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Löwenmähne: „Vitalpilz“ zwischen Hype und Wissenschaft

Veröffentlicht am:28.09.2026

21 Minuten Lesedauer

von Volker Zapf

Die Löwenmähne ist ein ganz besonderer Pilz. Nahrungsergänzungsmittel mit Extrakten aus der Löwenmähne sollen sich positiv auf unsere Hirnleistung und Gesundheit auswirken. Was kann der Pilz wirklich?

Drei weißliche, zottelige, runde Löwenmähnepilze wachsen auf einem moosbesiedelten Stück Totholz.

© iStock / nambitomo

Affe, Igel oder Löwe – was zeichnet den Pilz mit den vielen Namen aus?

Löwenmähne, Igelstachelbart, Affenkopfpilz, Pom-Pom blanc („weißer Bommel“) oder Yamabushitake: Der gelblich bis weißliche Pilz, der mit einem Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern und seinen zotteligen Äußeren ein echter Blickfang ist, weckte bei der Namensfindung zahlreiche Assoziationen.

Der wissenschaftliche Name dieses Pilzes lautet Hericium erinaceus. Er wächst in Europa, Nord- und Mittelamerika sowie Ostasien an frischem Totholz, meist an Buchen oder Eichen. Er ist essbar und sehr schmackhaft, eine weitaus größere Rolle spielt er heutzutage jedoch als „Heilpilz“ oder „Vitalpilz“.

Welche positiven Effekte werden dem Löwenmähne-Pilz zugeschrieben?

Die Löwenmähne ist ein althergebrachtes Heilmittel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Ihr werden viele positive Wirkungen zugeschrieben, unter anderem auf Niere, Leber, Milz, Herz und Magen. In jüngerer Zeit wird vor allem die angeblich positive Einfluss auf die kognitive Leistung, Demenz oder Depressionen betont.

In den sozialen Medien werden aus traditionellen Heilmitteln schnell Rundum-Wundermittel. Oft vermischen Influencer und Influencerinnen in ihren Beiträgen fundierte Informationen mit trendigen Schlagwörtern wie „Brain-Food“.

Solche Gesundheitsversprechen sollte man grundsätzlich kritisch hinterfragen, zumal oft ein Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln hinter den euphorischen Posts und Videos steckt.

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Was sind die wirksamen Substanzen im Löwenmähne-Pilz?

Eines vorweg: Wie die meisten essbaren Pilze ist auch die Löwenmähne ein hochwertiges Nahrungsmittel mit viel Eiweiß und Mikronährstoffen. Die Löwenmähne ist zudem reich an den Vitaminen B1, B2 und B3 sowie an den essenziellen Mineralstoffen Mangan, Zink und Kalium.

Der Löwenmähne-Pilz ist also gesund, aber das ist ein Champignon auch – ohne gleich als „Heilpilz“ zu gelten. Bei der Löwenmähne geht es um mehr: um konkrete positive Effekt auf die Hirnleistung, auf Krankheiten oder deren Prophylaxe.

In Hericium erinaceus sind zahlreiche bioaktive Verbindungen nachweisbar. Hinsichtlich eines möglichen gesundheitlichen Nutzens werden die komplexen Kohlenhydrate (Polysaccharide) des Pilzes sowie die sekundären Pflanzenstoffe Hericenone und Erinacine am häufigsten diskutiert.

Funktioniert die Löwenmähne als Brainbooster für die Hirnleistung?

In der Szene rund um pflanzliche Wundermittel spielt der Löwenmähnen-Pilz vor allem als Nootropikum eine Rolle. Nootropika sind Substanzen, denen nachgesagt wird, die Lernfähigkeit, das Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

In Tierversuchen konnten Erinacine die sogenannte Blut-Hirn-Schranke überwinden. Somit ist es möglich, dass die Löwenmähne sich positiv auf das Nervensystem auswirkt und kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit verbessert. Ob das auf Menschen übertragbar ist, ist aber noch offen.

Es gibt Hinweise darauf, dass Erinacine und Hericenone auch bei Menschen kognitive Funktionen fördern könnten. Aufgrund kleiner Probandengruppen in den Studien und widersprüchlicher Ergebnisse lassen sich jedoch keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Die Bewerbung der Löwenmähne als „Brainbooster“ ist also überzogen.

Wie schätzt die Forschung die Wirkung des Löwenmähne-Pilzes auf Krankheiten ein?

Es gibt kein zugelassenes Arzneimittel mit Wirkstoffen aus der Löwenmähne. Aber es wird viel zu diesem Pilz geforscht. In der Regel werden hierzu unterschiedliche Substanzen aus dem Pilz isoliert und Konzentrate für Versuche hergestellt.

Bei der Forschung handelt es sich aber oft um Laborversuche („in vitro“) und/oder Tierversuche. Wichtig ist dabei: Wirkungen solcher isolierten Substanzen an Zellen in Petrischalen und bei Versuchstieren können nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden.

In der Forschung geht es unter anderem um die folgenden Fragen.

  • Unterstützt die Löwenmähne die Verdauung und Darmgesundheit?

