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Geschlechtersensible Medizin: Frauen und Männer erkranken unterschiedlich

Veröffentlicht am:02.10.2026

9 Minuten Lesedauer

Symptome, Risiken und die Wirkung von Medikamenten können sich bei Männern und Frauen unterscheiden. Doch lange galt der männliche Körper als medizinischer Standard. Warum eine geschlechtersensible Medizin die Versorgung verbessern kann.

Fünf Menschen verschiedener Generationen stehen gemeinsam auf einer Wiese und blicken in die Landschaft.

© iStock / Halfpoint

Was bedeutet geschlechtersensible Medizin?

Geschlechtersensible Medizin ist ein Ansatz, der sowohl biologische als auch soziale Aspekte des Geschlechts in Prävention, Diagnostik, Therapie und Forschung berücksichtigt. Ziel ist es, diese geschlechtsbezogenen Einflüsse zu erkennen und die medizinische Versorgung besser an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen.

Gleichzeitig will die geschlechtersensible Medizin vorschnelle Rückschlüsse allein aufgrund des Geschlechts vermeiden.

Was bedeutet Geschlecht?

Geschlecht ist ein mehrdimensionales Konzept. In der wissenschaftlichen Diskussion wird zwischen dem biologischen Geschlecht (englisch: sex) und dem sozialen Geschlecht (englisch: gender) unterschieden.

Das biologische Geschlecht bezieht sich auf körperliche Merkmale wie Chromosomen, die wiederum für die Bildung von Hormonen und Geschlechtsorganen zuständig sind. Diese biologischen Merkmale können beispielsweise die Entstehung von Krankheiten oder die Wirksamkeit von Arzneimitteln beeinflussen.

Das soziale Geschlecht umfasst gesellschaftlich geprägte und individuell erlernte Rollen, die beispielsweise durch Erziehung oder gesellschaftliche Normen entstehen. Diese soziokulturellen Aspekte beeinflussen unter anderem, wie Menschen Schmerzen empfinden, mit ihnen umgehen und mit Ärztinnen und Ärzten kommunizieren. Umgekehrt sind auch Ärztinnen und Ärzte soziokulturell geprägt, was sich wiederum auf ihre Behandlungsstrategien auswirken kann.

Warum ist das Geschlecht in der Medizin wichtig?

Frauen und Männer können unterschiedlich erkranken. Sie haben verschiedene Krankheitsrisiken, zeigen teils andere Symptome und reagieren unterschiedlich auf Arzneimittel.

Neben biologischen Unterschieden beeinflussen auch gesellschaftliche Faktoren, beispielsweise Rollenbilder, wie Menschen Krankheiten empfinden und wie sie mit ihnen umgehen. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Geschlechtern zu berücksichtigen, hilft, Erkrankungen früher zu erkennen, Therapien besser anzupassen und die Versorgung zu optimieren.

Wichtig ist: Nicht alle Menschen eines Geschlechts sind gleich. Auch innerhalb eines Geschlechts sind Menschen durch ihre kulturelle Prägung beeinflusst. Das hat etwa Auswirkungen darauf, wie sie Schmerzen empfinden oder wann sie zur Ärztin oder zum Arzt gehen.

Ist Gendermedizin das Gleiche wie geschlechtersensible Medizin?

Geschlechtersensible Medizin ist der umfassendere Begriff. Er beinhaltet sowohl biologische als auch soziale Aspekte von Geschlecht. Der Begriff Gendermedizin ist älter und im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert, wo er mit geschlechtersensibler Medizin übersetzt wird. Im wissenschaftlichen Kontext verbindet man ihn vor allem mit biologischen Geschlechtsunterschieden.

Davon zu unterscheiden ist die geschlechtsspezifische Medizin. Sie befasst sich mit der Gesundheit eines bestimmten Geschlechts und umfasst zum Beispiel die gynäkologische Versorgung von Frauen oder die urologische Versorgung von Männern. Auch die Begriffe „Frauengesundheit“ und „Männergesundheit“ beziehen sich auf die spezifischen gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern.

Zudem gewinnt das Thema Intersektionalität in der Medizin an Bedeutung. Denn weder Frauen noch Männer sind eine homogene Gruppe. Ihre Gesundheitserfahrungen unterscheiden sich beispielsweise je nach Alter, sexueller Orientierung, Migrations- oder Diskriminierungserfahrung sowie Behinderung.

Warum galt der männliche Körper lange als medizinischer Standard?

Die medizinische Forschung konzentrierte sich jahrzehntelang auf den männlichen Körper. Frauen waren in klinischen Studien häufig unterrepräsentiert oder wurden – etwa aus Sorge vor möglichen Risiken in einer Schwangerschaft – gar nicht erst eingeschlossen.

Die Ergebnisse dieser rein männlich besetzten Studien galten dennoch lange als Standard, obwohl sie sich wegen Unterschieden bei Gewicht, Hormonen oder Immunsystem nicht ohne Weiteres auf Frauen übertragen ließen. Viele medizinische Maßnahmen berücksichtigten geschlechtsspezifische Unterschiede bei Symptomen, Krankheitsverläufen und der Wirkung von Arzneimitteln nicht ausreichend.

Vom Gender Health Gap, also der unzureichenden Berücksichtigung geschlechterspezifischer Unterschiede in der Medizin, sind Frauen besonders betroffen. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt sich die Medizin gezielt mit diesen Wissenslücken. Fachleute sehen jedoch weiterhin Nachholbedarf in allen Bereichen der medizinischen Versorgung.

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Wie beeinflusst das Geschlecht die Diagnose?

