„Das ist nicht Pi-mal-Daumen“
AOK-Mediziner im Interview zu falscher Dosierung von Arzneimitteln, Nebenwirkungen und Packungsbeilagen
Im Gespräch mit Dr. Christoph-Gerard Stein von der AOK Hessen geht es diesmal um Compliance und Arzneimittel – wenn man Arzneimittel eigenmächtig über- und unterdosiert oder auch gar nicht einnimmt.
Lesen Sie die Packungsbeilage…“ – wer macht das wirklich?
Stein: Längst nicht alle. Und selbst wenn sie gelesen wird, ist sie oft schwer verständlich, weil sie juristisch und medizinisch sehr exakt formuliert sein muss. Das führt dazu, dass wichtige Informationen manchmal falsch eingeordnet werden.
Man fühlt sich oft müde, wenn dort steht, dass die Einnahme mit Müdigkeit einhergehen kann.
Stein: Ja. Was aber oft übersehen wird: Diese Nebenwirkung tritt vielleicht nur bei einer von 100 Personen auf. Oder der Hinweis „vor dem Essen einnehmen“ wird überlesen – dabei kann genau das entscheidend für die Wirkung sein.
Warum verändern Patienten die Dosierung selbst – und wann ist das okay?
Stein: Die Gründe sind sehr unterschiedlich: Manche wollen Nebenwirkungen vermeiden, andere hoffen auf eine stärkere Wirkung, wieder andere sind unsicher, ob die verordnete Menge zu viel sein könnte. Ein Klassiker sind Schmerzmittel.
Eine Patientin nimmt statt der verordneten Dosis nur die Hälfte, „um den Körper nicht zu belasten“ – hat dann aber weiter Schmerzen und denkt, das Medikament wirkt nicht. Im schlimmsten Fall verlängert sich die Behandlung oder es entstehen Folgeschäden.
Oder jemand nimmt eine Extra-Dosis, um die Wirkung vermeintlich zu steigern?
Stein: Gibt es auch. Was wiederum Nebenwirkungen verstärkt. Dabei ist die vorgeschriebene Dosierung keine Pi-mal-Daumen-Vorgabe, sondern basiert auf Studien, Erfahrung und Leitlinien werden definiert als systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für Ärzte und Patienten, die eine… . Selbstständig anpassen sollte man sie grundsätzlich nicht. Ausnahmen gibt es nur, wenn der Arzt Die ärztliche Berufsausübung, die Ausübung der Heilkunde, setzt nach der Bundesärzteordnung… oder die Ärztin das vorher ausdrücklich so festgelegt hat.
Wann darf man ein Medikament absetzen?
Stein: Sehr häufig passiert das bei Antibiotika: „Mir geht es wieder gut, ich höre jetzt auf.“ Das Problem: Die Infektion kann zurückkommen oder resistent werden.
Oder bei Blutdruckmedikamenten: „Die Werte sind doch jetzt gut, ich brauche das nicht mehr.“ – Dabei sind die Werte oft wegen des Medikaments gut.
Also darf man es nie?
Stein: Nur, wenn es so von ärztlicher Seite vermittelt wurde. Wenn Unsicherheiten bestehen, immer Rücksprache halten. Vor allem bei Herz-, Blutdruck-, oder psychischen Medikamenten. Ein abruptes Absetzen kann hier viel Schaden anrichten.
Was sollte man zu Wechselwirkungen unbedingt wissen?
Stein: Ein typisches Beispiel: Jemand nimmt regelmäßig ein Blutverdünnungsmittel und zusätzlich ein frei verkäufliches Schmerzmittel aus der Apotheke Den Apotheken als Gewerbebetrieben für die Zubereitung und den Verkauf von Arzneimitteln ist durch… . Ohne es zu wissen, erhöht sich damit das Risiko für Magenblutungen deutlich.
Oder auch: Pflanzliche Mittel wie Johanniskraut werden als „harmlos“ angesehen – können aber die Wirkung anderer Medikamente abschwächen.
Gibt es Forschung zu vorgetäuschter Einnahme? Man behauptet somit in der Praxis, man mache alles so wie abgesprochen, in Wahrheit aber gar nicht.
Stein: Ja, das ist gut untersucht. Man spricht von „Non-Adhärenz“ – und die ist sehr häufig. Ein Teil der Patientinnen und Patienten gibt aus Unsicherheit oder Scham nicht zu, dass Medikamente anders oder gar nicht eingenommen werden.
Die Folge: Therapien wirken scheinbar nicht – obwohl das Problem eigentlich in der Anwendung liegt. Ein Beispiel: Ein Patient nickt im Gespräch, möchte nicht als „schwierig“ gelten – nimmt die Tabletten aber zu Hause nicht, weil er Nebenwirkungen befürchtet. Beim nächsten Termin heißt es dann: „Das Medikament wirkt bei Ihnen wohl nicht“ – obwohl es nie richtig ausprobiert wurde.
Werden Nebenwirkungen überschätzt?
Stein: Teilweise ja. Menschen achten verständlicherweise stärker auf ihren Körper, wenn sie ein Medikament nehmen. Dadurch werden Beschwerden eher wahrgenommen und dem Medikament zugeschrieben, auch wenn sie andere Ursachen haben können. Gleichzeitig gilt: Nebenwirkungen sind real und wichtig – sie sollten ernst genommen und besprochen werden.
Haben Sie ein Beispiel?
Stein: Jemand beginnt mit der Einnahme eines neuen Medikamentes und bekommt Kopfschmerzen. Die Ursache kann aber auch Stress, Flüssigkeitsmangel oder ein Infekt sein – nicht unbedingt das Arzneimittel Nach der Definition des Arzneimittelgesetzes (AMG) sind Arzneimittel insbesondere Stoffe und… . Zuweilen werden echte Nebenwirkungen manchmal zu spät gemeldet, weil man denkt: „Das wird schon nichts sein.“