AOK-Forum live: „Wir müssen nicht alles neu erfinden, aber ziemlich viel neu organisieren“
Mecklenburg-Vorpommern steht gesundheitspolitisch vor besonderen Herausforderungen: viel Fläche, vergleichsweise wenige und ältere Einwohner sowie eine hohe Krankheitslast. Zugleich bietet das Land die Chance, neue Wege in der Gesundheitsversorgung zu erproben. Wie eine zukunftsfähige Versorgung aussehen kann, das diskutierten rund 70 Teilnehmende am 9. September 2026 in der Orangerie des Schweriner Schlosses.
Mecklenburg-Vorpommern steht gesundheitspolitisch vor besonderen Herausforderungen: viel Fläche, vergleichsweise wenige Einwohner, eine hohe Krankheitslast und eine demografische Entwicklung, die früher als in anderen Bundesländern spürbar wird. Zugleich bietet das Land die Chance, neue Wege in der Gesundheitsversorgung zu erproben. Gesundheitspolitische Perspektiven für Mecklenburg-Vorpommern nach der Landtagswahl diskutierten rund 70 Teilnehmende am 9. September 2026 in der Orangerie des Schweriner Schlosses.
Vertreterinnen und Vertreter aus Landespolitik, Wissenschaft und Versorgung sprachen über Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… , Primärversorgung Unter Primärversorgung wird die gesundheitliche Grundversorgung und Beratung verstanden, in der auch… , Krankenhausversorgung, Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… und Digitalisierung. Auf den Podien dabei waren die Landtagsabgeordneten und gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Sprecher Katy Hoffmeister (CDU), Christine Klingohr (SPD), Dr. Harald Terpe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Torsten Koplin (DIE LINKE).
Gastgeberin und Impulsgeberin war Daniela Teichert, die Vorstandsvorsitzende der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Nordost. Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann, der Direktor des Instituts für Community Medicine an der Universitätsmedizin Greifswald, brachte die wissenschaftliche Perspektive mit einer Keynote in die Diskussionsrunden ein. Durch die Veranstaltung führte Matthias Gabriel (ÄrzteZeitung).
Grußwort: Versorgung vor Ort sichern
Staatssekretärin Sylvia Grimm machte zu Beginn deutlich, dass Mecklenburg-Vorpommern aufgrund seiner besonderen demografischen und strukturellen Bedingungen eigene Antworten auf die Frage nach einer zukunftsfähigen Versorgung braucht. „Gute Gesundheitsversorgung passiert vor Ort“, betonte sie. Entscheidend sei deshalb, die vorhandenen Strukturen weiterzuentwickeln und neue Versorgungswege zu erproben. Prävention, Telemedizin und die Sicherung von Fachkräften seien dabei wichtige Ansatzpunkte.
Für die AOK Nordost geht es dabei nicht darum, das Gesundheitssystem von Grund auf neu zu gestalten. „Wir müssen nicht alles neu erfinden, aber ziemlich viel neu organisieren“, sagte Daniela Teichert. Entscheidend sei, die Versorgung nicht länger primär aus der Perspektive einzelner Sektoren zu betrachten, sondern vom Bedarf der Patientinnen und Patienten her zu planen.
Keynote: Gesundheit früh fördern
Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann lenkte den Blick auf die Prävention. Mecklenburg-Vorpommern habe mit seinen Gesundheitszielen bereits wichtige Grundlagen geschaffen. Jetzt komme es darauf an, diese stärker in der Praxis wirksam werden zu lassen. Besonders groß sei das Potenzial bei Kindern. Früherkennung Im Rahmen der Prävention dienen Maßnahmen der Früherkennung dazu, Krankheiten bereits im Frühstadium… müsse bereits in Kitas beginnen und mit konkreten Interventionen verbunden werden: „Bei den Kiddies kann man richtig was erreichen.“ Die Landesstrategie für Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… und Prävention sei deshalb ein wichtiger und mutiger Schritt. Ziel müsse ein Umfeld sein, das gesundheitsförderndes Verhalten erleichtert und Menschen möglichst früh erreicht.
Podium 1: Versorgung neu zusammendenken
Auf dem ersten Podium diskutierten Katy Hoffmeister, Christine Klingohr, Daniela Teichert und Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann über Prävention, Primärversorgung, Krankenhäuser und Pflege. Dabei wurde deutlich: Die Herausforderungen lassen sich nicht innerhalb einzelner Versorgungsbereiche lösen. Zukunftsfähige Versorgung entsteht durch eine bessere Verbindung der vorhandenen Strukturen und eine konsequentere Orientierung am Bedarf der Menschen.
Eine zentrale Erkenntnis: Prävention und Gesundheitsförderung müssen eine größere Rolle in der Versorgung bekommen und stärker im Alltag verankert werden. Katy Hoffmeister betonte die Notwendigkeit einer stärkeren Gesundheitskompetenz: Menschen müssten besser in die Lage versetzt werden, ihre Gesundheit selbst zu erhalten. Christine Klingohr verwies auf bereits laufende Aktivitäten des Landes, etwa in der psychischen Gesundheit, Suchtprävention und bei „Dritten Orten“ (nach Wohn- und Arbeitsort weitere Orte, an denen sich Menschen häufig aufhalten). Gleichzeitig müsse Prävention noch stärker im Alltag und in der Gesundheitsversorgung ankommen. Daniela Teichert hob die Prävention beim Thema Zahngesundheit als beispielgebend hervor. Davon wünsche sie sich mehr Ansätze. Und ergänzte: “Wir müssen Räume schaffen, wo Prävention möglich ist.”
