Fehlzeiten-Bilanz 2025: Rückgang bei Kurzerkrankungen, Anstieg bei psychischen Leiden
WIdO-Analyse: Psychische Erkrankungen bleiben wichtiger Treiber langer Ausfallzeiten
Stuttgart. Im Jahr 2025 sind die bei der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Baden-Württemberg versicherten Beschäftigten im Durchschnitt 21,1 Tage krankheitsbedingt ausgefallen. Damit liegen die Fehlzeiten unter dem Vorjahreswert von 21,7 Tagen. Die Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO Das WIdO (Wissenschaftliches Institut der AOK) liefert als Forschungs- und Beratungsinstitut der… ) zeigt, dass das hohe Niveau der Fehlzeiten seit 2022 in erster Linie durch einen statistischen Effekt infolge der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Seit dem 1. Juli 2022 sind Vertragsärztinnen und -ärzte dazu verpflichtet, die Daten der bislang in… (eAU) zu erklären ist. Die eAU hat dazu geführt, dass insbesondere kurzzeitige Erkrankungen vollständiger erfasst worden sind.
In einer Modellrechnung zeigt das WIdO, dass bei einer Fortschreibung der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) aus den Jahren 2016 bis 2019 ein deutlich geringerer Anstieg der Fehlzeiten zu erwarten gewesen wäre, als im Jahr 2025 gemessen worden ist. „Die Einführung der elektronischen Krankschreibung im Jahr 2022 hat bei den beruflichen Fehlzeiten zu einer bemerkenswerten Niveau-Verschiebung nach oben geführt“, betont WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. Die aktuelle WIdO-Analyse zeigt, dass der Grund dafür vor allem ein sprunghafter Anstieg von AU-Meldungen wegen kurzzeitiger Erkrankungen ist.
Für Baden-Württemberg zeigen die Daten: Während im Jahr 2016 noch rund 7,0 AU-Tage auf Erkrankungen bis zu 14 Tagen zurückzuführen waren, stieg dieser Wert im Jahr 2022 auf 10,7 Tage, bevor er 2025 auf 8,7 Tage zurückging. Bei längeren Erkrankungen von mehr als sechs Wochen waren im Betrachtungszeitraum dagegen keine vergleichbaren Verschiebungen zu beobachten.
„Der starke Anstieg der beruflichen Fehlzeiten wegen Kurzzeit-Erkrankungen ist ein Hinweis darauf, dass wir in unserer Statistik jetzt viele Fälle erfassen, die den Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… früher nicht gemeldet worden sind“, so Schröder. Seit der Einführung der eAU im Jahr 2022 werden alle AU-Bescheinigungen automatisch von den Arztpraxen an die Krankenkassen geschickt. Zuvor oblag es den Versicherten, die Papier-Bescheinigungen an ihre Krankenkasse zu übermitteln – und dies wurde insbesondere bei kurz andauernden Erkrankungen nicht zuverlässig gemacht. „Folgerichtig sehen wir seit Einführung der eAU einen deutlichen Anstieg der Krankmeldungen infolge kurzer Erkrankungen“, so WIdO-Geschäftsführer Schröder. „Der leichte Rückgang der Fehlzeiten ist kein Grund zur Entwarnung. Auch wenn Baden-Württemberg besser dasteht als der Bundesdurchschnitt: 21 Krankheitstage pro Beschäftigtem und Jahr sind ein klares Signal, dass wir Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… und Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… noch stärker in den Fokus nehmen müssen“, sagt Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg
Mehr diagnostizierte Atemwegserkrankungen mit Krankschreibungen
Dies bestätigt auch eine Analyse des WIdO mit den Daten der AOK-versicherten Beschäftigten aus der vertragsärztlichen Versorgung. Beispielhaft ausgewertet wurden alle ambulant-hausärztlich gestellten Diagnosen von akuten Atemwegsinfektionen, die mit Abstand der häufigste Grund für Krankschreibungen bis zu 14 Tagen sind. Das Ergebnis: Während im Jahr 2019 nur bei 65 Prozent der dokumentierten Arztbesuche wegen akuter Atemwegsinfektionen auch eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Seit dem 1. Juli 2022 sind Vertragsärztinnen und -ärzte dazu verpflichtet, die Daten der bislang in… vorlag, lag dieser Anteil im Jahr 2024 bundesweit bei knapp 86 Prozent. „Weder bei der durchschnittlichen Erkrankungsschwere noch in der ärztlichen Krankschreibungspraxis dürfte es in diesem Zeitraum große Veränderungen gegeben haben“, kommentiert Helmut Schröder die Daten. „Der Grund für den Anstieg dürfte also insbesondere die vollständigere Übermittlung der kurzen Krankschreibungen infolge der Einführung der eAU sein.“ Zudem zeigen sowohl die Wochenberichte des Robert Koch-Instituts als auch die Abrechnungsdaten der AOK deutlich, dass die Arztpraxen seit 2022 insgesamt deutlich mehr akute Atemwegsinfekte behandelt haben als vor und während der Covid-19-Pandemie.
