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Schulgesundheitsfachkräfte – Vertrauenspersonen mit besonderen Kompetenzen

Modellversuch Schulgesundheitsfachkräfte in Frankfurt und Offenbach

Schulgesundheitsfachkräfte erweisen sich als eine große Entlastung für Lehrerinnen und Lehrer, die Eltern und vor allem die Schülerschaft. Die wissenschaftliche Begleitforschung durch die Charité-Universitätsmedizin Berlin zur „Schulgesundheitspflege an allgemeinbildenden Schulen“ (SPLASH) zeigt sehr deutlich, dass die guten internationalen Erfahrungen auch in Hessen bestätigt werden können. Das von der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V. (HAGE) initiierte und vom Hessischen Kultusministerium begleitete Vorhaben leistet zudem einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Gesundheitskompetenz. Die Schulgesundheitsfachkräfte, welche seit Juni 2017 an zehn Schulen in Frankfurt und in der Region Offenbach arbeiten, sind vor allem Erste-Hilfe- und Sorge-Instanz, aktive Netzwerkerinnen und schließen – so sehen es auch die Eltern – eine Versorgungslücke. Maßgeblich finanziert wurde das Projekt von der AOK Hessen.

„In der Schule werden die Weichen für die zukünftige Entwicklung unserer Kinder gestellt. Dies gilt für die Bildung, aber auch für die Gesundheit. Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen benötigen in beiden Feldern Unterstützung. Wir hatten uns damals in der Startphase viel von dem Einsatz der Schulgesundheitsfachkräfte versprochen, und jetzt zeigt sich, dass unsere Erwartungen in Teilen sogar übertroffen werden“, kommentiert HAGE-Geschäftsführer Dieter Schulenberg die vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft (IGPW) der Charité Berlin erhobenen Daten und Erkenntnisse. Über 3.700 Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie Elternteile wurden für die Studie schriftlich befragt, ergänzend wurden Einzel- und Gruppeninterviews geführt. Eine starke Zustimmung (64 Prozent) gab es bezogen auf die Entlastung des Schulpersonals von fachfremden, gesundheitsbezogenen Aufgaben, welche wiederum die Arbeitszufriedenheit erhöht. Auch glauben 42 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe 1, dass sich das Schulklima seit Projektbeginn verbessert habe. Eltern haben zudem weniger Fehlzeiten am Arbeitsplatz, weil ihre Kinder nicht mehr bei jeder geringfügigen Einschränkung von der Schule abgeholt werden.

Deutlich qualifizierter

„Kümmern, pflegen, da sein – genau das nennen alle Befragten immer wieder, und das haben die zehn Gesundheitsexpertinnen voll und ganz eingelöst“, bekräftigt Ulrich Striegel vom Hessischen Kultusministerium. Die gesundheitliche Versorgung wird als deutlich qualifizierter wahrgenommen, seit sie von den Schulgesundheitsfachkräften und nicht mehr vom Sekretariat oder von Lehrenden koordiniert und verantwortet wird. Zumal sich die Kinder und Jugendlichen einen Schutzraum wünschen.

Belastungen und Anlässe

Insgesamt wurden in Hessen 14.854 Schülerkontakte dokumentiert. Die meisten Anlässe waren akute Beschwerden (54,9 Prozent) oder Unfälle (27,8 Prozent). Ein Großteil der Arbeit entfällt somit auf Erste Hilfe, aber auch die Beratung bei körperlichen und psychischen Beschwerden und dazu, wie man gesund bleiben kann, prägt den Arbeitsalltag. Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen werden ebenfalls kompetent unterstützt. Von den behandelten Personen konnte die überwiegende Mehrheit wieder in den Unterricht zurückkehren (85 Prozent). Das gesamte Tätigkeitsspektrum geht jedoch über das Fiebermessen und die Ausgabe von Kühlpacks deutlich hinaus: Ernährungsberatung (z. B. bei Laktoseintoleranz), oftmals tabuisierte und komplexe Probleme wie „Ritzen“, Mobbing und Drogenkonsum, Umgang mit Spritzen, Anstoßen von Nachuntersuchungen, Aufklärung zu Fragen in der Pubertät (z. B. Menstruationsbeschwerden, aber auch die sexuelle Orientierung betreffend). Immerhin 18 Prozent der Befragten gaben an, wöchentlich bis täglich körperliche Auseinandersetzungen an der Schule zu erleben, 56 Prozent sogar berichten von gewaltsamen verbalen Konflikten. Der Medienkonsum ist erwartungsgemäß hoch. Ein Drittel der Schülerschaft bewegt sich bei weitem nicht ausreichend.

Die Gesundheitskompetenz erhöhen

Als besorgniserregend stuft Stefan Semkat, bei der AOK Hessen verantwortlich für Prävention, nicht nur die Gesundheitskompetenz der Heranwachsenden und der Erziehungsberechtigten ein, sondern auch Belastungen und Lebensgewohnheiten, die in der Studie ebenso erhoben worden sind: „Bereits zu Beginn stand fest, dass eine Schulgesundheitsfachkraft nicht nur Erste Hilfe leistet oder psychosoziale Betreuung übernimmt, sondern nachhaltig auch den Gesundheitszustand und die Gesundheitskompetenz der Betroffenen verbessern soll. Beispielsweise durch die Implementierung von gesundheitsfördernden Projekten und Maßnahmen.“ Genau das ist auch passiert: Insgesamt 372 Projekte wurden dokumentiert, wobei 60 Prozent von den Schulgesundheitsfachkräften selbst initiiert wurden. 

Konsequenzen aus dem Modellprojekt

Es gibt einen hohen Bedarf an Prävention und Gesundheitsförderung in Schulen – das bestätigt die Mehrheit aller befragten Personen und ist letztlich auch die Quintessenz der Studie. Doch braucht es dafür eine gleichmäßige und ausreichende Präsenz der Schulgesundheitsfachkräfte. „Eine verlässliche Verfügbarkeit an jedem Wochentag und während der gesamten Schulzeit ist unbedingt erforderlich. Auch muss die Schulgesundheitspflege so gestaltet werden, dass sie proaktiv besondere Personengruppen – zum Beispiel chronisch kranke Kinder – in den Blick nehmen kann“, ergänzt Dr. Antje Tannen, Mitautorin der Studie. Die bereits heute nachgewiesenen positiven Effekte führen dazu, dass das Projekt mindestens noch bis zum Ende 2019 finanziert werden soll. Sogar über eine zeitliche und örtliche Ausweitung wird nachgedacht. 

Mehr Bildung durch mehr Gesundheit

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bildungschancen. „Die breiten Einsatzmöglichkeiten einer Schulgesundheitsfachkraft können in gesundheitlichen wie auch sozialen Aspekten einen entscheidenden Beitrag leisten. Im besten Fall gelingt es ihr, eine Schülerin oder einen Schüler daran zu hindern, die Schule vorzeitig abzubrechen und dafür den individuell bestmöglichen Bildungserfolg zu erlangen. Gesundheit wird so ein integraler Bestandteil eines gelebten Alltages in der Schule und das Ziel der Bildungsqualität maßgeblich verbessert“, bestätigt Prof. Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance.