Eltern
Soziale Ausgrenzung bei Kindern: Auf diese Zeichen sollten Eltern achten
Nicht mitspielen lassen, Gerüchte streuen, Ausschluss von Gruppen-Chats – soziale Ausgrenzung ist oft subtiler als Mobbing. Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Jeanine Grütter erläutert im Interview, woran Eltern sie erkennen und was dann zu tun ist.

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Was ist soziale Ausgrenzung?
Kinder streiten, vertragen sich, schließen sich zusammen – das gehört zur Entwicklung. Doch wenn ein Kind immer wieder außen vor bleibt, hat das einen anderen Namen: soziale Ausgrenzung.
Entwicklungspsychologin Professorin Dr. Jeanine Grütter forscht zu dem Thema an der Ludwig-Maximilans-Universität München und der Pädagogischen Hochschule Zug. Die Expertin weiß, welche Formen Ausgrenzung annehmen kann und warum man früh hinschauen sollte.
Frau Professorin Grütter, Eltern denken bei Ausgrenzung oft an Streit. Wie sieht sie im Alltag aus?
Soziale Ausgrenzung ist häufig viel leiser, als Erwachsene denken. Ein Kind geht vielleicht schon mit Sorge in die Schulpause, weil es nicht weiß, wohin es soll. Es nähert sich einer Gruppe, wird aber ignoriert oder bekommt nur eine knappe, abweisende Antwort.
Wenn das Kind mutiger ist und direkt fragt, ob es mitspielen darf, kann die Antwort noch deutlicher sein, etwa: „Nein, das wollen wir nicht.“ Andere wiederum erleben sehr unterschwellige Formen der Ausgrenzung: Sie stehen daneben, werden aber nicht beachtet oder haben das Gefühl, dass über sie geredet oder gelacht wird. Gerade diese Situationen wirken nach außen oft unscheinbar, doch für Kinder können sie sehr verletzend sein.
Prof. Dr. Jeanine Grütter

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Prof. Dr. Jeanine Grütter forscht unter anderem zur sozialen, moralischen und emotionalen Entwicklung von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter, zum Thema Freundschaftsentwicklung und Peer-Prozessen sowie der sozialen Teilhabe von Schüler und Schülerinnen.
Wo verläuft die Grenze zwischen einem normalen Konflikt und echter Ausgrenzung?
Entscheidend ist, ob ein Kind Anschluss sucht und dieser Wunsch dauerhaft oder wiederholt verweigert wird. Es bekommt dann das Signal: Du gehörst nicht dazu. Bei einem Konflikt dagegen streiten sich Kinder oft über etwas oder mögen sich gegenseitig gerade nicht. Manchmal ist ein Konflikt der Ausgangspunkt für die Ausgrenzung, aber nicht immer: Ein Kind oder eine Gruppe schließt ein anderes Kind aktiv aus – und dieses Verhalten wiederholt sich dann.
Dabei kann das Ausschließen viele Formen annehmen: subtil oder direkt, mit Worten oder sogar körperlich. Doch egal, wie es sich äußert, das Kernelement bleibt dasselbe: Ein Kind möchte teilhaben und darf es nicht.
Ab welchem Alter passiert Ausgrenzung – und ab wann nehmen Kinder sie bewusst wahr?
Früher, als viele vielleicht denken. Schon im Kindergarten, sobald Kinder anfangen, in Gruppen zu spielen, gibt es die ersten Situationen: Wer darf mitspielen, wer nicht? Ab etwa vier Jahren merken Kinder auch, dass Ausschluss unfair sein kann. Denn Kinder haben ein starkes Fairnessbedürfnis.
Sie zeigen dann ein erstes Gespür für Ungerechtigkeit. Ein klassisches Beispiel: Wenn ein Mädchen beim Spiel mit vermeintlich „jungstypischen“ Dingen wie einem Bagger ausgeschlossen wird, nur weil es ein Mädchen ist, sagen Gleichaltrige: Das ist nicht in Ordnung.