Als Schlüssel für eine besser koordinierte Versorgung wurde die Primärversorgung gesehen. Daniela Teichert verwies in diesem Zusammenhang auf das Engagement der AOK Nordost im Projekt „NAVIGATION“ zur Primärversorgung in Berlin. Wünschenswert sei, neben medizinischen auch soziale Aspekte stärker in eine Primärversorgung einzubeziehen. Die Podiumsgäste betonten die Notwendigkeit, die sektoralen Grenzen bereits bei der Bedarfsplanung zu überwinden und Versorgung regional als Ganzes zu denken. Bei der Krankenhausversorgung wurde deutlich, dass es einen Spagat darstellt, notwendige Strukturveränderungen und die Erreichbarkeit der Versorgung miteinander in Einklang zu bringen. Katy Hoffmeister und Christine Klingohr betonten den Erhalt der Krankenhausstandorte im Land. Daniela Teichert wies darauf hin, dass die Planung stärker am künftigen Versorgungsbedarf und weniger an früheren Fallzahlen ausgerichtet werden müsse.
Damit Veränderungen gelingen, müsse die Bevölkerung mitgenommen, notwendige Anpassungen von den Ärztinnen und Ärzten verständlich vermittelt und von der Selbstverwaltung aktiv mitgestaltet werden. Christine Klingohr fasste zusammen: „Wir müssen mutig miteinander sein, wir müssen Kompromisse miteinander finden und Lösungen.“
Podium 2: Digitalisierung schneller in die Versorgung bringen
Auf dem zweiten Podium diskutierten Dr. Harald Terpe, Torsten Koplin, Daniela Teichert und Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… . Die zentrale Frage: Wie kommen digitale Möglichkeiten schneller in der Versorgung an?
Digitalisierung muss vor allem einen konkreten Nutzen für Patientinnen und Patienten sowie für die Gesundheitsberufe schaffen. Dr. Harald Terpe verwies auf das Potenzial, mehr Zeit für die Behandlung zu gewinnen, zugleich müsse die Umsetzung schneller vorankommen: „Wir brauchen für alles viel zu lange.“ Torsten Koplin plädierte darüber hinaus für ein schrittweises Vorgehen: „Alles mit einmal zu wollen, geht nicht.“
Entscheidend ist damit der Schritt von einzelnen Anwendungen in die breite Versorgung. Daniela Teichert verwies auf Potenziale in Mecklenburg-Vorpommern, etwa bei der telemedizinischen Unterstützung der hausärztlichen Versorgung in Pflegeeinrichtungen: „Was nutzt mir die Digitalisierung, wenn ich sie nicht im Versorgungsalltag anwenden kann?“ Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann ergänzte, dass insbesondere für Künstliche Intelligenz eine gute Datenbasis und digitale Infrastruktur notwendig seien.
Mecklenburg-Vorpommern könne dabei eigene Lösungen erproben und weiterentwickeln. Entscheidend wird sein, erfolgreiche Ansätze schneller in die Regelversorgung zu bringen.
Zukunftscheck: Was muss bis 2030 erreicht werden?
In der abschließenden Runde wurde deutlich, dass die politischen Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt werden, sich aber in wichtigen Punkten überschneiden. Christine Klingohr nannte Prävention und Gesundheitsförderung als zentrale Aufgabe. Dr. Harald Terpe setzte den Schwerpunkt auf eine abgeschlossene Krankenhausreform und tragfähige regionale Versorgungsstrukturen. Für Torsten Koplin stehen die Zukunft der Pflege, Prävention und bedarfsgerechte Strukturen im Mittelpunkt. Katy Hoffmeister hob die Sicherung der medizinischen und pflegerischen Versorgung vor Ort hervor.
Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann gab der Politik dabei eine klare Rolle mit auf den Weg: „Wir brauchen die Politik als Impulsgeber für Veränderungen im Gesundheitssystem.“ Daniela Teichert formulierte eine Perspektive für Mecklenburg-Vorpommern: Das Land könne Modellregion für Gesundheit und damit Vorreiter für andere Regionen werden.
Die Diskussion machte deutlich: Mecklenburg-Vorpommern wird seine Versorgung nicht sichern können, indem bestehende Strukturen einfach fortgeschrieben werden. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit, eine stärker am regionalen Bedarf ausgerichtete Planung und den Mut, Versorgung auch dort neu zu organisieren, wo bisherige Strukturen an ihre Grenzen kommen. Gerade darin liegt die Chance des Landes, zum Vorreiter für andere Regionen zu werden.
Anlässlich der Landtagswahl am 20. September hat die AOK Nordost ihre Positionen zur Gesundheitsversorgung in Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht.