Sucht

Warum gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut und Sucht?

Veröffentlicht am:25.09.2026

7 Minuten Lesedauer

von Julia Ehlers

Von Nikotin bis illegale Drogen – bei Menschen in finanziell schwierigen Verhältnissen kommen Suchterkrankungen häufiger vor. Aber kann Armut in die Sucht führen oder ist es umgekehrt? Die Forschung zeigt: Die Sache ist komplexer als gedacht.

Ein Teenager sitzt vor der Skyline einer Stadt und raucht eine Zigarette.

© iStock / Verelly

Erhöhen sozial benachteiligte Lebensverhältnisse das Risiko für Sucht?

In Deutschland waren 2024 rund 17,6 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung. Aber was bedeutet Armut konkret? In Deutschland gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Im Jahr 2024 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person bei 1.378 Euro netto im Monat. Für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag er bei 2.893 Euro. Diese Menschen haben ein deutlich höheres Risiko, eine Suchterkrankung zu entwickeln, zeigt die Forschung – und zwar nicht nur im Erwachsenenalter.

Eine deutsche Studie mit knapp 18.000 Schülerinnen und Schülern zwischen 9 und 17 Jahren zeigte deutliche Zusammenhänge. In Regionen mit höherer sozialer Benachteiligung konsumieren Jugendliche häufiger Tabak- und Nikotinprodukte. Bei den 16- bis 17-Jährigen hatten rund 40 Prozent bereits Erfahrungen mit Zigaretten oder E-Zigaretten gemacht. In den ärmsten Regionen war das Risiko für Jugendliche mehr als doppelt so hoch, Raucher oder Raucherin zu werden – und um 124 Prozent wahrscheinlicher als in den wohlhabendsten Gegenden. Auch der gleichzeitige Konsum von Zigaretten oder E-Zigaretten kam dort fast doppelt so häufig vor. Selbst der Konsum von E-Zigaretten allein war in sozioökonomisch benachteiligten Gebieten um 56 Prozent wahrscheinlicher. Die Tabakindustrie reagiert auf diese Zusammenhänge: Eine schottische Studie stellte fest, dass sich in Gegenden mit ärmeren Menschen mehr Geschäfte befinden, die Tabak verkaufen.

Wann wird die Kombination aus Armut und Sucht besonders gefährlich?

Eine schwedische Studie mit mehr als 634.000 Teilnehmenden ging der Frage nach, wann genau Armut mit besonders hohen Risiken verbunden ist. Die Forschenden untersuchten verschiedene Armutsverläufe in Kindheit und Jugend: Wer rutschte wann in die Armut? Wer kam wieder heraus? Und wer blieb dauerhaft arm? Am stärksten gefährdet waren junge Menschen, die in der Jugend in Armut gerieten. Junge Männer, die in der Adoleszenz in die Armut rutschten, hatten ein 1,48-fach erhöhtes Risiko für drogenbezogene Erkrankungen und ein 1,5-fach erhöhtes Risiko für Drogenkriminalität, selbst nach Berücksichtigung von Wohnort, Herkunft und psychiatrischen Diagnosen.

Bei jungen Frauen, die in der Jugend in Armut gerieten, zeigte sich ein noch ausgeprägteres Muster: Ihr Risiko für drogenbezogene Erkrankungen war 1,63-fach erhöht, für Drogenkriminalität sogar 1,89-fach. Die Jugendphase scheint also eine besonders sensible Zeit zu sein. Wer in diesem Alter seine wirtschaftliche Sicherheit verliert, könnte ein besonders hohes Risiko für spätere Suchtprobleme haben.

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Wie entsteht eine Sucht?

Um zu verstehen, wie sich eine Sucht bildet, nutzen Fachleute oft das Suchtdreieck-Modell. Es zeigt: Drei Faktoren wirken zusammen – die Person, das Suchtmittel und das Umfeld. Bei der Person können biologische Faktoren wie Alter, Genetik und Gesundheitszustand eine Rolle spielen. Auch psychologische Aspekte wie Traumata oder geringes Selbstwertgefühl können die Suchtanfälligkeit erhöhen. Das Suchtmittel selbst wirkt über seine Verfügbarkeit, die konsumierte Dosis und seine Wirkweise. Und beim Umfeld kommen soziale Faktoren wie Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit und finanzielle Sorgen ins Spiel, die das Risiko für Suchtverhalten beeinflussen können. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einen Ansatz entwickelt, der verdeutlicht, wie stark soziale Bedingungen die Gesundheit beeinflussen. Hierbei spielen fünf Bereiche eine zentrale Rolle: wirtschaftliche Stabilität, Bildungszugang, Zugang zur Gesundheitsversorgung, Wohnumgebung und soziales Umfeld. Ein Beispiel dafür: Wer in Armut lebt, hat oft schlechteren Zugang zu Bildung. Geringere Bildung erschwert es, Arbeit zu finden. Wer keine Arbeit findet, kann sich unter Umständen nur eine schlechtere Gesundheitsversorgung leisten. Ein Teufelskreis.

Die Infografik „Entstehung einer Sucht: Risikofaktoren“ zeigt in der Mitte drei Kreise mit Symbolen. Jeder Kreis stellt einen Risikofaktor dar. Der Kreis oben steht für Suchtmittel, der Kreis links unten für strukturelle Faktoren und der Kreis rechts unten für die Person. Jedem Kreis sind weitere Faktoren zugeordnet, die genauer erklären, was damit gemeint ist.
Die Person selbst, das Suchtmittel und das Umfeld beeinflussen die Suchtanfälligkeit.

