Alle wollen Primärversorgung – aber welche?
Mit der Einführung eines Primärversorgungssystems verbinden viele Akteure große Erwartungen: mehr Effizienz in der Versorgung, kürzere Wartezeiten auf Arzttermine und eine bessere Steuerung von Patientinnen und Patienten. Wie ein solches System in Deutschland sinnvoll ausgestaltet werden könnte, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung „AOK im Dialog“ des AOK-Bundesverbandes in Berlin.
Eine Primärversorgung Unter Primärversorgung wird die gesundheitliche Grundversorgung und Beratung verstanden, in der auch… ist in den meisten Ländern Europas längst Praxis, wie Professor Wilm Quentin von der Universität Bayreuth in seinem Impulsvortrag zeigte. Seine Bilanz fiel eindeutig aus: „Pro Primärversorgung“. Anhand internationaler Beispiele aus Ländern wie Spanien, Finnland oder Großbritannien zeigte Quentin auf, dass Primärversorgungssysteme dort vielfach die Regelversorgung darstellen. Sie seien in der Lage, rund 90 Prozent der gesundheitlichen Probleme abschließend zu behandeln.
Anreize für die Teilnahme notwendig
„Viele Gesundheitssysteme Der Zugang aller Bürger zu einer umfassenden gesundheitlichen Versorgung unabhängig von ihrem… in anderen Ländern wurden um eine Primärversorgung herum aufgebaut“, erklärte Quentin. Ziel sei stets eine bessere Koordination und klare Zuständigkeiten. Ein zentrales Element sei dabei das sogenannte Gatekeeping, also die gezielte Steuerung der Patientinnen und Patienten, verbunden mit einer Einschreibung bei einem Primärversorger. Damit ein solches System funktioniere, brauche es jedoch Anreize – sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für die Leistungserbringenden. Diese könnten für Versicherte etwa im erleichterten oder generellen Zugang zu Leistungen bestehen, für Ärztinnen und Ärzte in der Vergütung Die Leistungserbringer im Gesundheitswesen werden nach unterschiedlichen Systemen vergütet. Die… . Eine gute Primärversorgung stütze sich dabei auf vier wesentliche Säulen: Erstkontakt, Kontinuität in der Versorgung, ein breites Leistungsspektrum und Koordination.
Verbindlichkeit als zentrales Element
In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Rebecca Beerheide, Politikressortleiterin des „Deutschen Ärzteblatts“, herrschte Einigkeit darüber, dass ein Primärversorgungssystem ohne Verbindlichkeit kaum funktionieren könne. Uneinigkeit bestand jedoch bei der Frage, wie stark diese Verpflichtung ausgestaltet sein sollte und welche Anreize sinnvoll wären.
Im europäischen Ausland werden oftmals Einschreibesysteme angewandt. Armin Grau (Bündnis 90/Die Grünen, MdB) brachte Bonuszahlungen ins Spiel. Markus Beier, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands (HAEV), betonte hingegen die Vergabe schnellerer Termine als möglichen Anreiz. Hans Theiss (CSU, MdB und Mitglied des Gesundheitsausschusses) räumte ein, sich noch im „Meinungsbildungsprozess“ zu befinden, und kündigte an, sich im Rahmen einer Ausschussreise nach Norwegen und Finnland über dortige Modelle zu informieren.
Strukturveränderungen im Gesamtsystem
Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Bundesverbandes, mahnte an, am Anfang den Blick nicht gleich in Details zu verlieren. Die Steuerung von Patientinnen und Patienten biete große Chancen, so Reimann. Gleichzeitig betonte sie: „Wir brauchen eine Strukturveränderung im Gesamtsystem, um das überhaupt leben zu können.“
Wie komplex diese Aufgabe ist, zeigte die weitere Diskussion zur konkreten Ausgestaltung. Armin Grau sprach sich etwa für eine digitale Ersteinschätzung aus, die Zeit sparen und bei der Patientensteuerung helfen könne. Hans Theiss unterstützte den Ansatz einer Digitalisierung grundsätzlich, wies aber darauf hin, dass nicht digitalaffine Menschen nicht von der Versorgung ausgeschlossen werden dürften. Anke Scheer-Richter, stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), ergänzte, dass unterschiedliche Patientengruppen – etwa Chroniker und akut Erkrankte – unterschiedliche Bedürfnisse bei Terminvergabe und Ersteinschätzung hätten.
Hausärztliche Versorgung im Mittelpunkt
Befürchtungen, Hausarztpraxen könnten durch ein Primärversorgungsmodell überlastet werden, wies Markus Beier zurück. „Wir schaffen das“, zeigte er sich überzeugt. Er rechne aufgrund der bereits engen Bindung vieler Patientinnen und Patienten an ihre Hausarztpraxis lediglich mit drei bis fünf zusätzlichen Fällen pro Praxis. Dabei sei wichtig, dass auch Hausarztpraxen, erst recht in der Primärversorgung, nicht ärztliche Berufe umfassen.
Auch Sorgen von Fachärzteseite, vom direkten Patientenzugang abgeschnitten zu werden, relativierte Anke Scheer-Richter. Ziel sei es vielmehr, Fachärztinnen und Fachärzte von Fällen zu entlasten, die dort nicht zwingend behandelt werden müssten. Entscheidend sei die Schwere der Erkrankung und die Frage, wo eine fachärztliche Behandlung sinnvoll sei.
Kostenfrage bleibt umstritten
Vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) spielte auch die Frage nach der Kosteneffektivität eine Rolle. Hans Theiss verwies auf eine prognostizierte Ausgabensteigerung der GKV um 20 Milliarden Euro im Jahr 2026 und äußerte Zweifel, dass ein Primärarztsystem allein ausreiche, um die Finanzen zu stabilisieren. „Meiner Meinung nach müssen die Zeiten vorbei sein, dass wir den Patienten erklären, sie kriegen alles in einer Vollkasko-Mentalität ohne Eigenverantwortung“, so Theiss.
Carola Reimann stellte klar, dass sie die Einführung einer Primärversorgung nicht primär unter Kostengesichtspunkten sehe. „Wir sehen das in erster Linie, um die Versorgung zu sichern“, betonte sie. Um alle Versicherten gut versorgen zu können, brauche es mehr Effizienz im System. Dem schloss sich Armin Grau an: Geld sei nicht „das Entscheidende“, ein gut geführtes Primärversorgungssystem könne das System aber effizienter und damit auch günstiger machen.
Hoffnung auf kürzere Wartezeiten
Ein zentrales Anliegen vieler Patientinnen und Patienten ist die Verkürzung der Wartezeiten auf Facharzttermine. Anke Scheer-Richter zeigte sich überzeugt, dass ein gut gesteuertes Primärversorgungssystem hier Abhilfe schaffen könne. Voraussetzung sei allerdings auch die Mitwirkung der Patientinnen und Patienten, etwa indem sie über die 116 117 vermittelte Termine nicht ablehnten. Auch Markus Beier sprach sich für ein System aus, das „besser funktioniert“ und Behandlungen nach medizinischer Dringlichkeit statt nach individuellen Wünschen priorisiert.
Einführung wohl nicht kurzfristig
Trotz der breiten Zustimmung zum Grundgedanken eines Primärversorgungssystems herrschte am Ende der Veranstaltung Skepsis mit Blick auf den Zeitplan. Angesichts der zahlreichen offenen Fragen hielten es viele Teilnehmende für unwahrscheinlich, dass ein entsprechendes Modell noch bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode der schwarz-roten Koalition umgesetzt wird. Das zeigte auch eine Abstimmung unter den Gästen: Rund die Hälfte glaubt nicht daran, dass die Einführung in dieser Zeit noch gelingt. (tie)