Sprachtherapie für fast jeden fünften Schulanfänger im Südwesten
Große Unterschiede zwischen den Stadt- und Landkreisen
Stuttgart. Kommende Woche beginnt für die Erstklässlerinnen und Erstklässler in Baden-Württemberg nach den Sommerferien 2026 das erste Schuljahr. Für viele von ihnen gehört neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch das richtige Sprechen zu den Herausforderungen: Fast jedes fünfte sechsjährige Kind (19,2 Prozent) erhielt im Jahr 2025 rund um den Schulbeginn eine Sprachtherapie. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Baden-Württemberg. Konkret erhielten 9.872 der rund 51.300 bei der AOK versicherten sechsjährigen Kinder im Land eine entsprechende Heilmittelverordnung. Jungen sind mit 22,7 Prozent deutlich häufiger betroffen als gleichaltrige Mädchen (15,6 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr ist die Quote bei den Sechsjährigen leicht gestiegen: 2024 hatte sie noch bei 18,5 Prozent gelegen.
„Die sprachliche Entwicklung verläuft von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Sprachliche Fähigkeiten sind aber das Fundament fürs Lernen: Sie beeinflussen, wie gut sich ein Kind ausdrücken, Fragen stellen und Wissen erwerben kann“, sagt Carina Kilcher, Spezialistin Heilmittel bei der AOK Baden-Württemberg. „Umso wichtiger ist es, Sprachstörungen frühzeitig zu erkennen und behandeln zu lassen, damit Kinder gut in der Schule ankommen.“
Innerhalb Baden-Württembergs schwankt die Quote von Kreis zu Kreis erheblich. Am seltensten erhielten sechsjährige Kinder 2025 in Pforzheim (11,7 Prozent), Lörrach (12,3 Prozent) und Konstanz (14,1 Prozent) eine Sprachtherapie. Am häufigsten war dies dagegen in Heidelberg (26,9 Prozent), Rastatt (26,3 Prozent) und im Rhein-Neckar-Kreis (24,1 Prozent) der Fall – dort war damit mehr als jedes vierte sechsjährige Kind betroffen. In kleineren Stadtkreisen wie Heidelberg beruhen die Quoten auf vergleichsweise wenigen Fällen (107 von 398 sechsjährigen Kindern) und können daher stärker schwanken als in bevölkerungsreicheren Kreisen.
Sprachtherapien werden bei Kindern mit Entwicklungsstörungen der Sprache oder des Sprechens überwiegend ab einem Alter von vier Jahren verordnet. In Baden-Württemberg erhielten 2025 bereits 8,3 Prozent der vierjährigen Jungen eine Sprachtherapie, bei den gleichaltrigen Mädchen waren es 4,6 Prozent. Insgesamt lag die Quote bei den Vierjährigen bei 6,5 Prozent. Am höchsten ist die Inanspruchnahme – wie auch bundesweit – im Alter von sechs Jahren, kurz vor beziehungsweise rund um den Schulbeginn. „Gezielt eingesetzte Logopädie wirken überwiegend äußerlich zur Heilung oder Linderung einer Krankheit auf den Körper ein. Der… kann Kindern helfen, sich besser auszudrücken, selbstbewusster zu werden und leichter Anschluss in Kita oder Schule zu finden“, so Kilcher weiter. „Eltern, die bei ihrem Kind Auffälligkeiten beim Sprechen bemerken, sollten das frühzeitig mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin besprechen. Je früher eine Sprachstörung erkannt wird, desto besser lässt sich gegensteuern.“
Sprachstörungen bei Kindern können sich sehr unterschiedlich zeigen. Am häufigsten kommen Artikulationsstörungen vor, bei denen einzelne Laute nicht richtig gebildet werden. Sind zusätzlich Satzbau oder Wortschatz betroffen, kann eine Sprachentwicklungsstörung vorliegen. Auch Redeflussstörungen wie Stottern oder sehr schnelles, undeutliches Sprechen (Poltern) zählen dazu. Eltern und Fachkräfte in Kitas sind hier oft die ersten, denen solche Auffälligkeiten begegnen. Warum rund um den Schuleintritt so viele Kinder eine Sprachtherapie erhalten, wird in der Fachwelt seit Jahren diskutiert. Diskutiert werden unter anderem eine tatsächliche Verschlechterung altersgerechter Sprachfähigkeiten, veränderte Anforderungen von Schule und Elternhaus sowie ein verändertes ärztliches Diagnose- und Verordnungsverhalten.
„Sprachtherapien können Defizite in der kindlichen Entwicklung gezielt ausgleichen. Genauso wichtig ist aber, was im Alltag passiert“, sagt Kilcher. „Gemeinsames Lesen und Vorlesen statt Bildschirmzeit fördert die Sprachentwicklung nachweislich. Das sollten Kitas, Schulen und Elternhäuser gemeinsam im Blick behalten, um Sprachstörungen möglichst früh vorzubeugen.“
Hinweis für die Redaktionen:
Grundlage der Auswertung sind die bei den AOKn versicherten vier- bis sechsjährigen Kinder mit Wohnort in Baden-Württemberg, die 2024 beziehungsweise 2025 mindestens einen Tag versichert waren. Ausgewertet wurde der Anteil der Kinder mit mindestens einer Heilmittelverordnung aus dem Bereich Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schlucktherapie (SSSST) am jeweiligen Berichtsjahresende (31.12.2024 beziehungsweise 31.12.2025). Die Kreisdaten zu den Sechsjährigen wurden aus den geschlechtsspezifischen Werten je Kreis zusammengeführt; ausgewiesen sind nur Kreise mit mindestens 30 Versicherten je Altersgruppe. Da einzelne Stadt- und Landkreise auf vergleichsweise kleinen Fallzahlen beruhen, können die Quoten dort stärker schwanken als auf Landesebene. Stand der Daten: 29.07.2026.