

Dr. Dashti nickt, fragt nach dem Verlauf, schaut in die Akte und merkt nach wenigen Klicks: Der Krankenhausbefund ist nicht da. Denn die meisten Krankenhäuser sind noch nicht an die ePA angeschlossen. Also müsste er dort anrufen, nachfragen, warten. Sand im Getriebe der gut geölten Praxis.

Doch in der Medikamentenliste sieht Dashti sofort, welche Arzneien der Patient nimmt – und seit wann. Keine Rätselrunde, kein „Bringen Sie’s nächstes Mal mit“. Er kann weiterbehandeln, ohne dass der Betrieb ins Stocken gerät. Für Dr. Dashti hat das sogar eine gesellschaftliche Dimension: Wenn Menschen ihre Medikamente nicht bekommen oder falsch nehmen, kann das fatale Folgen haben. Studien zeigen: Durch unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Medikamenten sterben in Deutschland pro Jahr mehr Menschen als durch Autounfälle. Durch die Medikationsliste in der ePA sehen Behandlerinnen und Behandler endlich auf einen Blick alle Medikamente, die ihre Patienten so einnehmen. 

Die ePA ersetze nicht die ärztliche Erfahrung sagt Dr. Dashti, aber sie spare die Umwege, die Fehler wahrscheinlicher machen. 

Reibung am Tresen: „Dem Krankenhaus reicht das Fax nicht“

Und trotzdem steht vorne am Tresen immer wieder jemand, der das System kurz aus dem Takt bringt: Der Patient im Blaumann, der einen Befund im Original braucht, weil dem Krankenhaus das Fax nicht reicht. Anna Schiele muss ihn ausdrucken. Ein anderer Patient muss länger warten.

Anna Schiele sagt auch: „Das Scannen wird nicht wirklich seltener. Und manche Dinge dauern noch ziemlich.“ Der nächste Digitalisierungsschub soll jetzt im Frühjahr kommen: Krankenhausbefunde sollen verlässlicher und schneller in der ePA landen, ab dem 1. April drohen Krankenhäusern Sanktionen, wenn sie die ePA nicht befüllen. Dr. Dashti wünscht sich, dass Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… , Praxen und Kliniken durch die ePA wirklich zusammenkommen – nicht „heute und morgen“, sondern in einem Plan über Jahre. Bis papierloses Arbeiten so normal ist, wie heute schon das E-Rezept Mit dem am 20. Oktober 2020 in Kraft getretenen Gesetz zum Schutz elektronischer Patientendaten in… .

Vorreiter sein – und trotzdem mal Luft holen

Mittagspause für Anna Schiele. 60 Patientinnen und Patienten hat sie in drei Stunden Sprechzeit durch die Praxis gelotst. Sie atmet hörbar aus, steht auf und geht in den ersten Stock, um sich ihr Mittagessen warm zu machen. Dr. Dashti führt derweil nebenan noch fünf Videokonsultationen.

Auch in dieser Praxis hat Digitalisierung eine Kehrseite: Veränderung hört nicht auf. Neue Funktionen, neue Prozesse, neue Anforderungen. Selbst ein motiviertes Team kennt den Wunsch nach weniger Tempo. Justyna Brandenburg sagt, manchmal wäre „mal kurz Pause“ gut. Doch nach seinen Videocalls nimmt Dr. Dashti sich eben noch Zeit für Rückfragen aus dem Team. Und wenn es hakt in der ePA-Software, ruft er einfach selbst beim Hersteller an und klärt das für seine Mitarbeitenden. 

Digitalisierung gelingt nur, wenn Menschen sie in die Realität übersetzen. Mit Geduld, Arbeit – und mit einem Chef, der nicht über seinem Team schwebt, sondern mitläuft. Damit das Uhrwerk weiter tickt. Auch wenn die Welt da draußen noch längst nicht so digital läuft, wie sie es hier drin gerne hätten.

Von Robin Avram

Ab dem 1. Oktober 2025 müssen alle Arztpraxen die „ePA für alle“ mit Dokumenten befüllen. Vier von fünf Menschen finden das gut, zeigt eine aktuelle forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes. Wie blicken Hausärztinnen und Hausärzte auf das Thema? Dr. Katharina Weinert, Vorständin des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Brandenburg, über…
Veröffentlicht am 28.09.2025