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So klären Sie Ihr Kind über Sexualität auf

Eine Mutter klärt ihre Tochter über Sex auf.

© iStock / Charday Penn

Lesezeit: 7 Minuten25.02.2022

Sexuelle Aufklärung schützt vor sexuell übertragbaren Krankheiten, ungewollten Schwangerschaften und sexuellem Missbrauch. Eine Sexualpädagogin erklärt im Interview, wie Eltern sich am besten verhalten sollten.

Inhalte im Überblick

    Porträt von Nadine Schläfke, Sexualpädagogin und Trainerin in der sexualpädagogischen Fortbildung bei ProFamilia

    © Manfred Menzel

    Nadine Schläfke ist Sexualpädagogin und Trainerin in sexualpädagogischer Fortbildung bei der Dietzenbacher Beratungsstelle von ProFamilia (Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung gGmbH) in Hessen.

    In welchem Alter sollten Kinder aufgeklärt werden?

    Sexualität ist ein Bildungsthema, für das es kein bestimmtes Zeitfenster gibt: Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollten lebenslang die Möglichkeit bekommen, Informationen rund um das Thema zu erwerben. Denn nur so ist ein positiver Umgang mit Sexualität möglich.

    Die Aufklärung sollte im Babyalter beginnen. Auch Säuglingen kann man bereits ein positives Körpergefühl vermitteln. Sie sollen lernen, dass ihr Körper ein Schatz ist, den es zu schützen gilt. Konkret bedeutet das: Sie dürfen sich selbst berühren, sie dürfen nackt sein, sich selbst befriedigen – ohne dass die Eltern sie dafür rügen. Kinder empfinden ihren Körper ganz natürlich als etwas Lustvolles, Tolles! Dieses Gefühl sollten Eltern als etwas Normales, Selbstverständliches bestätigen und sie ihre Erfahrungen machen lassen.

    Verbieten Eltern etwa kindliche Selbstbefriedigung oder lehnen das Verhalten verbal als etwas „Böses“ ab, entsteht bei Kindern eine Scham, die nicht gesund ist. Der eigene Körper wird als etwas Bedrohliches erfahren. Die Botschaft sollte sein: Du bist mit deinem Körper, so wie du bist, völlig in Ordnung. Deine Empfindungen und Missempfindungen sind gut, so wie sie sind. Diese frühe sexuelle Aufklärung hat einen elementaren Anteil daran, wie Kinder später Beziehungen führen. Haben sie ein positives Körpergefühl erworben, können sie eine schöne, befriedigende Sexualität in gleichberechtigten Partnerschaften leben.

    Wie reagieren Eltern am besten, wenn Kleinkinder Fragen zu Sex stellen?

    Sexuelle Aufklärung besteht bei Kleinkindern nicht nur in den eben erwähnten bestätigenden Botschaften, sondern auch in einer kognitiven Auseinandersetzung. Wenn Kinder einige Jahre alt sind oder die Mama ein weiteres Kind erwartet, stellen sie in der Regel Fragen zu Sex. Diese kindliche Neugier ist etwas sehr Positives, denn mit ihr lernt das Kind. Hier sollte immer das Motto gelten: Wenn ein Kind eine Frage stellt, hat es eine ehrliche Antwort verdient.

    Wenn Eltern rumdrucksen, erhält das Kind die Botschaft, dass seine Frage falsch war. Wissensdurst wird so nicht gefördert, im Gegenteil: Kinder entwickeln nicht den Mut, weitere Fragen zu stellen. Wenn Eltern etwas antworten wie: „Das Kind hat Papa da reingetan“, kann das zu verstörenden Vorstellungen bei Kindern führen. Etwa, dass der Vater den Bauch der Mutter aufgeklappt, das Kind hineingestopft und den Bauch wieder zugeklappt hat.

    Eine Empfehlung, wie Sie die Frage „Woher kommt das Baby in Mamas Bauch?“ beantworten können: „Erwachsene machen ja oft komische Sachen, die Kinder nicht mögen. Dazu gehört, dass sie es ganz toll finden, Sex miteinander zu haben. Dabei berühren sie sich gegenseitig und das löst schöne, kitzlige Gefühle aus. Und wenn es besonders schön ist, wird der Penis des Mannes größer und passt so genau in die Vagina der Frau etc.“

    Es geht also darum, das zu erklären, was tatsächlich passiert, aber in einer altersgerechten Sprache. Kinder merken so, dass sie ernst genommen werden und richtige Informationen erhalten. Äußerst wichtig ist es, die Sexualität dabei als etwas Positives, Schönes darzustellen, das aber nichts mit Kindern zu tun hat. Für Kinder hat die Erklärung nichts Bedrohliches, solange sie wissen, dass ausschließlich Erwachsene Sex haben. Sie sollen wissen, dass Sex mit Kindern strengstens verboten ist und Missbrauch nicht passieren darf.

