Gehirn & Nerven
Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen?
Wir vertrauen meist auf unsere Erinnerungen, doch das Gehirn erfindet oft Details dazu. Der Neurologe Prof. Dr. Emrah Düzel erklärt, warum das Gedächtnis kein Datenspeicher ist, wie Emotionen Vergangenes formen und wie sicher Erinnerungen tatsächlich sind.

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Erinnerungen: zwischen Wirklichkeit und Rekonstruktion
Manche Erinnerungen fühlen sich an wie in Stein gemeißelt: Man weiß genau, wie dieser eine Moment war, wer was gesagt hat, wie es roch. Doch warum bleiben einige Erlebnisse jahrzehntelang präsent, während andere schon nach kurzer Zeit verblassen? Und können wir uns überhaupt auf diese Bilder im Kopf verlassen?
Was beim Erinnern im Gehirn passiert, ist mittlerweile sehr gut untersucht. Im Interview erklärt Neurologe Prof. Dr. Emrah Düzel, wie genau unsere Erinnerungen wirklich sind, wann das Gehirn uns täuscht – und warum wir trotzdem gelassen bleiben dürfen.
Viele Menschen stellen sich Erinnerungen wie gespeicherte Daten vor. Wie treffend ist dieses Bild?
Unser Gehirn funktioniert anders als ein Computer, der Dateien auf einer Festplatte ablegt und sie später abruft. Es ist konstruktiv und arbeitet sehr effizient. Aus allem, was wir bisher erlebt und gelernt haben, baut es eine Art Wissensgerüst. Würde das Gehirn dagegen jeden Sinneseindruck einzeln speichern, bräuchte es gewaltig viel Platz.
Stattdessen macht das Gehirn Vorannahmen. Gehen wir in ein Restaurant, weiß das Gedächtnis schon ungefähr, wie es dort aussieht – Tische, Besteck, Kellner und Kellnerinnen. Diese Dinge speichert es nicht jedes Mal wieder ab. Hineingeschrieben wird nur, was wirklich neu oder interessant ist.
Der zweite Teil ist rekonstruktiv: Erinnern wir uns, fehlen oft Details, denn ein biologisches Gedächtnis vergisst. Die Lücken füllt das Gehirn dann selbst auf.
Professor Dr. Emrah Düzel

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Professor Dr. Emrah Düzel zählt weltweit zu den führenden Forschenden im Bereich Gedächtnis und Gehirnfunktionen. Der Neurologe leitet das Institut für Kognitive Neurologie und Demenzforschung und die Gedächtnisambulanz an der Universität Magdeburg. Außerdem lehrt Düzel am Institut für Neurowissenschaft am University College London.
Dann sind Erinnerungen nie eine exakte Abbildung?
Nein, Erinnerungen sind keine Kopien von Ereignissen. Sie beruhen immer auf dem Zusammenspiel aus dem ursprünglichen Erlebnis, unserem Vorwissen und den Informationen, die später hinzukommen. Das bedeutet nicht, dass unser Gedächtnis grundsätzlich unzuverlässig wäre. Im Gegenteil: Insgesamt ist es erstaunlich genau. Oft merken wir sogar, wann eine Erinnerung lückenhaft ist, anstatt sie unbemerkt zu füllen. Trotzdem zeigen viele Experimente, dass unsere Erinnerungen verfälscht werden können.
Warum Erinnerungen beeinflussbar sind
Was kann die Erinnerungen verzerren?
Ein Faktor sind Erwartungen – was wir erwarten, beeinflusst, woran wir uns später erinnern. Ein wissenschaftlicher Versuch verdeutlicht das sehr gut: Studierende bekamen zuerst ein Foto eines Professorenzimmers zu sehen. Auf diesem Original standen nur wenige Bücher in den Regalen. Anschließend legte man ihnen mehrere alternative Fotos vor. Die Studierenden sollten aussuchen, welches Bild zeigt, wie der Raum wirklich aussah. Fast alle entschieden sich für das falsche Foto, auf dem die Bücherregale voller Bücher waren. Denn in einem Professorenzimmer erwarten wir automatisch viele Bücher und diese Erwartung überschreibt die tatsächliche Erinnerung.
Ähnlich funktioniert ein bekanntes Experiment mit Wortlisten: Probanden und Probandinnen hörten Begriffe wie Schlaf, Kissen, Traum, Mond und Nacht. Fragt man später, ob auch „Bett" dabei war, bejahten das rund die Hälfte. Viele meinten sogar, es klar gehört zu haben.
Kann man Menschen falsche Erinnerungen auch einreden?
Ja, das kann funktionieren. In Experimenten konnten Forscher und Forscherinnen zeigen, dass Menschen sich an Ereignisse erinnern, die nie stattgefunden haben. Dafür wurden den Probanden und Probandinnen glaubhaft weis gemacht, dass sie sich als Kind in einem Einkaufszentrum verlaufen hätten. Das stimmte aber nicht. Werden Informationen aber in bestehende Erinnerungen eingebettet und oft genug wiederholt, halten sie viele für wahr. Fachleute nennen das Gedächtnisimplantierung.
Deshalb gibt es bei Zeugen- und Zeuginnenbefragungen beispielsweise auch strenge Regeln, um ihre Erinnerungen nicht zu verfälschen. Die wichtigste lautet: keine Suggestivfragen. Denn wer eine Antwort schon in der Frage andeutet, kann unter Umständen auf die Erinnerungen des Zeugen oder der Zeugin einwirken.
„Weil Erinnerungen formbar sein können, sind bei Zeugen- und Zeuginnenaussagen keine Suggestivfragen erlaubt.“
Professor Dr. Emrah Düzel
Leiter des Instituts für Kognitive Neurologie und Demenzforschung und der Gedächtnisambulanz an der Universität Magdeburg
Intensiv erlebte Momente kann man oft gut rekonstruieren: Wie beeinflussen Emotionen die Erinnerungen?
Emotionen prägen sehr stark, was hängen bleibt. Denn das Gedächtnis arbeitet belohnungsorientiert: Essen, eine nette Begegnung, Geld und sogar Neues zählt das Gehirn als mögliche Belohnung und speichert solche Momente stärker ab. Dabei spielt unter anderem der Botenstoff Dopamin eine Rolle.
Hinzu kommt, dass emotionale Erlebnisse – die guten wie die schlechten – häufig stärker im Gedächtnis verankert werden. In einer bedrohlichen Situation ist die Aufmerksamkeit stark erhöht, aber eng auf die Gefahr fokussiert. Den Kern des Erlebnisses speichern wir dann sehr genau, das Drumherum, wie die Umgebung, dagegen kaum.
Das geschieht in drei Phasen: das Speichern, das Festigen und das spätere Abrufen. Das Festigen beginnt etwa eine halbe bis mehrere Stunden nach dem Erlebnis. Dabei werden die beteiligten Nervenverbindungen stabilisiert. Belohnung sowie positive oder negative Emotionen verstärken diesen Prozess. Deshalb erinnern wir uns meist besonders gut an Momente, die uns bewegt, überrascht oder erschreckt haben. Doch selbst diese Erinnerungen können im Laufe der Jahre etwas variieren.

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Erinnerungen können variieren – das müssen Sie bitte genauer erklären.
Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung abrufen, wird sie erneut bearbeitet. Fachleute wissen heute, dass Erinnerungen beim Wiederaufrufen vorübergehend in einen veränderbaren Zustand geraten. Anschließend werden sie wieder abgespeichert. Dabei können neue Informationen, aktuelle Erfahrungen oder spätere Interpretationen einfließen – meist sind es aber nur kleine Details. Dieser Prozess ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Erinnerungen dynamisch sind.
Welche Arten von Gedächtnis gibt es?
Fachleute unterscheiden verschiedene Gedächtnissysteme. Dazu gehören unter anderem das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis hält Informationen für kurze Zeit verfügbar. Das Langzeitgedächtnis speichert Wissen, Erfahrungen und persönliche Erlebnisse über längere Zeiträume hinweg.
Im Laufe des Lebens wandelt sich das Gehirn, wirkt sich das auch auf das Erinnern aus?
In jungen Jahren sind wir besonders neugierig, das Gehirn ist stark darauf gepolt, Unbekanntes zu entdecken und neue Erfahrungen zu sammeln. Es lernt ständig dazu und richtet sich neu aus. Diese explorative Phase ist vor allem in den ersten 40 Jahren wichtig.
Je besser wir unsere Welt später kennen, desto mehr nutzen wir Bekanntes. Deswegen greifen wir im Alter stärker auf bereits vorhandenes Wissen zurück. Das macht das Gedächtnis oft effizienter. Gleichzeitig verändert sich die Art, wie wir neue Informationen verarbeiten. Eine wichtige Fähigkeit besteht darin, ähnliche Erlebnisse voneinander zu unterscheiden, wie den Supermarkteinkauf am Montag von dem am Mittwoch. Nur dann können wir sie getrennt abspeichern, anstatt sie zu vermischen – die sogenannte Mustertrennung. Diese Fähigkeit gewinnt im Laufe des Lebens zunehmend an Bedeutung, weil wir in der Regel weniger Neues erleben und mehr Routinen haben.
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Misstrauen ist der falsche Schluss, Gelassenheit passt besser. Dass Erinnerungen nicht perfekt sind, ist normal und meistens kein Problem. Es bedeutet nicht, dass mit dem Gedächtnis etwas nicht stimmt. Schließlich macht seine Fähigkeit, Erfahrungen zu verdichten, Vorwissen einzubeziehen und Erinnerungen flexibel anzupassen, unser Gedächtnis überhaupt erst leistungsfähig.
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Experteninterview Prof. Dr. Emrah Düzel.








