„Die Behandlung eines Herzinfarkts ist nur der erste Schritt“
Kardiologin Prof. Anja Sandek erklärt, was sich in der Behandlung von Herzinfarkten verbessert hat, warum Reha und gute Nachsorge so wichtig sind – und welche Herzinfarkt-Warnzeichen insbesondere Frauen ernst nehmen sollten.
Frau Prof. Sandek, die Herzinfarkt-Fallzahlen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind laut dem Gesundheitsatlas Deutschland seit 2017 deutlich gesunken. Merken Sie diese Entwicklung auch in der ambulanten kardiologischen Versorgung?
Im AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Centrum für Gesundheit in Berlin erlebe ich ein erfreulich hohes Interesse an Vorsorge Für die medizinische Vorsorge und die Rehabilitation gilt der Grundsatz ambulant vor stationär – das… . Sie kann dazu beitragen, Herzinfarkte zu verhindern. Gleichzeitig sehe ich weiterhin viele Patientinnen und Patienten mit Herzkrankheiten, die zur weiteren Diagnostik und Therapie zu uns kommen. Durch die älter werdende Bevölkerung nehmen Herzkrankheiten insgesamt eher zu. Deshalb ist der Rückgang bei den Herzinfarkten eine gute Nachricht, aber kein Grund zur Entwarnung.
Warum dürfen wir nicht nachlassen bei diesem Thema?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weiterhin die häufigste Todesursache in Deutschland. Zudem ist ein Teil des Rückgangs bei den Herzinfarkten auch mit Sondereffekten durch die Corona-Pandemie zu erklären. An Covid-19 sind viele hochbetagte Menschen verstorben, von denen viele einen Herzinfarkt bekommen hätten, wenn sie länger gelebt hätten. Richtig ist aber auch: Langfristig sehen wir echte Fortschritte: weniger Rauchen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten, bessere Vorsorge, bessere Medikamente und bessere Behandlungsmethoden.
Was hat sich in der medizinischen Behandlung konkret verbessert?
Wir erkennen Risiken heute früher und behandeln sie konsequenter. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Cholesterinwerte. In der Diagnostik nutzen wir neben Herzultraschall und Angiographie, einem Verfahren mit Katheter, zunehmend auch die hochmoderne Computertomographie der Herzgefäße. Sie ermöglicht uns, Gefäßverengungen zu erkennen, noch bevor Durchblutungsstörungen auftreten. Außerdem haben sich Katheterbehandlung und chirurgische Verfahren bei der Behandlung eines Herzinfarktes weiterentwickelt. Wichtig ist auch die bessere Aufklärung: Die Zeit von den ersten Symptomen eines Infarkts bis zur Behandlung in der Klinik ist im Durchschnitt kürzer geworden. Bei Frauen besteht hier aber weiterhin Nachholbedarf, sie kommen im Schnitt später in die Klinik, weil ihre Beschwerden oft weniger eindeutig sind.
Welche Warnzeichen sollten insbesondere Frauen ernst nehmen?
Frauen haben bei einem Herzinfarkt nicht immer den klassischen Schmerz links in der Brust. Möglich sind auch Übelkeit, Schwindel, Atemnot, Schmerzen im Unterkiefer, zwischen den Schulterblättern, im Oberbauch oder auf der rechten Brustseite. Akut auftretende starke Beschwerden zwischen Nasenspitze, Arm und Nabel, die nach 15 Minuten nicht abklingen, müssen unverzüglich abgeklärt werden. Bei Verdacht gilt: 112 rufen.
Viele Menschen denken nach dem Krankenhaus: Der Stent ist gesetzt, jetzt ist alles wieder gut. Warum ist gerade die Nachsorge so entscheidend?
Das Wiedereröffnen eines verkalkten Herzgefäßes und das Setzen eines Stents sind nur der erste Schritt. Danach müssen die individuellen Risikofaktoren erkannt und behandelt werden, damit es nicht zu einem weiteren Infarkt kommt. Besonders wichtig ist die kardiologische Rehabilitation Die Weltgesundheitsorganisation versteht unter Rehabilitation alle Maßnahmen, die darauf abzielen,… . Sie senkt Sterblichkeit und erneute Krankenhauseinweisungen nachweislich. Zudem verbessert sie die Lebensqualität und mindert depressive Symptome. Leider nehmen fünf von sechs Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, die kardiologische Reha nicht wahr.
Können Cardiolotsinnen- und -lotsen, die herzkranke Patientinnen und Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt begleiten, hier einen Unterschied machen?
Dieses Angebot halte ich für sehr sinnvoll: als Orientierung, als Erinnerung und als Unterstützung, damit die Empfehlungen aus der Klinik im Alltag ankommen. Gerade Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden, müssen wir besser erreichen. Sie sind im Schnitt Mitte 70 und nehmen eine Reha oft nicht wahr.
Was können Betroffene selbst tun, um einen Herzinfarkt oder einen Zweitinfarkt zu verhindern?
Zur Vorsorge empfehle ich ab 35 Jahren den regelmäßigen Check-up mit Blutdruckmessung, Blutzucker- und Cholesterinwerten. Gesetzlich Krankenversicherte können diese Vorsorge kostenlos in Anspruch nehmen. Bei familiärer Vorbelastung kann die Erhebung von Blutfettwerten auch schon deutlich früher wichtig sein.
Wer bereits einen Infarkt hatte, muss konsequent an den eigenen Risikofaktoren arbeiten. Dazu gehören Rauchverzicht, gut eingestellter Blutdruck und Blutzucker sowie eine oft deutliche Senkung der Cholesterinwerte. Häufig braucht es dafür Medikamente, die regelmäßig eingenommen werden müssen. Wichtig ist zudem eine vollwertige, eher pflanzenbetonte Ernährung, Maßhalten bei Zucker und Alkohol, gutes Stressmanagement und regelmäßige Bewegung. Das klingt nach vielen Punkten. Aber jeder einzelne Schritt stabilisiert das Herz langfristig.