Pressemitteilung

Der wohl größte Hitze-Irrtum

10.06.2026 AOK Hessen 4 Min. Lesedauer

Interview mit AOK-Arzt: Prävention ist immer besser

Das Foto zeigt Kopf und Schulter einer brünetten Frau, die sich mit einem weißen Taschentuch, die Stirn wischt. Im Hintergrund sind Bäume zu sehen.

Zum morgigen Hitzeaktionstag äußert sich Dr. Christoph-Gerard Stein von der AOK Hessen zu ersten Warnzeichen, Dachwohnungen und ob Gebräunte ihre Haut „trainiert“ haben. Er nennt auch den größten Hitze-Irrtum.

Ab welchen Temperaturen kommt unser Körper an seine Grenzen?

Stein: Eine pauschale Grenze gibt es nicht. Entscheidend sind Alter, Gesundheitszustand, Luftfeuchtigkeit, körperliche Aktivität und auch die Frage, ob sich der Körper bereits an Hitze angepasst hat. Bereits ab etwa 26 Grad Raumtemperatur sinken Konzentration und Leistungsfähigkeit messbar. Ab etwa 30 Grad Innenraumtemperatur wird der Schlaf deutlich schlechter, besonders bei älteren Menschen. 

Auch die Luftfeuchtigkeit ist entscheidend. Richtig?

Stein: Eine „feuchte Hitze“ ist oft gefährlicher als trockene Hitze: 32 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit können belastender sein als 38 Grad in trockener Luft.

Gibt es Frühwarnsignale, die auf Überhitzung oder Dehydration hindeuten?

Stein: Ja, und genau diese Warnzeichen sollte man ernst nehmen. Zum Beispiel ungewöhnliche Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Muskelkrämpfe, ein trockener Mund, dunkler Urin. Viele Menschen denken erst bei Kreislaufkollaps oder Hitzschlag an Gefahr. Dann ist es aber schon sehr kritisch.

In Dachwohnungen staut sich die Hitze stark. Lässt sich das ausgleichen?

Stein: Dachwohnungen können im Sommer tatsächlich gesundheitlich problematisch werden. Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… ist hier wichtiger als spätere Kühlung. Die wirksamsten Maßnahmen sind erstaunlich banal: Tagsüber Fenster geschlossen halten, Außenrollos oder -jalousien nutzen, nur nachts und frühmorgens intensiv lüften. Die Hitze sollte möglichst gar nicht erst in die Wohnung gelangen.

Was bringen Ventilatoren?

Stein: Ventilatoren kühlen nicht die Luft, sondern den Menschen. Sie fördern die Verdunstung von Schweiß und können das subjektive Empfinden deutlich verbessern. Ab etwa 35 Grad Raumtemperatur stoßen auch Ventilatoren an Grenzen. Bei sehr heißer Luft können sie die Belastung sogar erhöhen, wenn sie nur noch heiße Luft umwälzen. 

Offensichtlich kann man Fehler machen beim Gebrauch von Sonnencreme. Zum Beispiel, jene aus dem vergangenen Jahr zu benutzen. Warum eigentlich?

Stein: Sonnencreme ist kein Produkt für die Ewigkeit. UV-Filter können mit der Zeit instabil werden – vor allem wenn die Tube im heißen Auto, am Strand oder in der Sonne gelagert wurde. Das Problem ist nicht nur die Hygiene, sondern vor allem kann der tatsächliche Lichtschutz sinken. Daneben passieren weitere klassische Fehler: Es wird zu wenig Creme benutzt. Viele nutzen nur ein Viertel oder die Hälfe der empfohlenen Menge. Ein Lichtschutzfaktor 50 verhält sich dann möglicherweise eher wie ein 15er-Produkt.

Gilt die Faustregel „Mehr ist mehr“? 

Stein: Der Lichtschutzfaktor gibt an, wie lange es dauert, bis geschützte Haut unter UV-Strahlung eine Rötung entwickelt, verglichen mit ungeschützter Haut. Theoretisch würde eine Sonnencreme mit LSF 30 also 30-mal besser vor Sonnenexposition schützen als kein Sonnenschutz. In der Praxis sieht das jedoch anders aus, da die Wirkdauer eines Sonnenschutzmittels von mehreren Faktoren abhängt, darunter die aufgetragene Menge, der UV-Index sowie Schwitzen oder Schwimmen. Der LSF-Wert sollte daher eher als Orientierungshilfe gesehen und regelmäßig erneut aufgetragen werden.

Kurze Hose, kurze Ärmel, Sandalen – müsste es bei 40 Grad nicht eigentlich genau das Gegenteil sein?

Stein: In heißen Regionen der Welt tragen Menschen traditionell oft lange, lockere und helle Kleidung. Sie schützt vor direkter Sonneneinstrahlung und reduziert die Aufheizung der Haut. Entscheidend ist: Locker statt eng, hell statt dunkel, luftdurchlässig statt synthetisch dicht. 

Jemand kommt gebräunt aus dem Urlaub zurück. Ist die Haut danach „trainierter“?

Stein: Nur sehr begrenzt. Bräunung ist biologisch gesehen bereits eine Schutzreaktion der Haut auf UV-Schäden. Die Haut produziert mehr Pigment, um Zellschäden zu begrenzen. Dieser Eigenschutz entspricht aber nur ungefähr einem Lichtschutzfaktor von zwei bis vier – also sehr wenig. Gebräunte Haut kann ebenfalls verbrennen. Auch ohne Sonnenbrand entstehen weiterhin DNA-Schäden. Das Hautkrebsrisiko sinkt durch die Bräune nicht relevant. 

Was ist der häufigste Irrtum beim Thema Hitze?

Stein: Der Satz: „Mir macht Hitze nichts aus.“ Gerade gefährdete Menschen merken oft zu spät, dass der Körper bereits überfordert ist. Hitze ist keine reine Komfortfrage, sondern kann medizinisch relevant werden – insbesondere nachts, bei Flüssigkeitsmangel und über mehrere Tage hinweg.

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