Liebe & Sexualität
Geschlecht und geschlechtliche Identität: Was hilft Jugendlichen bei Ablehnung?
LGBTQ+-Jugendliche kämpfen häufiger mit psychischen Problemen als Gleichaltrige. Welche Ursachen es dafür gibt und was den Betroffenen dann Halt geben kann.

© iStock / staticnak1983
Warum leiden LGBTQ+-Jugendliche häufiger unter psychischen Problemen?
Mobbing in der Schule, Beschimpfungen im Alltag, Ablehnung in der Familie: LGBTQ+-Jugendliche machen solche negativen Erfahrungen häufiger als andere junge Menschen – dadurch steigt ihr Risiko für psychische Probleme.
Der Anlass der Anfeindungen sind meist Vorurteile und Diskriminierung gegenüber ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Geschlecht und ihrer geschlechtlichen Identität. Fachleute haben für diese Art der Belastung einen Fachbegriff entwickelt: Minderheitenstress.
Er kann so stark sein, dass Heranwachsende, die sich als trans, nicht-binär oder queer identifizieren, aufgrund dieser negativen und traumatischen Erfahrungen ein höheres Risiko für suizidale Gedanken oder Handlungen haben.
Was bedeuten Geschlecht und geschlechtliche Identität?
Geschlecht ist mehr als ein körperliches Merkmal. Es umfasst biologische und medizinische Aspekte, aber auch die Rolle, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Fachleute betonen dabei, dass diese Ebenen gesellschaftlich geprägt sind. Die geschlechtliche Identität beschreibt dagegen, wie ein Mensch sich selbst wahrnimmt. Sie ist individuell und stimmt nicht bei allen Menschen mit dem Geburtsgeschlecht überein.
Welcher Druck entsteht durch Geschlecht und geschlechtliche Identität?
Neben den äußeren Stressfaktoren, Mikroaggressionen, diskriminierende politische Maßnahmen und Gesetze oder zwischenmenschliche Gewalt, können auch innere Stressoren, wie Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen, die mentale Gesundheit von LGBTQ+-Jugendliche beeinflussen.
Zu diesen inneren Stressoren gehören vor allem verinnerlichte Queerfeindlichkeit oder der Druck, die eigene Sexualität, das Geschlecht oder die geschlechtliche Identität vor anderen verbergen zu müssen.
Wie wirkt sich soziale Ablehnung auf LGBTQ+-Jugendliche aus?
Besonders belastend sind Erfahrungen innerhalb der Familie. Wenn Familienmitglieder die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität nicht akzeptieren, es an emotionaler Unterstützung fehlt oder Beziehungen sogar zerbrechen, steht das häufig in Verbindung mit psychischen Belastungen und einem erhöhten Risiko für suizidales Verhalten.
Neben der Familie sind stabile Freundschaften wichtig. Wie bedeutsam sie sein können, zeigt eine kleine Studie mit 61 LGB-Jugendlichen: Teilnehmende, die nach ihrem Coming-out enge Freundschaften verloren hatten, berichteten häufiger von Suizidversuchen.
Einen ähnlichen Einfluss haben Mobbing, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Schule. Ist die Schule kein sicherer Ort für LGBTQ+-Teenager, kann die Gefahr für Suizidalität steigen.
Was schützt LGBTQ+-Jugendliche vor psychischen Problemen?
Forschungsarbeiten zeigen, dass familiärer Rückhalt und andere Formen von sozialer Unterstützung die psychische Gesundheit von LBGTQ+-Jugendlichen stärken – zum Beispiel bei Mobbingerfahrungen in der Schule.
Denn Familienzusammenhalt und Freundschaften, insbesondere zu anderen LGBTQ+-Personen, wirken häufig wie ein Schutzschild für die mentale Gesundheit. Entscheidend sind dabei zwei Bereiche: das nahe persönliche Umfeld und die Orte, an denen junge Menschen ihren Alltag verbringen.
Weitere Faktoren, von denen LGBTQ+-Jugendliche profitieren:
- die Stärkung und Akzeptanz der eigenen Identität durch ihr Umfeld
- ein sicheres und unterstützendes Schulumfeld
- der Zugang zu inklusiver Gesundheitsversorgung
- positive Erfahrungen beim Coming-out
- gesellschaftliche Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung
Passende Artikel zum Thema
Wie können Eltern ihr Kind beim Coming-out begleiten?
Ein Coming-out ist für viele Jugendliche ein großer Vertrauensbeweis und wie Eltern darauf reagieren, prägt, wie sicher sich ein Kind fühlt. Nehmen Sie das Coming-out daher ernst und zeigen Sie Ihrem Kind, dass sich an Ihrer Beziehung zueinander nichts ändert.
Sie können sich beispielsweise für das Vertrauen bedanken, die Selbstbezeichnung Ihres Kindes anerkennen und deutlich machen, dass Sie es genauso lieben wie zuvor. Hilfreich ist es zudem, offen nachzufragen, was Ihr Kind gerade braucht.
Jedes Coming-out ist individuell und kann die Familie manchmal überraschen. Wer einen neuen Namen oder neue Pronomen erst lernen muss, darf das offen sagen und in Ruhe üben. Selbst wenn ein erstes Gespräch schwierig verläuft, lässt sich der Faden später meist wieder aufnehmen.

© iStock / MStudioImages
Wo finden LGBTQ+-Jugendliche und ihre Eltern Unterstützung?
Manchmal brauchen auch die Eltern oder erwachsenen Bezugspersonen einen Rat. Bei Sorgen oder Unsicherheiten kann Ihnen dann der Austausch mit anderen helfen – und wenn Ihr Kind Fragen hat, mit Diskriminierung oder Gewalt konfrontiert ist, sollten Familien und LGBTQ+-Jugendliche wissen, wohin sie sich wenden können.
Viele Heranwachsende holen sich jedoch keine oder erst spät Unterstützung bei Problemen. Daher ist es wichtig, dass Sie als Eltern, aber auch Lehrpersonen früh hinschauen und die Angebote niedrigschwellig sind. Insbesondere spezielle Beratungs- und Krisenangebote aus der queeren Community werden gut angenommen.
Eine Auswahl an Beratungsangeboten in Deutschland:
Lambda Bundesverband
Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V.
#transjugend
Passende Angebote der AOK
„Lebe Balance“
Mit Tests und Achtsamkeitsübungen hilft Ihnen „Lebe Balance“ dabei, mehr innere Stärke zu erlangen.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Wallace, E. R., O'Neill, S., & Lagdon, S. (2024): Risk and protective factors for suicidality among lesbian, gay, bisexual, transgender, and queer (LGBTQ+) young people, from countries with a high global acceptance index (GAI), within the context of the socio-ecological model: A scoping review. Journal of Adolescence, 96, 897–924.
Pfister, A.: Suizidprävention für LGBTQ+-Jugendliche: Notwendigkeit, Modell und Zugänge. Präv Gesundheitsf 20, 13–19 (2025).
Sonnefeld C, Piesch R, Breuer J: Queere Vielfalt in Gesundheitsförderung und Prävention. In: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), eds. Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. Cologne: PUBLISSO; 2026-.
Queer Lexikon e.V.: Queere Kinder begleiten und unterstützen. Stand: 2024.