Die Betrachtung der beruflichen Fehlzeiten des Jahres 2025 im Monatsverlauf zeigt auch in Baden-Württemberg – wie in den Vorjahren – einen wellenförmigen Verlauf. Insbesondere im Frühjahr und im Winter stiegen die krankheitsbedingten AU-Tage deutlich an; die Höchststände wurden in den Monaten Januar bis März und Oktober bis Dezember erreicht. Bestimmend für diese Ausschläge nach oben waren vor allem Krankheiten des Atmungssystems: Im Februar 2025 erreichten diese in Baden-Württemberg mit 0,72 AU-Tagen je Versichertenmonat ihren Jahreshöchststand.
Lange Ausfallzeiten wegen psychischer Erkrankungen weiter gestiegen
Neben der Einführung der eAU und der erhöhten Prävalenz ist eine Messgröße aus der Epidemiologie, die die Häufigkeit einer Krankheit zu einem bestimmten… von Atemwegserkrankungen seit der Covid-19-Pandemie gibt es weitere Faktoren, die zu einem Anstieg der Fehlzeiten beitragen. Dazu gehört laut der WIdO-Analyse vor allem der stetige Anstieg von Erkrankungen mit einer Dauer von über sechs Wochen. Sie machen mit rund 3 Prozent zwar nur einen relativ geringen Anteil der AU-Fälle aus, verursachen aber in Baden-Württemberg rund 39 Prozent der AU-Tage. Kurze Erkrankungen bis zu sieben Tagen verursachen dagegen rund 74 Prozent der AU-Fälle, machen aber nur gut 26 Prozent der AU-Tage aus.
Bei den Diagnosegruppen mit langer Erkrankungsdauer liegen die Muskel-Skelett-Erkrankungen seit Jahren auf hohem Niveau. In Baden-Württemberg entfielen im Jahr 2025 rund 2,69 AU-Tage je Mitglied auf Langzeiterkrankungen des Muskel-Skelett-Systems – gegenüber 2,63 Tagen im Jahr 2016. Der größte Treiber für den Anstieg der Langzeiterkrankungen sind jedoch die psychischen Erkrankungen: Auf diese entfielen in Baden-Württemberg im Jahr 2025 rund 2,28 AU-Tage je Mitglied, verglichen mit 1,65 Tagen im Jahr 2016 – ein Anstieg von rund 38 Prozent innerhalb von knapp zehn Jahren.
Psychische Erkrankungen sind bei den AOK-versicherten Beschäftigten in Baden-Württemberg mit durchschnittlich 28,1 Arbeitsunfähigkeitstagen je Fall zudem die Diagnosegruppe mit den weitaus längsten Ausfallzeiten. Zum Vergleich: Atemwegserkrankungen kommen auf rund 5,2 Tage je Fall, Muskel-Skelett-Erkrankungen auf rund 14,9 Tage je Fall. „Hier kann die betriebliche Gesundheitsförderung Seit dem Inkrafttreten des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes zum 1. April 2007 sind die bisherigen… Ansätze bieten, um die Widerstandsfähigkeit und psychische Belastbarkeit von Beschäftigten zu stärken. Eine transparente, partizipative und gesundheitsorientierte Unternehmenskultur und Führung sind zentrale Stellschrauben, um Mitarbeitende gesund zu erhalten und langfristig an die Unternehmen zu binden. Das zeigen immer wieder die Analyse-Ergebnisse der Fehlzeiten-Reporte der vergangenen Jahre“, so Schröder.
„Die zunehmenden psychischen Erkrankungen sind ein Spiegel unserer Lebenssituation. Verdichtung, Unsicherheit und Dauererreichbarkeit im Beruflichen genauso wie im Privaten fordern ihren Tribut. Die Förderung von Gesundheit in Unternehmen ist nicht als Kostenfaktor, sondern als strategische Investition zu verstehen, und wir brauchen Rahmenbedingungen, die das unterstützen – von stabilen Betreuungsangeboten für Kinder bis hin zum systematischen Aufbau von Gesundheitskompetenz“, so Johannes Bauernfeind.
Hinweise für die Redaktionen:
Datenbasis: Für die Analysen des WIdO wurden die Daten von etwa 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten bundesweit ausgewertet. Die regionalen Daten basieren auf den Angaben der bei der AOK Baden-Württemberg versicherten Beschäftigten.