Wann endet die Sucht tödlich?

Wie stark sozial benachteiligte Verhältnisse und Sucht verknüpft sind und dass diese Zusammenhänge tödliche Folgen haben können, zeigt sich auch beim Konsum illegaler Drogen: Eine großangelegte US-Studie mit Daten aus 17 US-Bundesstaaten zeigt, dass Opioid-Überdosierungen vor allem in wirtschaftlich benachteiligten Postleitzahlgebieten auftraten. Dort wo mehr Armut, höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Bildung und geringeres Haushaltseinkommen herrschten, gab es auch mehr Überdosierungen. In einer anderen Untersuchung erwies sich Armut als Risikofaktor für Opioid-Überdosierungen, Arbeitslosigkeit für tödliche Heroin-Überdosierungen und ein niedriger Bildungsstand für verschreibungspflichtige Medikamentenüberdosierungen. Besonders gefährdet sind Menschen ohne Wohnraum. Studien zeigen einen starken Zusammenhang zwischen Wohnungslosigkeit und Überdosierungen. Auch die Zeit direkt nach einer Haftentlassung ist riskant. In dieser Phase steigt die Zahl der Todesfälle durch Überdosierungen deutlich an.

Zwei Männer und zwei Frauen sitzen zusammen in einem Stuhlkreis in einem Beratungsgespräch oder einer Gruppentherapie.

© iStock / fotostorm

Beratungsgespräche und Therapieangebote unterstützen Betroffene im Kampf gegen die Suchterkrankung.

Warum Sucht keine Frage der sozialen Schicht ist

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen Suchtmittel konsumieren, etwa um sich besser zu fühlen oder um körperliche oder psychische Beschwerden zeitweise zu lindern. Dabei zieht sich Sucht durch alle Gesellschaftsschichten. Zwar kann das Einkommen Einfluss auf die Art des Suchtmittels haben, da diese unterschiedlich verfügbar sind und es verschiedene Preisklassen gibt. Doch die gesundheitlichen Folgen treffen ärmere Menschen stärker. Denn Personen mit niedrigen Einkommen sind häufiger von suchtbedingten Begleitkrankheiten wie eine entzündete Leber durch Alkohol oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen. Mögliche Gründe können eine schlechtere Ernährung, geringere Selbstfürsorge sowie seltenere Besuche bei Ärzten oder Ärztinnen sein. Hinzu kommt das Stigma. Es hält Betroffene häufig davon ab, professionelle oder medizinische Hilfe zu suchen, weil sie sich beispielsweise schuldig fühlen oder schämen. Menschen mit Suchterkrankungen werden oft als moralisch schwach angesehen, obwohl Sucht zumindest teilweise auf neurobiologischen Veränderungen beruht und kein persönliches Versagen darstellt. Die frühere Kriminalisierung des Drogenkonsums hat zur Stigmatisierung beigetragen. Obwohl sich diese Sichtweise in den letzten Jahren teilweise verändert hat, bestehen weiterhin ein viele Vorurteile.

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Wie gelingt der Ausstieg aus der Sucht?

Um Sucht und Armut wirksam zu begegnen, reicht es nicht, nur die Drogen zu bekämpfen. Die Gesellschaft muss die tieferliegenden Ursachen angehen: Wohnraum, Erwerbsarbeit, Armut, strukturelle Diskriminierung und die Folgen von Inhaftierung. In Österreich beispielsweise konzentrieren sich Suchterkrankungen besonders auf Wien. Im Jahr 2022 lebte ungefähr die Hälfte der problematisch konsumierenden Personen illegaler Substanzen in der Hauptstadt. Gleichzeitig verfügt Wien über ein vergleichsweise dichtes Netz an Hilfsangeboten. Im Verein dialog: bekamen 2022 mehr als 6.000 Klienten und Klientinnen sowie deren Angehörige kostenlos Beratung, Betreuung und Behandlung. Die Erfahrung zeigt: Für Menschen mit Suchterkrankung ist ein Arbeitsplatz ein wichtiger Schutzfaktor. Ein drohender Arbeitsplatzverlust kann eine starke Motivation sein, sich Hilfe zu suchen. Vereine, die ähnliche Angebote wie der Wiener Verein haben, helfen Betroffenen auch in der Bundesrepublik, im Arbeitsalltag zu bestehen oder nach Arbeitslosigkeit wieder Fuß zu fassen: In Deutschland gibt es bundesweit Anlaufstellen für Betroffene, die Unterstützung suchen. Ein Verzeichnis mit Suchthilfen findet man bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

Fachlich geprüft
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Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung, Nr.036 v. 29.Januar 2025: Im Jahr 2024 weiterhin ein Fünftel der Bevölkerung von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

VIVID – Fachstelle für Suchtprävention: Wer arm ist, raucht eher.

Manhica H, Straatmann VS, Lundin A, Agardh E, Danielsson AK: Association between poverty exposure during childhood and adolescence, and drug use disorders and drug‐related crimes later in life.

Alexandria Magazin, 11.01.2024: Führt Armut in die Sucht?

Harvard Health Publishing, September 28, 2021: Poverty, homelessness, and social stigma make addiction more deadly.

Pear VA, Ponicki WR, Gaidus A, et al.: Urban-rural variation in the socioeconomic determinants of opioid overdose.

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