Artikel Versorgung

Frakturen vermeiden, Beschwerden lindern

29.08.2025 Frank Brunner 3 Min. Lesedauer

Seit 2024 existiert ein strukturiertes Behandlungsprogramm für Osteoporose, 2025 folgte das erste Disease-Management-Programm (DMP) für Rheumatoide Arthritis. Das Ziel: Versorgungslücken schließen und die Behandlung konsequent nach Leitlinien ausrichten.

Auf einer Couch sitzt eine Person und hält sich das schmerzende Knie.
Kontinuierliche ärztliche Betreuung und Patientenschulungen versprechen große Therapieerfolge.

Mit dem DMP Osteoporose ist Anfang 2024 ein bundesweites Versorgungsangebot gestartet. Erstmals steht damit eine standardisierte Grundlage zur Verfügung, um eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Alter gezielt zu behandeln. Osteoporose war bislang oft unterdiagnostiziert: Nach einer Fragilitätsfraktur erhielten nur wenige Patientinnen und Patienten eine konsequente Abklärung und Therapie. „Wir hatten hohe Frakturraten, enorme Folgekosten – und trotzdem wurde die Erkrankung nicht ernst genug genommen“, sagt Prof. Dr. med. Christopher Niedhart, Orthopäde und Mitentwickler des Programms im August 2025 im Gespräch mit „Pro Dialog“, einer Beilage der „Ärztezeitung“, die der AOK-Bundesverband verantwortet.

Das DMP definiere verbindliche Standards für Risikoevaluation, Diagnostik, Therapie, Monitoring und Patientenschulung. Ärzte dokumentieren Therapieverläufe, Nebenwirkungen, Frakturen und Sturzrisiko. Der Aufwand sei anfangs hoch, so Niedhart, werde aber durch klare Abläufe und strukturierte Rückmeldungen kompensiert.

England als Vorbild

Hausärztinnen und Hausärzte spielten eine Schlüsselrolle, da sie häufig erste Ansprechpartner sind und bereits Erfahrung mit anderen DMPs wie Diabetes oder Koronare Herzkrankheit (KHK) hätten, sagte Niedhart, der neben seiner eigenen Orthopädie-Praxis als Präsident die Orthopädische Gesellschaft für Osteologie leitet. Die kontinuierliche Betreuung stärke zudem die Therapietreue. Parallel laufen Projekte wie der Fracture Liaison Service, die sektorenübergreifende Übergänge sichern. Internationale Modelle dienten dabei als Vorbild. „In England etwa gibt es in jedem Krankenhaus eine sogenannte Fracture Liaison Nurse, die sicherstellt, dass Patientinnen und Patienten nach einer Fraktur gezielt osteologisch weiterbehandelt werden.“

Ein zentrales Element seien Patientenschulungen in fünf Modulen zu Ernährung, Bewegung und Selbstwirksamkeit. „Gerade ältere Patientinnen profitieren enorm, wenn sie merken: Ich kann selbst etwas tun – und es wirkt“, betont Niedhart. Ärztinnen und Ärzte absolvieren dafür eigene Trainerkurse, die auch didaktische Kompetenzen vermitteln.

Die Krankenkassen bewerten den Start positiv. Die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland sprach von einem „Versorgungsplus für 26.000 Betroffene“ und betonte, dass die strukturierte Betreuung „Frakturen vermeidet und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert“.Auch der AOK-Bundesverband hob hervor, dass mit dem DMP eine „lang bekannte Versorgungslücke“ geschlossen werde.

„Gerade ältere Patientinnen profitieren enorm, wenn sie merken: Ich kann selbst etwas tun.“

Prof. Dr. med. Christopher Niedhart

Orthopäde und Präsident der Orthopädischen Gesellschaft für Osteologie

Steigende Akzeptanz

Bundesweit steigt die Zahl der eingeschriebenen Versicherten kontinuierlich, genaue Daten liegen jedoch noch nicht vor. Nach Einschätzung der KV Nordrhein könnte die weitere Digitalisierung der Dokumentation die Akzeptanz bei Ärzten erhöhen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung begleitet das Programm wissenschaftlich, eine kontinuierliche Aktualisierung durch den GBA ist vorgesehen.

In Schleswig-Holstein haben sich laut AOK NordWest bereits mehr als 230 Hausärztinnen und Hausärzte sowie Orthopäden beteiligt. „Damit steht für die Patientinnen und Patienten eine komplette Versorgungskette vom Hausarzt über die Fachärzte bis zu den Reha-Kliniken zur Verfügung“, so die Kasse.

Kompass für steife Gelenke

Zum 1. Juli 2025 startete ein weiteres strukturiertes Behandlungsprogramm in Schleswig-Holstein: das DMP Rheumatoide Arthritis. Es richtet sich an Erwachsene mit gesicherter Diagnose. Mehr als 250 Ärztinnen und Ärzte, zwei Krankenhäuser und eine Reha-Klinik beteiligen sich bereits, sodass die gesamte Behandlungskette abgebildet wird. „Diesen Personen bieten wir mit dem DMP jetzt eine optimierte Behandlung“, erklärte Claudia Straub, Leiterin der Vdek-Landesvertretung Schleswig-Holstein.

Beide Programme stehen exemplarisch für die Weiterentwicklung der DMP-Landschaft in Deutschland. Sie zeigen, wie evidenzbasierte Leitlinien, sektorübergreifende Kooperation und aktive Einbindung der Krankenkassen helfen, Versorgungslücken zu schließen und die Qualität nachhaltig zu verbessern.

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