Generell haben Kinder und Jugendliche einen sehr starken Sinn für Fairness und Gerechtigkeit. Sie wollen nicht, dass jemand zu Schaden kommt. Und trotzdem tritt später in fast jeder Schulklasse Ausgrenzung auf – im Schnitt sind ein bis zwei Kinder pro Klasse betroffen.
Wie verändert sich Ausgrenzung, wenn Kinder älter werden – gerade bei Teenagern?
Mit zunehmendem Alter wird soziale Ausgrenzung oft indirekter, schwerer greifbar und eine neue Dimension kommt dazu: das Internet. Während jüngere Kinder eher offen ausschließen oder jemanden nicht mitspielen lassen, wird später schlecht übereinander geredet oder weitere ungünstige soziale Dynamiken in Gruppen kommen hinzu.
Gleichzeitig verlagert sich die Ausgrenzung in Chat-Gruppen und auf Social Media. Jugendliche werden in Chats negativ dargestellt, nicht in Gruppen aufgenommen oder bewusst nicht zu Events eingeladen.
Gründe und Unterschiede von Ausgrenzung bei Jungen und Mädchen
Warum grenzen Kinder andere überhaupt sozial aus?
Die Motive sind vielfältig, und nicht immer ist es den Kindern überhaupt bewusst, dass sie jemanden ausschließen oder verletzen. Manchmal wird Ausschluss aber auch bewusst eingesetzt, weil bestimmte Kinder oder eine Gruppe sich exklusiv fühlen möchte: Dann ist man die coole Gruppe, die nicht jeden reinlässt.
Häufig steckt auch Angst dahinter, wie die Sorge, den eigenen Status zu verlieren, oder dass jemand Neues die beste Freundin wegnehmen könnte. Ausgrenzung kann außerdem auf Vorurteilen basieren – zum Beispiel, wenn ein Kind bei Gruppenarbeiten bewusst nicht einbezogen wird, weil man ihm schlechte Leistungen unterstellt, bevor man überhaupt mit ihm zusammengearbeitet hat.
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Schließen Mädchen und Jungen unterschiedlich aus?
Ja, teilweise und das ist sozialisiert. Bezugspersonen wie Eltern sprechen mit Mädchen häufig mehr über Beziehungen, Vertrauen und Nähe als mit Jungen. Deswegen grenzen Mädchen oft über den Beziehungsstatus aus: Gerüchte streuen, keine Geheimnisse mehr teilen, jemanden aus dem inneren Kreis ausschließen.
Jungen dagegen erfahren von ihren Bezugspersonen eher, wie wichtig Aktivitäten im Gegensatz zur Beziehungspflege sind. Ihre Ausgrenzung zeigt sich darin, dass andere nicht beim Sport oder an Aktivitäten teilnehmen dürfen. Allerdings sprechen wir hierbei nur von Mustern, nicht von Regeln. Es gibt Jungen, die über Beziehungen ausgrenzen, und Mädchen, die jemanden vom Fußball fernhalten.
Wie belastend sind Ausgrenzungs-Erfahrungen für Kinder?
Menschen wollen dazugehören, sich angenommen fühlen und Anerkennung erfahren. Wird ihnen das verweigert, erleben sie das buchstäblich schmerzhafte Gefühl, nicht gut genug, nicht gewollt zu sein. Denn soziale Ablehnung löst Stress aus und aktiviert dieselben Gehirnareale wie körperlicher Schmerz.
Erfährt ein Kind immer wieder Ausgrenzung, leiden zudem Wohlbefinden und Selbstwert. In Langzeitstudien wurden Kinder zum Teil über zehn Jahre begleitet. Das Ergebnis: Wer wiederholt ausgeschlossen wird, trägt ein höheres Risiko für psychische Belastungen bis ins Erwachsenenalter. Auch schulisch macht sich das oft bemerkbar: Kinder können sich schlechter konzentrieren und ziehen sich zurück.
