“Nach der Demenzdiagnose braucht es mehr als einen Flyer”
Die Leiterin der AOK Pflege Akademie Anne Kaeks erklärt, warum eine steigende Zahl von Menschen mit Demenz besonders ländliche Regionen herausfordert, welche Unterstützung pflegende Angehörige wirklich entlastet – und warum Prävention früher anfangen muss.
Die Leiterin der AOK Pflege Akademie Anne Kaeks erklärt, warum eine steigende Zahl von Menschen mit Demenz besonders ländliche Regionen herausfordert, welche Unterstützung pflegende Angehörige wirklich entlastet – und warum Prävention früher anfangen muss.
Frau Kaeks, die Zahl der Menschen mit Demenz in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern könnte laut Prognose des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bis 2060 um rund die Hälfte steigen. Was bedeutet das für Sie?
Anne Kaeks: Für mich ist das vor allem ein Auftrag, Versorgung und Unterstützung frühzeitig zu stärken. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, also Familien und Nachbarschaften. Und die Prognose zeigt sehr deutlich: Demenz wird alle drei Bundesländer im Nordosten stärker beschäftigen als heute – besonders dort, wo die Bevölkerung älter wird und Wege länger sind, um Menschen zu versorgen.
Gleichzeitig ist mir wichtig, zu sagen: Demenz ist nicht ausschließlich Schicksal. Regelmäßige Bewegung, gute soziale Kontakte, eine ausgewogene Ernährung und gut behandelte Risikoerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Hörverlust können dazu beitragen, dass das Gehirn möglichst gesund altert. Wir können nicht jede Erkrankung verhindern. Aber wir können Risiken senken, Erkrankungen möglicherweise verzögern und Menschen früher unterstützen.
Hat Prävention wirklich das Potential, das Risiko von Demenz zu senken?
Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… bedeutet nicht, dass sich eine Demenzerkrankung sicher verhindern lässt. So einfach ist es nicht. Aber die Prognose zeigt, wie groß der Unterschied langfristig sein kann, wenn nur die Neuerkrankungsrate sinkt. Dann könnte die Zahl der Menschen mit Demenz im Jahr 2060 je nach Szenario deutlich niedriger ausfallen.
Das ist für mich die zentrale Botschaft: Wir dürfen Demenzprävention nicht erst im hohen Alter beginnen. Es geht um Bewegung, Blutdruck, Diabetes, Hören, soziale Kontakte, Bildung und Teilhabe. Das sind keine Randthemen. Das sind Bausteine für gesundes Altern.
Was macht die Lage in Mecklenburg-Vorpommern besonders?
Die ländliche Struktur Mecklenburg-Vorpommerns ist für Familien ein entscheidender Faktor. Wenn die nächste Beratungsstelle, Tagespflege oder Facharztpraxis weit entfernt ist, wird Hilfe im Alltag deutlich schwerer erreichbar. Die Prognose zeigt außerdem große regionale Unterschiede. In Rostock könnte der Anteil der Menschen mit Demenz 2060 bei rund 2,7 Prozent liegen, in der Mecklenburgischen Seenplatte bei rund 4,6 Prozent.
Für die Versorgung bedeutet das: Die Versorgung muss dort ausgebaut werden, wo der Bedarf künftig am stärksten wächst – also gerade in ländlichen Regionen im Süden und Osten des Landes.
Die Prognose zeigt auch: 2060 könnten in MV rechnerisch nur noch 13 Menschen im Erwerbsalter auf einen Menschen mit Demenz kommen. Was bedeutet das in Bezug auf die Betreuung konkret?
Das heißt: Mehr Menschen werden Unterstützung brauchen, während weniger Menschen im Erwerbsalter da sind, die die Versorgung mittragen können – beruflich, familiär oder ehrenamtlich. In Landkreis Mecklenburgische Seenplatte kämen laut Prognose rechnerisch sogar nur noch rund zehn Menschen im Erwerbsalter auf einen Menschen mit Demenz.
Für An- und Zugehörige ist das sehr konkret. Demenz bedeutet oft nicht nur Unterstützung bei der Körperpflege oder beim Essen. Es geht auch um veränderte Kommunikation, Orientierung im Alltag, Tagesstruktur und viele organisatorische Fragen. Viele Familien leisten Enormes. Aber häusliche Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… darf nicht bedeuten, dass das Problem struktureller Versorgungslücken einfach in die Familien verlagert wird.
Was brauchen Angehörige nach einer Demenzdiagnose am dringendsten?
Sie brauchen einen klaren Pfad. Nach der Diagnose reicht ein Flyer nicht aus. Familien müssen wissen: Wen rufe ich an? Wer berät mich? Welche Leistungen gibt es? Wo bekomme ich Entlastung? Was mache ich, wenn es nachts schwierig wird oder wenn ich selbst nicht mehr kann?
