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Schillinger: Beim regelmäßigen Ultraschall der Eierstöcke ist der Schaden größer als der Nutzen

17.03.2026 AOK-Bundesverband 5 Min. Lesedauer

Dr. med. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband, reagiert auf die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) am „IGeL-Monitor“ des Medizinischen Dienstes Bund.

Porträt: Dr. Gerhard Schillinger - Leiter Stab Medizin
Dr. med. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hat kritisiert, die Informationen im „IGeL-Monitor“ des Medizinischen Dienstes Bund zum medizinischen Nutzen und Schaden von Selbstzahlerleistungen würden „immer wieder zur Verunsicherung bei der Bewertung solcher Leistungen beitragen“. Dr. med. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband, reagiert im Interview mit dem Presse- und Politikportal auf die Veröffentlichungen der DEGUM, die unter anderem den Ultraschall zur Früherkennung von Eierstockkrebs als „medizinisch sinnvoll“ postuliert.  

Herr Dr. Schillinger, laut einer Mitteilung der DEGUM ist der Ultraschall bei Eierstockkrebs das zentrale bildgebende Verfahren. Er könne helfen, auffällige Befunde frühzeitig zu erkennen und besser einzuordnen, wenn er verantwortungsvoll eingesetzt werde. Stimmen Sie dieser Bewertung zu?

Schillinger: Ich halte diese Botschaften für irreführend. Die Hypothese mag zwar einleuchtend sein, diese hat sich aber in großen hochwertigen Studien als falsch erwiesen. Durch die Screening-Untersuchung mit Ultraschall konnte kein patientenrelevanter Nutzen erreicht werden, es kam gleichzeitig aber zu einem beträchtlichen Schaden durch falsche Tumorverdachtsdiagnosen. Diese Evidenz hat der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstets sehr fundiert und gut verständlich aufgearbeitet. Und auch die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe raten von dieser Screeninguntersuchung aufgrund der Studienlage ab. Wenn man sich anschaut, wie viele Todesfälle an Eierstockkrebs durch ein regelmäßiges Screening per Ultraschall verhindert werden können, sieht man keinen Vorteil des Screenings gegenüber einer Kontrollgruppe ohne diese regelmäßigen Untersuchungen. Auf der anderen Seite gab es infolge der Untersuchungen bei vielen Frauen einen falschen Alarm und nachfolgend unnötige Operationen. Konkret wurde in zwei großen randomisierten Studien bei etwa 3 von 100 Frauen mit Ultraschallscreening unnötigerweise ein gesunder Eierstock oder beide gesunden Eierstöcke entfernt, weil das Screening fälschlicherweise einen Tumorverdacht gezeigt hatte. Bei diesen unnötigen Operationen kam es bei 15 Prozent der Fälle in der einen Studie und bei 3,5 Prozent in der anderen Studie zu schweren Komplikationen. Der Schaden ist bei dieser Früherkennungs-Leistung also durchaus relevant. Es fehlt aber ein Nutzen, der dieses Risiko einer Screeninguntersuchung bei gesunden Frauen rechtfertigen könnte. Sie gehört also aus guten Gründen nicht zum Leistungskatalog Als Leistungskatalog werden die Leistungsarten der Krankenkassen bezeichnet, auf die ihre… der gesetzlichen Krankenkassen Die 93 Krankenkassen (Stand: 01.01.26) in der gesetzlichen Krankenversicherung verteilen sich auf… .  

Trotzdem wird der Ultraschall der Eierstöcke Frauen immer wieder zur Krebs-Früherkennung angeboten – wie ist das zu erklären?

Schillinger: Das ist eigentlich nur damit zu erklären, dass manche Ärztinnen und Ärzte die Studienergebnisse nicht wahrhaben oder mit der Abrechnung dieser Selbstzahlerleistung zusätzliches Geld verdienen wollen. Dabei raten auch nationale und internationale wissenschaftliche Fachgesellschaften davon ab, diese Früherkennungsuntersuchung bei Frauen ohne jegliche Symptome und ohne erbliche Vorbelastung durchzuführen. Anders ist die Sachlage, wenn ein Verdacht auf Eierstockkrebs vorliegt – also, wenn die behandelte Frau beispielsweise Symptome hat, die auf eine mögliche Erkrankung hindeuten. In diesem Falle werden die Kosten für die Ultraschall-Untersuchung der Eierstöcke auch von den Krankenkassen übernommen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin bezeichnet auch den Brustultraschall als sinnvolle Ergänzung der etablierten Brustkrebsfrüherkennung. Wie bewerten Sie diese Selbstzahlerleistung?

Schillinger: Zur Brustkrebsfrüherkennung durch Mammographie-Screening gibt es gute Daten, die einen Nutzen dieser Untersuchung auf die Sterblichkeit an Brustkrebs zeigen. Das Mammographie-Screening wird daher allen Frauen im Alter zwischen 50 und 75 alle zwei Jahre von den gesetzlichen Krankenkassen angeboten. Für ein Screening mit Ultraschall ergänzend zur Mammographie oder statt der Mammographie gibt es hingegen keine Studien, aus denen man einen Nutzen oder einen Schaden ableiten könnte. Ein Nutzen bestünde in einer Verminderung der Sterblichkeit an Brustkrebs, ein Schaden kann durch Überdiagnosen entstehen, die zu Probeentnahmen und unnötigen Operationen führen. Trotz dieser völligen Unklarheit gehört diese Untersuchung zu den am häufigsten in Anspruch genommenen Selbstzahlerleistungen in Deutschland.

Wie bewertet die AOK denn generell den Markt der individuellen Gesundheitsleistungen, die Versicherten gegen Bezahlung angeboten werden?

Schillinger: Wir sehen diesen Markt sehr kritisch. Die reguläre Sprechstunde von Vertragsärzten sollte frei sein von Verkaufsgesprächen. Daher setzen wir uns auch dafür ein, dass solche Selbstzahlerleistungen nur noch in separaten „IGeL-Sprechstunden“ angeboten werden dürfen. Denn wenn Ärztinnen und Ärzte ihre reguläre Arbeitszeit mit Untersuchungen und Behandlungen mit höchst fraglichem Nutzen verbringen, geht dies auf Kosten des Zeitbudgets für die vertragsärztliche Versorgung von Versicherten mit wichtigen medizinischen Problemen und Anliegen. Zudem ist es rechtlich unzulässig, dass Patienteninnen und Patienten in manchen Arztpraxen nur dann zeitgerechte Termine bekommen, wenn sie Interesse an einer IGeL-Leistung anmelden. Solche Auswüchse sollten beendet werden. Ich denke, da haben wir auch viele Ärztinnen und Ärzte auf unserer Seite, die beim Thema IGeL sensibel sind und sehr seriös damit umgehen.