Zum Hauptinhalt springen
AOK WortmarkeAOK Lebensbaum
Gesundheitsmagazin

Liebe & Sexualität

Über Sexualität aufklären: Das brauchen Menschen mit Unterstützungsbedarf

Veröffentlicht am:28.08.2026

7 Minuten Lesedauer

von Julia Ehlers

Menschen mit Unterstützungsbedarf werden oft für asexuell gehalten – dabei haben sie dieselben Bedürfnisse nach Liebe, Nähe und Partnerschaft wie andere Menschen auch. Mit diesen Tipps können Sie als Angehörige die selbstbestimmte Sexualität von Betroffenen fördern.

Ein junges Pärchen sitzt auf einer Parkbank und hält Händchen. Sie hat Trisomie 21.

© iStock / Arturo Peña Romano Medina / KI-bearbeitet

Welche Bedürfnisse haben Menschen mit Unterstützungsbedarf?

Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf teilen die gleichen Bedürfnisse: Sie sehnen sich oft nach Liebe, Intimität und der Möglichkeit, ihre Sexualität selbstbestimmt zu leben. Viele wünschen sich eine erfüllte Partnerschaft, ein glückliches Sexualleben und vielleicht auch eine eigene Familie mit Kindern.

Das gilt auch für Menschen mit stärkerem Unterstützungsbedarf in stationären Wohneinrichtungen. Wie sehr ihre sexuellen Bedürfnisse jedoch im Vordergrund stehen und ob sie diese äußern, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Denn kognitive und sozio-emotionale Voraussetzungen spielen dabei eine Rolle. Früher wurde hierfür meist der Begriff „geistige Behinderung“ verwendet.

Trotzdem gelten Menschen mit Unterstützungsbedarf in der Gesellschaft häufig als Personen ohne sexuelles Interesse. Selbst professionelle Betreuungskräfte teilen manchmal dieses Vorurteil, insbesondere wenn sie noch in der Ausbildung sind. Darauf deutet eine kleine deutsche Umfrage mit 245 Betreuungskräften aus unterschiedlichen Fachbereichen und Einrichtungen hin.

Was sollten Angehörige über Sexualität bei Unterstützungsbedarf wissen?

Zum einen herrschen viele Vorurteile gegenüber Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihrer Sexualität. Zum anderen ist das Thema Sexualität in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema. Das bestätigten auch zwei Drittel der befragten Betreuungspersonen.

Denn pflegende Angehörige und Fachkräfte reagieren bei Themen rund um die Sexualität eher zurückhaltend – mögliche Gründe können Scham und fehlendes Wissen sein, aber auch die Angst, die professionelle Distanz zu verlieren. Deswegen werden die Bedürfnisse der Betroffenen nach Nähe und Körperkontakt im Alltag häufig nicht ausreichend berücksichtigt.

Ein Beispiel aus einer Einrichtung für Wohnen und Werkstätten zeigt: Zwei Menschen mit Unterstützungsbedarf waren seit drei Jahren ein Paar. In der Mittagspause trafen sie sich regelmäßig in der Werkstatt und wurden dort körperlich intim miteinander, unter anderem, da niemand auf die Idee kam, die beiden nach ihren Wünschen zu fragen oder ihre Beziehung außerhalb der Werkstatt zu unterstützen.

Wie können Angehörige eine selbstbestimmte Sexualität fördern?

Wie die Fachkräfte aus der Werkstatt ignorieren auch Eltern oder pflegende Angehörige mitunter die Bedürfnisse von Menschen mit Unterstützungsbedarf nach Aufklärung, Partnerschaft und Sexualität. Dabei sollten sie weder tabuisiert noch übermäßig kontrolliert werden.

Versuchen Sie stattdessen, den Betroffenen zu helfen, ihre Sexualität selbstbestimmt, sicher und verantwortungsvoll zu leben. Je nach Art und Ausprägung der kognitiven Einschränkungen kann das unterschiedlich aussehen.

Wie gelingt eine altersgerechte Aufklärung?

Angehörige und Pflegende unterstützen selbstbestimmte Sexualität am besten durch eine altersgerechte Aufklärung, die früh beginnt und Menschen mit Unterstützungsbedarf ein Leben lang begleiten kann. Schon kleine Kinder profitieren davon, wenn ihre Eltern offen über Körper und Gefühle sprechen. Dabei sollten sie die Inhalte immer wieder an den Entwicklungsstand anpassen.

Verwenden Sie dafür selbstverständliche Begriffe wie Penis oder Vulva, anstatt sie zu umschreiben oder nicht zu benennen. Es erleichtert Ihnen, spätere Gespräche über Gefühle, Grenzen und im Ernstfall über mögliche Übergriffe zu führen.

Der Verband pro familia rät, nicht darauf zu warten, dass das Kind Fragen stellt oder ein deutliches Interesse an Sexualität zeigt, sondern proaktiv aufzuklären. Denn Menschen mit Unterstützungsbedarf stellen seltener Fragen oder können ihre Fragen und Bedürfnisse teilweise schwerer ausdrücken, obwohl sie Informationen benötigen.

Warum ist es so wichtig, Grenzen zu vermitteln?

Für eine sexuelle Selbstbestimmung ist es für Menschen mit Unterstützungsbedarf wichtig, ihre Grenzen zu erkennen und zu kommunizieren. Daher sollten sie schon als Kinder erfahren, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen dürfen und damit auch entscheiden, wer sie anfassen darf – und wer nicht.

Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, Zustimmung und Ablehnung mit Worten, Gesten oder Symbolen auszudrücken. Als Eltern oder enge Bezugspersonen sind Sie hier in der Vorbildfunktion: Akzeptieren Sie die Grenzen des Kindes und fragen Sie nach, ob es beispielsweise auf den Schoß möchte oder nicht. 

Auch positive Sätze wie „Dein Körper gehört dir“ stärken das Selbstbewusstsein, eigene Grenzen zu setzen, und fördern die Körperwahrnehmung nachhaltig.

Passende Artikel zum Thema

Welche Rolle spielen Angehörige bei dem Thema Selbstbefriedigung?

In der Pubertät wird für Menschen mit Unterstützungsbedarf häufig das Thema Selbstbefriedigung und Intimsphäre wichtiger. Eltern dürfen dann vermitteln, dass Selbstbefriedigung in Ordnung ist, man dafür aber einen privaten, ungestörten Raum wie das eigene Zimmer und eine geschlossene Tür braucht.

Sprechen Sie zudem offen über körperliche Veränderungen wie Menstruation, Bartwuchs, Samenerguss oder Brustentwicklung. Wenn sich Liebesbeziehungen anbahnen, sollten Sie diese unterstützen und ihr Kind später auch bei Enttäuschungen und Liebeskummer begleiten. Häufig bieten Filme, Serien oder Begegnungen gute Anlässe, um über Liebe, Partnerschaft und Sexualität aufzuklären.

Wenn Sie professionellen Rat benötigen oder sich überfordert fühlen, hilft Ihnen eine Sexualberatungsstelle oder eine pro familia-Beratungsstelle weiter. Dort können Sie einen Termin mit einer Sexualpädagogin oder einem Sexualpädagogen vereinbaren.

Eine Mutter und ihre Tochter mit Trisomie 21 sitzen im Wohnzimmer auf einem Sofa und schauen gemeinsam auf ein Tablet.

© iStock / JohnnyGreig

Filme oder Serien können gute Anlässe sein, um über Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Konsens zu sprechen. Gleichzeitig können sie auch als Beispiele für gesunde Grenzen genommen werden.

Wie unterstützt man bei Freundschaft, Liebe und Partnerschaft?

Wie die meisten jungen Menschen zeigen auch Jugendliche mit Unterstützungsbedarf irgendwann Interesse an Partnerschaft und Sexualität. Angehörige sollten deshalb Begegnungen und Freundschaften aktiv fördern oder die Jugendlichen bei Enttäuschungen und Liebeskummer begleiten.

Oft gibt es dafür Angebote wie Theatergruppen, inklusive Jugendzentren oder Workshops zum Thema Freundschaft, Liebe und Sexualität. Die Träger der Behindertenhilfe kennen in der Regel die regionalen Programme und helfen Ihnen bei der Suche.

Damit Jugendliche mit Unterstützungsbedarf soziale Situationen oder auch das Flirten besser verstehen, helfen ihnen Rollenspiele, Bilder oder Geschichten in Leichter Sprache, die Fragen klären wie:

  • Wie zeige ich einer Person, dass ich sie mag?
  • Was ist Konsens?
  • Wann darf ich jemanden anfassen?
  • Wie geht Küssen?

Was ist eine Sexualbegleitung?

Menschen mit Unterstützungsbedarf können ihre sexuellen Bedürfnisse oft nicht ohne Hilfe erfüllen. Dann kann eine Sexualbegleitung helfen.

Wie begleitet man Verhütung, Kinderwunsch und Elternschaft?

Beim Thema Sex und Verhütung unterstützen Sie Beratungsstellen: Dort erklären Fachkräfte in Ruhe die unterschiedlichen Methoden. Für gynäkologische Verhütungsmittel dagegen lohnt sich die Suche nach einer Praxis, die sich viel Zeit für die Aufklärung nimmt.

Wird irgendwann ein Kinderwunsch geäußert, sollten Sie das ernst nehmen: Besprechen Sie offen, ob und welche Unterstützung Sie selbst leisten können. Professionelle Hilfe gibt es beispielsweise durch Modelle wie die „begleitete Elternschaft“ – dort leben Eltern mit Unterstützungsbedarf mit ihrem Kind zusammen und erhalten Förderungen im Alltag und bei der Erziehung.

Warum schützt Aufklärung vor sexualisierter Gewalt?

Sexuelle Bildung oder Aufklärung schützt nachweislich vor sexualisierter Gewalt. Wer die eigenen Grenzen kennt und benennen kann, erkennt auch eher, wenn jemand diese überschreitet – und kann sich leichter anderen anvertrauen.

Auch Erwachsene sollten eigene Grenzen klar ziehen, etwa wenn kindliche Zuneigung oder Zärtlichkeit sich ihnen gegenüber während der Pubertät verändert. So lernt Ihr Kind beide Seiten von Grenzen kennen.

Zieht ein erwachsenes Kind in eine Wohneinrichtung, lohnt sich die Frage nach einem Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt. Idealerweise hat die Einrichtung ein Konzept zu Sexualität und sexueller Bildung entwickelt und setzt es aktiv um.

Passende Angebote der AOK

Fachlich geprüft
Fachlich geprüft

Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.


Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung e.V. (2024): Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung: Anspruch – Realität – Ausblick, Band 51.

pro familia (2022): Sexualität und geistige Behinderung: Körper und Sexualität.

Waren diese Informationen hilfreich für Sie?

Noch nicht das Richtige gefunden?