    Wenn Sexualität in ihrer Kindheit kein Tabuthema war, haben Kinder eine Sprache und Selbstsicherheit, mit der sie sich später gegen sexuellen Missbrauch besser wehren können. Deswegen werden gut aufgeklärte Kinder in der Regel keine Opfer von Missbrauch. Sie können bei Anbahnungsversuchen Nein sagen und Grenzen setzen.

    „Wenn Sexualität in ihrer Kindheit kein Tabuthema war, haben Kinder eine Sprache und Selbstsicherheit, mit der sie sich später gegen sexuellen Missbrauch besser wehren können.“

    Nadine Schläfke
    Sexualpädagogin und Trainerin in der sexualpädagogischen Fortbildung bei ProFamilia

    Was können Eltern tun, denen es sehr schwerfällt, über Sex zu sprechen?

    Es gibt viele tolle Kinder- und Bilderbücher mit erklärendem Bildmaterial und Texten. Wenn Eltern Hemmungen haben, können sie vorformulierte Texte vorlesen, das macht es sehr viel einfacher. Bevor Kinder in die Grundschule kommen, sollten sie eine Idee davon haben, wie Sexualität funktioniert. Denn je früher die sexuelle Aufklärung stattfindet, desto leichter ist sie für beide Seiten. Kinder haben noch keine Scham entwickelt und sind zugänglich für Gespräche. Außerdem bekommen Mädchen heute durchschnittlich früh ihre Menstruation – in einer Zeit, in der sie kognitiv noch ein Kind sind. Gespräche helfen ihnen diese Erfahrung einzuordnen.

    Wann sollten Eltern über Verhütung und den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten sprechen?

    Glücklicherweise stehen diese Themen zwingend im Lehrplan. Wenn Eltern es schaffen, ungezwungene Momente zu schaffen, um darüber zu sprechen, ist das toll. Oft funktioniert das aber nicht so gut, da der aktuelle Bezug da sein muss, damit sich die Information bei Kindern festsetzt.

    Eltern sollten sich bewusst machen, dass es nicht den einen, richtigen Zeitpunkt für ein Aufklärungsgespräch gibt. Es ist wichtig, ständig im Austausch zu bleiben und zu vermitteln, dass Fragen immer beantwortet werden. Alltägliche Gespräche sind dafür viel wichtiger als ein geplantes Gespräch. Wenn Kinder etwas aus der Schule erzählen, beispielsweise, dass eine Junge einen Rock getragen hat oder ein Mädchen sich schminkt, kann man das als Gesprächsanlass nutzen und weiterführende Themen ansprechen. Aufgabe der Eltern ist es, bei der Einordnung zu helfen, indem sie die Auseinandersetzung suchen und ihre eigene Haltung zu Themen klarmachen. Sie sollten sich als begleitende sexuelle Ausbilder in jedem Lebensalter verstehen.

    „Aufgabe der Eltern ist es, bei der Einordnung zu helfen, indem sie die Auseinandersetzung suchen und ihre eigene Haltung zum Thema klarmachen.“

    Nadine Schläfke
    Sexualpädagogin und Trainerin in der sexualpädagogischen Fortbildung bei ProFamilia

    Was kann man tun, wenn Jugendliche alle Gespräche abblocken?

    Wenn Kinder bereits in der Pubertät sind, fahren sie ihre Stacheln aus, und es ist meist sehr schwer, über Sex zu sprechen. Wir empfehlen bei ProFamilia, dass Eltern nicht zu viele Fragen stellen, sondern von Situationen erzählen, die sie erlebt haben.

    Wenn sie beispielsweise glauben, dass ihr Kind homosexuell sein könnte, können sie in einer Erzählung einfließen lassen, wie normal und selbstverständlich das ist. Etwa in dem sie von dem Coming-out des Kindes eines Arbeitskollegen erzählen – und darüber, dass das Kind zunächst unsicher war, ob es erzählen darf, wie es sich fühlt. Die Botschaft sollte sein: Unsicherheit und Zweifel sind völlig normal, aber jeder ist okay so, wie er ist. Kinder, die so erzogen werden, stehen zu sich selbst, finden Halt in sich selbst und haben beste Voraussetzungen für glückliche, zwischenmenschliche Beziehungen.

