Gesundheit in allen Politikbereichen verankern
Isabella Erb-Herrmann, Vorstandsmitglied der AOK Hessen, nahm vergangene Woche in der Universitätsmedizin Frankfurt an einer Diskussionsrunde über Prävention in der Herz-Kreislauf-Medizin teil. Für sie steht ein ganzheitlicher Präventionsansatz im Mittelpunkt. Im Gespräch erläutert sie genauer, was sie damit meint.
Frau Erb-Herrmann, steckt in der gesundheitlichen Prävention tatsächlich solch ein Potenzial, das bislang nicht ausgeschöpft ist?
Erb-Herrmann: Ganz klar: Ja. Jeder in zielgerichtete Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… investierte Euro ist gut investiert. Wir müssen als Gesellschaft den Wert von Prävention erkennen und die Aktivitäten deutlich ausbauen. Mit einer zielgerichteten, erweiterten und in der Bevölkerung positiv verankerten Prävention können wir viel erreichen und Kosten im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… erheblich reduzieren. Das bestätigen viele Expertinnen und Experten. Ein Großteil der teuren Nicht-Infektionskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas ließen sich durch einen gesünderen Lebensstil und mehr Prävention vermeiden. Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen besonders im Fokus – sind sie doch die häufigste Todesursache in Deutschland.
Und dass der Blick auf Prävention in Deutschland umfassender sein muss, zeigen aktuelle Rankings.
Erb-Herrmann: Genau! Das zeigt vor allem der vor einigen Monaten vom AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverband und dem Deutschen Krebsforschungszentrum veröffentlichte Public-Health-Index. Im Ranking wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen in 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa belegt Deutschland den vorletzten Rang 17. Deutschland ist in der Präventionspolitik weit von europäischen Good-Practice-Beispielen entfernt. Wesentlich zum schlechten Abschneiden trägt der geringe Umsetzungsstand ausgerechnet bei besonders wirksamen Maßnahmen der Verhältnisprävention bei. Beim Alkoholkonsum, beim Rauchen, bei der Ernährung und beim Thema Bewegung zeigen uns andere europäische – vor allem nordische – Staaten, wie es besser geht.
Haben Sie Beispiele?
Erb-Herrmann: Da gibt es viele. Irland hat etwa eine rund zehn Prozentpunkte höhere Tabaksteuer und auch am Verkaufsort ist das sichtbare Aufstellen oder Bewerben verboten. In Norwegen sind alle alkoholischen Getränke erst ab 20 Jahren erlaubt und alkoholische Getränke dürfen landesweit nicht beworben werden. Und im Vereinigten Königreich wurde 2028 eine nach dem Zuckerhalt gestaffelte Hersteller-Abgabe für Softdrinks eingeführt. In Finnland wurde schon 1972 ein Public-Health-Projekt zur Senkung der Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen durchgeführt – das Nordkarelien-Projekt. Bis 2012 sank die Sterblichkeit aufgrund dieser Erkrankungen bei Männern im erwerbsfähigen Alter um 82 Prozent und bei Frauen um 84 Prozent. Wie gesagt, dies sind nur wenige Beispiele.
Aber wie bringen diese uns nun weiter?
Erb-Herrmann: Das soll ja nicht heißen, all diese Dinge gleichermaßen umzusetzen. Aber Prävention muss neu gedacht und auf eine breitere Basis gestellt werden. Andere Länder machen uns vor, dass und wie es geht. Ich möchte dafür werben, eine umfassende Präventions-Strategie zu entwickeln, bei der die gesundheitlichen Folgen von Entscheidungen in allen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt werden. Wir müssen Gesundheit in allen Politikbereichen verankern – also „Health in All Policies“. Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dies bedeutet auch, dass sie nicht allein von den gesetzlichen Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… organisiert und bezahlt werden darf.
Welchen Beitrag leistet die AOK Hessen in diesem Zusammenhang?
Erb-Herrmann: Wir sind mit unseren Präventionsmaßnahmen sehr breit aufgestellt und erreichen damit jedes Jahr rund 200.000 Menschen. Wir setzen dabei im gesamten Lebensumfeld an: in den nichtbetriebliche Lebenswelten wie Kitas und Schulen, im betrieblichen Umfeld und ganz individuell bei Interessierten. Wir überprüfen unser Portfolio regelmäßig, um es gegebenenfalls anzupassen. 2026 haben wir beispielsweise unser Angebot an Gesundheitskursen um einen neuen Individualkurs „Umgang mit Alkohol“ erweitert. Kundenbefragungen haben ergeben, dass oft fehlende Zeit ein Hemmnis für Prävention ist. Deshalb planen wir für zeitlich stark eingebundene Menschen On-Demand-Kurse im Bereich Bewegung und Stressmanagement. Auch werden wir die aktuellen Möglichkeiten durch KI zunehmend in unser Angebot integrieren.