Und für Familien, die bereits betroffen sind, braucht es gut erreichbare Unterstützung im Alltag. Das kann eine Pflegeberatung Bei der Pflegeberatung handelt es sich um eine individuelle Beratung und Hilfestellung durch eine… sein, eine Schulung, die Tages- oder Kurzzeitpflege Kann die häusliche Pflege zeitweise nicht, noch nicht oder nicht in dem erforderlichen Umfang… , ein Fahrdienst oder eine Angehörigengruppe. Entscheidend ist: Die Hilfe muss nicht nur theoretisch existieren. Sie muss erreichbar sein, bezahlbar, verständlich und verlässlich.
Welche Rolle spielt dabei die AOK Pflege Akademie?
Wir wollen pflegende An- und Zugehörige stärken, bevor sie an ihre Belastungsgrenze Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind - mit Ausnahme bei den Fahrkosten - von allen… kommen. Die AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Pflege Akademie bietet in Mecklenburg-Vorpommern Demenz-Pflegekurse und häusliche Einzelschulungen in Kooperation mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Landesverband M-V e. V. an.
Die Kurse vermitteln Wissen, das konkret im Alltag hilft: Wie verändert Demenz die Kommunikation? Wie kann ich mit Unruhe oder wiederkehrenden Fragen umgehen? Wie schaffe ich Sicherheit im Alltag? Welche Leistungen kann ich nutzen? Viele Angehörige sagen nach einer Schulung: Jetzt verstehe ich bestimmte Situationen besser. Genau das ist wichtig. Wissen nimmt nicht jede Belastungssituation weg, aber es kann Sicherheit geben und den Pflegealltag tragfähiger machen.
Wo sehen Sie aktuell die größte Lücke in der Versorgung?
Die größte Lücke liegt oft zwischen den Angeboten. Es gibt Beratung, Pflege, medizinische Versorgung, Entlastungsangebote und kommunale Initiativen. Aber aus Sicht der Familien fühlt sich das häufig nicht wie ein verlässlicher Pfad an, sondern wie eine Suchaufgabe.
Ein Beispiel: Jemand bekommt eine Diagnose und Angehörige suchen anschließend einen Pflegestützpunkt auf. Dann hilft gute Beratung allein wenig, wenn anschließend kein Platz, kein Dienst und keine aufsuchende Hilfe verfügbar sind.
Gute Demenzversorgung bedeutet: jemanden zu haben, der die Fäden zusammenhält.
Was heißt das für die Landespolitik und die Kommunen?
Die Demenzprognose ist ein Auftrag an die Landespolitik, Demenzversorgung stärker vom Wohnort der Betroffenen aus zu denken. Gerade ländliche Regionen brauchen verlässliche Beratung, niedrigschwellige Unterstützung und Entlastung für pflegende An- und Zugehörige sowie demenzfreundliche Angebote vor Ort.
Kommunen sind dabei der Schlüsselort. Menschen mit Demenz leben nicht abstrakt „im Versorgungssystem“. Sie leben in Wohnungen, Dörfern, Nachbarschaften. Sie gehen zum Bäcker, fahren Bus, sind im Verein oder gehen eigenständig in die Hausarztpraxis. Eine demenzfreundliche Kommune sorgt dafür, dass Menschen nicht aus dem Alltag herausfallen.
Wer möchte, dass Menschen mit Demenz länger gut und würdevoll in ihrem vertrauten Umfeld leben können, muss diese Strukturen dauerhaft stärken. Es geht nicht um das nächste Konzeptpapier. Es geht um verlässliche Angebote, die im Alltag ankommen.
Was wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste Schritt in den nächsten zwei Jahren für alle drei Bundesländer?
Mecklenburg-Vorpommern sollte die Demenzversorgung verbindlicher machen – besonders in den Regionen, die laut Prognose stark betroffen sein werden. Nach einer Diagnose sollte jede Familie wissen, wer sie begleitet. Nicht irgendwann, sondern möglichst direkt. Brandenburg sollte „Pflege vor Ort“ absichern; Berlin sollte bezirkliche Netzwerke verbindlich verzahnen.
Mein Wunsch wäre ein klarer Demenzpfad für die häusliche Pflege Als "häusliche Pflege" wird die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in ihrer häuslichen Umgebung,… – mit Beratung, Schulung, Entlastung und kommunaler Koordination. Gute Versorgung beginnt zu Hause, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft und im Ort. Genau dort braucht es verlässliche Strukturen, die An- und Zugehörige im Alltag spürbar entlasten.