228.000 AOK-Versicherte mit schwerer Hör- und Sehbeeinträchtigung
AOK fördert neues Versorgungsprojekt: GaViD-Sinne bietet kostenfreie interdisziplinäre Diagnostik
Stuttgart. Aktuelle Daten der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Baden-Württemberg machen das Ausmaß eines oft unterschätzten Problems sichtbar: Im Jahr 2024 hatten insgesamt 227.854 Versicherte eine diagnostizierte schwere Beeinträchtigung sowohl des Seh- als auch des Hörvermögens in ihrer Krankengeschichte – die Dunkelziffer ist noch deutlich höher. Für diese Menschen gibt es im Gesundheitssystem bislang keine passenden Anlaufstellen, an denen Sehen und Hören gemeinsam betrachtet werden, um eine adäquate Diagnostik und Versorgung zu ermöglichen. Das soll sich jetzt ändern.
Wer mit einer kombinierten Hör- und Sehbehinderung medizinische Hilfe sucht, trifft im Versorgungsalltag auf viele Akteure – Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, weitere Fachdisziplinen, Beratung und Hilfsmittelversorgung greifen selten systematisch ineinander. Für viele Betroffene bedeutet das jahrelange Odysseen durch Praxen und Kliniken, mit Folgen für Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. Darüber hinaus ist von einem großen Personenkreis auszugehen, bei dem aufgrund komplexer Behinderungen Seh- und Hörvermögen schwer einzuschätzen sind. Bei diesen Menschen werden Beeinträchtigungen der Fernsinne häufig nicht oder zu spät erkannt und dementsprechend versorgt.
„Wir sehen bei Menschen mit kombinierter Sinnesbehinderung eine klare Versorgungslücke", sagt Linda Imelio, Versorgungsinnovatorin bei der AOK Baden-Württemberg. „Mit GaViD-Sinne testen wir ein Versorgungsmodell, das Barrieren abbaut und Zeit für angemessene Diagnostik schafft. Unsere Erwartung ist, dass sich erfolgreiche Elemente in die Regelversorgung überführen lassen."
GaViD-Sinne: Sehen und Hören gemeinsam betrachten
Hier setzt das vom Innovationsfonds Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vom 16. Juli 2015 gibt dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) den… geförderte Projekt GaViD-Sinne (Förderkennzeichen: 01NVF23101) an. Es arbeitet bundesweit in vier interdisziplinären Diagnostik- und Versorgungsstützpunkten – in Hannover und Berlin (Deutsches Taubblindenwerk), in Würzburg (Blindeninstitutsstiftung) und in Stuttgart (Nikolauspflege – Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen). Dort treffen Betroffene auf Fachkräfte der Augen- und HNO-Heilkunde, die gemeinsam beraten und eng mit weiteren Akteuren zusammenarbeiten. Sehen und Hören werden zusammen betrachtet, Befunde, Beratung und Begleitung werden verzahnt.
Die AOK Baden-Württemberg ist Konsortialpartnerin des Projekts und hat für die Leistungen an den Stützpunkten einen Selektivvertrag Im Gegensatz zum Kollektivvertrag handelt es sich bei einem Selektivvertrag um Versorgungsverträge,… abgeschlossen. Das Ziel ist eine verlässliche Struktur für Menschen aller Altersgruppen – von Kindern bis zu älteren Menschen.
Auch aus medizinischer Sicht wird der Ansatz begrüßt: „Viele Betroffene fallen durch das Raster, weil unser System auf einzelne Fachdisziplinen ausgerichtet ist", sagt Christoph Kernstock, Oberarzt an der Universitätsaugenklinik Tübingen. „Aus augenärztlicher Sicht fehlen feste Strukturen, in denen Sehen, Hören und Kommunikation gemeinsam bewertet werden." Den Ansatz der festen Teams und klaren Abläufe hält er für besonders tragfähig: „Interdisziplinäre Diagnostik an einem Ort und verbindliche Versorgungswege sind geeignet, dauerhaft Teil der Regelversorgung zu werden."
Kostenfreie Teilnahme – keine Überweisung nötig
Menschen mit Hör- und Sehbeeinträchtigung oder mit entsprechendem Verdacht können sich direkt an die Stützpunkte wenden – eine ärztliche Überweisung ist nicht erforderlich, die Teilnahme ist kostenfrei. Der Stützpunkt für Baden-Württemberg befindet sich am Rotebühlplatz in Stuttgart und wird von der Nikolauspflege betrieben.
Ob das Modell wirkt, prüft eine wissenschaftliche Studie mit rund 400 Teilnehmenden. Neben der gesundheitsbezogenen Lebensqualität werden Akzeptanz, Prozesse und Kosten untersucht. Gelingt der Ansatz, könnte GaViD-Sinne zeigen, wie eine interdisziplinäre sowie intersektorale Zusammenarbeit eine unterversorgte Gruppe verlässlich versorgen kann.