    Wenn pubertierende Kinder für Gespräche gar nicht mehr zugänglich sind, kann es helfen, Broschüren von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herumliegen zu lassen. Kinder können sich dann heimlich informieren und das Thema wird nicht zur großen Sache gemacht. Es empfiehlt sich auch, Kondome im Haushalt frei zur Verfügung zu stellen. Vielen Jugendlichen ist es peinlich, sie in der Drogerie zu kaufen, oder sie haben nicht genügend Geld dafür.

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    Sexuelle Aufklärung ist schon bei Babys und Kleinkindern sinnvoll. Wenn Kinder zum Beispiel fragen, woher das Baby in Mamas Bauch kommt, dürfen Eltern ihnen ruhig ehrlich, aber kindgerecht antworten.

    Müssen Eltern ihrem 16-jährigen Sohn erklären, wie man ein Kondom benutzt?

    Das wird sehr schnell sehr peinlich und das ist keine gute Lernsituation. Man kann den Tipp geben, dass er vorher einmal übt, damit in der Aufregung nichts schiefgeht. Und als Info mitgeben, dass er sich vernünftig verhalten soll, wenn er kein Kind haben will und sich nicht mit einer sexuell übertragbaren Erkrankung anstecken will. Trotzdem sollte immer die Botschaft mitschwingen, dass niemand ihm den Kopf abreißt, wenn etwas schiefgeht. Die Kommunikation über das Thema ist der schwierigere Part, als das Kondom korrekt zu benutzen. Viele Erwachsene bekommen das nicht hin – deswegen sollten auch Jugendlichen Fehler zugestanden werden. Ungeplante Schwangerschaften treten übrigens vor allem bei 25- bis 35-Jährigen auf. Wären alle Erwachsenen so verantwortungsbewusst wie Jugendliche, gäbe es also deutlich weniger.

    Auch bei Mädchen ist die Hürde oft hoch, über Verhütung zu sprechen. Es hilft, wenn Eltern darauf hinweisen, dass nicht nur Jungs, sondern auch Mädchen ganz selbstverständlich Kondome dabeihaben können. Sie können sie in der Situation einfach herausholen – ohne etwas dazu sagen zu müssen. Außerdem ist ein Frauenarzttermin sinnvoll, hier können Mädchen Fragen stellen. Je besser sie aufgeklärt sind, desto mehr Fragen werden sie an Ärzte, Lehrer oder Eltern richten.

    Warum sollte man sich nicht auf das Internet als Aufklärer verlassen?

    Sexuelle Aufklärung ist eine Verantwortung, die man nicht auf das Internet abwälzen kann. Das Internet liefert viele Botschaften, die eingeordnet werden müssen. Rund um Sex wird in den sozialen Netzwerken natürlich viel Blödsinn verbreitet. Und auch von Freunden schnappen Jugendliche Halbwissen auf, das berichtigt werden muss.

    Eltern haben hier die Verantwortung, ein Korrektiv zu sein. Sie sollen ihre Kinder nicht aus dem Internet fernhalten, sondern ihnen vermitteln: „Schau dir das gerne an, aber bleib kritisch. Nicht alles, was du auf YouTube und Co. siehst, sind Tatsachen. Du musst Aussagen selbst infrage stellen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.“

    Das kann man auch gemeinsam tun oder auf das Jugendportal „Loveline“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verweisen. Rat finden Jugendliche und Erwachsene außerdem bei dem Online-Beratungsportal von ProFamilia.

    Sind Jugendliche durch das Internet heute sexualisierter als früher?

    Ich halte Jugendliche nicht für sexualisierter oder verrohter als früher. Das Phänomen, dass sie Interesse an Pornos haben, war bereits vor dem Internet da. Heute sind diese natürlich um ein Vielfaches leichter zugänglich. Es bedarf nur ein paar Klicks. Früher hat man vielleicht irgendwo ein Heftchen der Eltern gefunden.

    Wenn Kinder aber von Anfang an vermittelt bekommen, dass Sex etwas Positives, Schönes ist, können sie Pornos von der Realität abgrenzen. Sie wissen, dass sich gelebte Sexualität von pornografischer unterscheidet.

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