Geschlechtersensible Medizin bedeutet nicht, dass Frauen und Männer bei jeder Erkrankung unterschiedliche Beschwerden haben. Sie berücksichtigt vielmehr Unterschiede, ohne Gemeinsamkeiten aus dem Blick zu verlieren.

Ein gutes Beispiel dafür sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie der Herzinfarkt. Lange Zeit galten Brustschmerzen als das typische Symptom eines Herzinfarkts. Das ist noch immer so, aber heute weiß man, dass Frauen auch andere Beschwerden haben können und sie diese anders beschreiben als Männer.

Warum wird ein Herzinfarkt bei Frauen oft später erkannt?

Eine Übersichtsarbeit zu akuten Koronarsyndromen (ACS) zeigt: Brustschmerzen sind bei Frauen und Männern das häufigste Symptom eines Herzinfarkts. Die Beschwerden überschneiden sich insgesamt deutlich. Dennoch treten bestimmte Symptome bei Frauen häufiger auf als bei Männern.

Dazu gehören Schmerzen zwischen den Schulterblättern, Übelkeit oder Erbrechen sowie Atemnot. Diese Beschwerden werden in der Notaufnahme manchmal zunächst anderen Ursachen zugeschrieben. Dadurch kann sich die richtige Diagnose verzögern.

Die Forschenden warnen jedoch davor, daraus ein neues Schema abzuleiten: Die vereinfachte Vorstellung „Männer haben Brustschmerzen, Frauen ganz andere Symptome“ greift zu kurz – Frauen haben nicht grundsätzlich andere Herzinfarkt-Symptome als Männer. Entscheidend ist, alle Beschwerden ernst zu nehmen und richtig einzuordnen – unabhängig vom Geschlecht.

Welche Rolle spielen geschlechtsspezifische Risikofaktoren?

Nicht nur die Symptome, sondern auch die Risikofaktoren können sich bei Frauen und Männern unterscheiden. Auch das zeigt sich zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Neben den bekannten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, hohe Cholesterinwerte, Diabetes und Übergewicht, gibt es weitere Faktoren, die speziell bei Frauen eine Rolle spielen.

Dazu gehören beispielsweise eine frühe erste Menstruation, Wechseljahre vor dem 40. Lebensjahr oder Zysten an den Eierstöcken. Aber auch psychosoziale Aspekte wie Gewalt in der Partnerschaft oder Missbrauch können frauenspezifische Risikofaktoren sein.

In der Praxis und Forschung wurden viele dieser geschlechtsspezifischen Risikofaktoren lange nicht berücksichtigt. Dadurch wurden Frauen möglicherweise nicht ausreichend untersucht und Erkrankungen erst spät erkannt. Inzwischen fließen diese Erkenntnisse in die Versorgung ein, wodurch sich diese verbessert.

Warum wirken Arzneimittel bei Frauen und Männern unterschiedlich?

Frauen unterscheiden sich in vielen körperlichen Merkmalen von Männern. Das kann beeinflussen, wie Arzneimittel wirken. Eine Rolle spielen unter anderem Hormone, Körpergewicht, Muskel- und Fettanteil sowie die Funktion von Leber und Nieren.

Diese Faktoren bestimmen, wie Medikamente im Körper aufgenommen, verteilt, abgebaut und ausgeschieden werden. So bauen Frauen manche Arzneimittelwirkstoffe langsamer ab als Männer. Außerdem nimmt die Nierenfunktion bei Frauen im Alter schneller ab. Dadurch scheiden sie bestimmte Wirkstoffe langsamer aus.

Die Folge: Die Konzentration eines Arzneimittels im Blut kann steigen, die Wirkung stärker ausfallen und das Risiko für Nebenwirkungen zunehmen.

Auch bei Männern kann es notwendig sein, die Dosierung von Arzneimitteln anzupassen. Deshalb sollten Ärztinnen und Ärzte das Geschlecht bei der Auswahl und Dosierung berücksichtigen, sofern die Fachinformationen dies empfehlen.

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Warum werden manche Erkrankungen bei Männern übersehen?

Geschlechtersensible Medizin macht nicht nur Unterschiede sichtbar, die Frauen betreffen. Auch Männer können in der medizinischen Versorgung benachteiligt sein – vor allem bei Erkrankungen, die häufig als „Frauenkrankheiten“ gelten, zum Beispiel Osteoporose.

Zwar sind Frauen häufiger von Osteoporose betroffen. Doch auch Männer können im höheren Alter daran erkranken. Bis zu 25 Prozent der Knochenbrüche bei Menschen über 50 Jahren betreffen Männer. Solche Brüche können auch für sie schwerwiegende Folgen haben.

Fehlt das Bewusstsein für diese Erkrankungen, suchen Männer möglicherweise seltener eine Ärztin oder einen Arzt auf, die Erkrankungen werden später erkannt oder nicht optimal behandelt.

Wie verbessert geschlechtersensible Medizin die Gesundheitsversorgung?

Geschlechtersensible Medizin betrifft nicht nur einzelne Erkrankungen, sondern verschiedene Bereiche der Gesundheitsversorgung. Sie kann dazu beitragen, Diagnosen zu verbessern, Therapien individueller anzupassen und die Versorgung stärker an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten auszurichten. Voraussetzung dafür ist, dass Erkenntnisse aus der Forschung auch in der Ausbildung und der medizinischen Praxis berücksichtigt werden.

Geschlechtersensible Medizin ist damit ein Schritt hin zu einer Gesundheitsversorgung, die sich stärker am einzelnen Menschen orientiert – und nicht am Durchschnitt.

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