#AgendaGesundheit Forum: Prävention wirkt! – „Es ist nie zu spät, anzufangen“
„Untätigkeit ist die teuerste Krankheit – Prävention als Aufgabe für Politik und Gesellschaft“ lautete das Thema des #AgendaGesundheit-Forums der AOK Baden-Württemberg am Mittwoch (08.07.2023) in Stuttgart. Über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Römerkastell erkannten beim Expertentalk schnell: Prävention hat Zukunft und gelingt nur, wenn Politik, Kommunen, Schulen, Arbeitgeber und Krankenkassen gemeinsam handeln.
Professor Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), warnte in seiner Keynote: „Bewegungsmangel ist die Epidemie des 21. Jahrhunderts.“Jährlich sterben rund vier Millionen Menschen vorzeitig, weil sie sich zu wenig bewegen. Der demografische Wandel verstärkt das Problem: Die Menschen werden immer älter, und damit nehmen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder psychische Leiden zu. „Mit Sport und Bewegung können wir chronische Krankheiten deutlich hinauszögern und die Lebensqualität im Alter steigern“, betont Woll.
Anhand der Motorik-Modul-Studie (MoMo), die Kinder und Jugendliche untersucht, sowie der Bad-Schönborn-Studie, die sich auf Aktivität, Fitness und Gesundheit im mittleren Lebensalter konzentriert, zeigte er die Vorteile regelmäßiger Bewegung auf. „150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche genügen, um die Fitness zu verbessern, das kardiovaskuläre Risiko zu senken, Stress abzubauen und die Lebensqualität spürbar zu steigern“, fasst er zusammen. Dabei sei es nie zu spät, damit anzufangen. Studien belegen, dass selbst Menschen im hohen Alter noch enorme Trainingserfolge erzielen können. „Bewegung ist eine Poly-Pille mit umfassender Gesundheitswirkung“, sagt Woll und ergänzt: „Unser Problem ist nicht das Wissen, sondern die Umsetzung.“ Er fordert einen Bewegungspakt, der den Fokus von Reparaturmaßnahmen auf langfristige, effektive Strukturen für Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… durch Bewegung verlagert.
Gordana Marsic, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Baden-Württemberg, bestätigt diese These. Sie fordert einen Kulturwandel im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… und will Prävention als vierte Säule der Versorgung etablieren. „Prävention muss zum zentralen Ziel des Gesundheitssystems werden“, sagt sie. Das System solle sich von der Finanzierung von Krankheiten lösen und Gesundheit stärker fördern. Prävention sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft und gehöre verbindlich in alle Bereiche der Daseinsvorsorge. „Prävention und Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… sind kein Luxus, sondern unverzichtbar“, sagt sie. Sie muss als Leitprinzip gelten. Marsic ist überzeugt: „Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir in Baden-Württemberg viel bewegen. Wir werden unsere Versicherten in allen Lebensphasen begleiten und alles dafür tun, ihnen mehr gesunde Lebensjahre zu ermöglichen.“
Leonie Dirks, Amtschefin im Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg, betonte, dass Prävention im Koalitionsvertrag der Landesregierung hohe Priorität genießt. Baden-Württemberg sei grundsätzlich gut aufgestellt. So fließen 5,4 Millionen Euro in den öffentlichen Gesundheitsdienst, um Städte und Kommunen bei Gesundheitsmaßnahmen zu unterstützen. Sie drängt auf eine bessere Abstimmung der Präventionsarbeit und eine gemeinsame Strategie aller Beteiligten. „Gesundheit muss in allen Politikbereichen verankert sein. Nur wenn der Ansatz ‚Health in all Policies‘ konsequent umgesetzt wird, kann Prävention gelingen. “
Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus, der Robert Bosch Gesellschaft für Medizinische Forschung und der Kliniken des Robert-Bosch-Krankenhauses, ist überzeugt: Das System setzt falsche Anreize. Sprechende Medizin muss besser honoriert werden. Der Mediziner fordert daher einen grundlegenden Wandel. Nur so können Menschen mehr gesunde Lebensjahre gewinnen. Prävention muss ins Zentrum einer zukunftsfähigen Gesundheitspolitik Die Gesundheitspolitik ist ein facettenreiches Gebiet, das weit über die in der Öffentlichkeit mit… rücken. Gesundheitskompetenz stärken, Risiken frühzeitig erkennen – auch mithilfe innovativer Technologien – und Menschen aktiv begleiten: Das ist das Ziel. „Dann profitieren alle, und das Gesundheitssystem wird langfristig entlastet“, betont er. Dafür brauche es auch die Bereitschaft der Ärzteschaft, sich zu verändern.
Prof. Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie Epidemiologie ist die Wissenschaft zur quantitativen Erforschung der Risikofaktoren und Verteilung… (BIPS), kritisiert, dass Deutschland zu stark auf Heilung statt auf Vorsorge Für die medizinische Vorsorge und die Rehabilitation gilt der Grundsatz ambulant vor stationär – das… setzt. „Wir brauchen mehr Mut, Prävention konsequent umzusetzen“, fordert er. Doch es fehle an Verbindlichkeit. „Wir müssen wissen, welche Maßnahmen wirken und welche nicht“, betont der Wissenschaftler. Dafür brauche es klare Ziele und messbare Indikatoren. Parteien und Verbände diskutieren zwar darüber, doch es bedarf langfristiger und breiter Koalitionen.
Peer-Michael Dick, alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrats der AOK Baden-Württemberg, unterstreicht in seinem Abschluss-Statement, dass Präventionsmaßnahmen sowohl den Menschen als auch den Leistungserbringern zugutekommen. „Es gilt, den inneren Schweinehund zu überwinden und aktiv zu werden. Wenn Umfragen zeigen, dass 80 Prozent der Befragten wissen, dass sie selbst etwas für ihre Gesundheit tun könnten, liegt das Problem in der Umsetzung.“
Das nächste #AgendaGesundheit-Forum zum Thema „Gendersensible Medizin“ findet am 11. November 2026 als Livestream statt.