Die menschlichen Reaktionen auf Ausgrenzung sind sogar so stark, dass selbst Kinder, die sie nur beobachten, mit Stress reagieren. Obwohl sie selbst nicht direkt betroffen sind.
Gibt es Kinder, die besonders gefährdet sind, ausgeschlossen zu werden?
Besonders gefährdet sind Kinder, die in ihrer Umgebung als „anders“ wahrgenommen werden. Das können beispielsweise Kinder mit Behinderung oder Migrationsgeschichte sein. Laut Forschung haben sie ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, ausgeschlossen zu werden. Da braucht es viel Feingefühl im Schulkontext, damit diesem Trend präventiv entgegengewirkt werden kann.
Die vorherrschende Norm spielt außerdem eine große Rolle, wer dazugehört – und sie ist nicht immer gleich. In einer Schulklasse, wo Lernen als „uncool“ gilt, kann das fleißige Kind zum Außenseiter werden, unabhängig davon, ob es einen Migrationshintergrund hat oder nicht.

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Ausgrenzung erkennen: Darauf sollten Eltern achten
Nicht alle Kinder sprechen darüber: Woran können Eltern merken, dass ihr Kind ausgeschlossen wird?
Eltern kennen ihre Kinder gut und merken meist, wenn etwas nicht stimmt. Wenn ein Kind stiller wird, trauriger wirkt, weniger isst, abgelenkt ist oder abends nicht schlafen kann, lohnt es sich, nachzufragen. Aber ohne Druck, denn der ist fast immer kontraproduktiv. Eine mögliche Formulierung wäre: Magst du mir erzählen, wie dein Tag war? Möchte das Kind aber nicht antworten, sollte das respektiert werden.
Auch körperliche Symptome können ein Hinweis sein: Bauchschmerzen, Schlafprobleme, Schulverweigerung. Manche Kinder entwickeln regelrechte Schulangst, wenn sie immer wieder Ausschlusserfahrungen machen. Das muss man ernst nehmen und nicht voreilig als Phase abtun.
Allerdings wollen einige Kinder anfangs nicht über ihre Erfahrungen reden, weil sie sich schämen oder Angst haben, dass der Zustand schlimmer werden könnte. Dann hilft es, zu signalisieren: Ich bin da, du kannst jederzeit mit mir sprechen. Gemeinsame positive Zeit zu verbringen und gemeinsame Erlebnisse teilen, lenkt von der Belastung ab und erleichtert es Kindern oft, sich schrittweise zu öffnen. Wichtig ist außerdem: Eltern sollten nicht vorschnell handeln, ohne das Kind einzubeziehen. Sonst kann Vertrauen verloren gehen.
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Heißt das: Eltern sollten nicht sofort die Schule anrufen?
Nicht ohne Zustimmung des Kindes – solange keine akute Gefährdung besteht. Kinder und Jugendliche sollten das Gefühl haben, ein Mitspracherecht zu haben, handlungsfähig zu sein und sich dadurch als kompetent zu erleben.
Bei körperlichen Vorfällen oder Gefahr müssen Eltern natürlich handeln und Lehrpersonen eingreifen. Doch insbesondere subtile Situationen brauchen viel Fingerspitzengefühl und das Einverständnis des Kindes – wenngleich das für Eltern manchmal schwer auszuhalten ist.
Lehrpersonen spielen ebenfalls eine große Rolle: Sie tragen nicht nur Verantwortung für das Lernen, sondern auch für das soziale Miteinander. Dort, wo Lehrpersonen soziale Dynamiken gut im Blick haben und einen positiven Austausch mit den Kindern pflegen, gibt es weniger Ausgrenzung. Das bedeutet auch, Interesse am Alltag der Kinder zu zeigen und für persönliche Sorgen ansprechbar zu sein.
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