    Das Darmmikrobiom und seine grundlegende Rolle für die allgemeine Gesundheit rückt immer mehr in den Vordergrund. Die Löwenmähne enthält präbiotische Polysaccharide und andere Ballaststoffe, die nützliche Darmbakterien unterstützen und so das Gleichgewicht des Darmmikrobioms und die Magen-Darm-Gesundheit fördern.

  • Schützt der Löwenmähne-Pilz vor Entzündungen?

    Im Labor und in Tierversuchen zeigt die Löwenmähne ein entzündungshemmendes und antimikrobielles Potenzial. Insbesondere bei Entzündungen und Geschwüren im Magen-Darm-Trakt könnte der Pilz eine Schutzfunktion erfüllen und die Heilung befördern. Wie gut das beim Menschen funktioniert, ist aber noch nicht hinreichend erforscht.

  • Kann der Löwenmähne-Pilz Depressionen abmildern?

    Die Eigenschaften von Erinacinen und Hericenonen sind gleichermaßen faszinierend wie noch nicht ausreichend verstanden. Auch bei Depressionen liefern Studien Hinweise darauf, dass Hericum erinaceus durch seinen Einfluss auf das Nervensystem ein Potenzial zur Linderung besitzen kann.

    Die zugrunde liegenden Wirkmechanismen müssen jedoch noch weiter untersucht werden. Es fehlen belastbare Belege dafür, dass die Löwenmähne gegen psychische Störungen wie Angstzustände und Depressionen tatsächlich wirksam sein kann.

  • Beugt die Löwenmähne der Alzheimer-Krankheit vor?

    Auch bei dieser Frage geht es um die Fähigkeit bestimmter Inhaltsstoffe von Hericium erinaceus, auf Nervenfunktionen einzuwirken. In Laborversuchen können Erinacine Nervenzellen schützen.

    Ob sich aus dem Löwenmähne-Pilz ein wirksames Arzneimittel gegen Alzheimer entwickeln lässt, ist noch unklar. Erinacin könnte in Zukunft eine Rolle spielen, doch die Forschung steht hier noch am Anfang.

  • Hat Hericium erinaceus eine Wirkung gegen Krebs?

    Ein Grundgedanke ist: Die Polysaccharide in der Löwenmähne können die Aktivität der Makrophagen beeinflussen. Diese Zellen gehen im Blut gegen Krankheitserreger und auch gegen Krebszellen vor. Außerdem könnten bioaktive Stoffe der Löwenmähne wie das Erinacin direkt zum Zelltod von bestimmten Krebszellen beitragen.

    Das ist einerseits vielversprechend, andererseits funktioniert es bisher nur unter Laborbedingungen. Ob Arzneimittel, die aus der Löwenmähne gewonnen werden, auch gegen „echte“ Krebszellen und Tumoren im menschlichen Körper wirken können, ist noch nicht erwiesen und bleibt abzuwarten.

Pilze könnten künftig häufiger auf unserem Speiseplan stehen. Das Video erklärt, warum sie für die Ernährung der Zukunft interessant sind und was sonst noch auf uns zukommen könnte.

Sind Löwenmähne-Präparate eine sinnvolle Nahrungsergänzung?

Generell sind bei einer ausgewogenen Ernährung Nahrungsergänzungsmittel in der Regel nicht notwendig. Bei der Löwenmähne kommt hinzu, dass dieser Pilz zwar an sich gesund ist, die Gesundheitsversprechen für Nahrungsergänzungsmittel aus Hericium erinaceus aber überzogen sind.

Wobei für Nahrungsergänzungsmittel aufgrund ihrer nicht erwiesenen Wirksamkeit (im Gegensatz zu geprüften Arzneimitteln) krankheitsbezogene Aussagen generell unzulässig sind. Im Internet oder auf Flyern kursieren jedoch gleichwohl Behauptungen zu medizinischen Wirkungen.

Auf einer Holzplatte steht eine an eine Wand gelehnte Pilzzuchtbox, in der weißlich-zottelige Löwenmähnen wachsen.

© iStock / lithiumcloud

Vor allem im Onlinehandel werden Pilzzuchtboxen angeboten, mit denen sich die Löwenmähne zu Hause selbst kultivieren lässt.

In welcher Form werden Präparate aus Löwenmähne angeboten?

Zubereitungen aus der Löwenmähne sind in zahlreichen Formen im Angebot: Kapseln und Tabletten, Pulver, flüssige Extrakte, Getränke oder Proteinriegel. Wenn Sie überhaupt solche Produkte kaufen möchten, sollten Sie auf die Vertrauenswürdigkeit der Anbieter achten.

Denn anders als Arzneimittel werden Nahrungsergänzungsmittel nicht unter kontrollierten Bedingungen produziert. Gerade Produkte aus Asien enthalten oft nicht die deklarierten Inhaltsstoffe und/oder sind mit gesundheitsschädlichen Stoffen verunreinigt. Die Sicherheit der Produkte wird oft nicht geprüft.

Welche Nebenwirkungen können Nahrungsergänzungsmittel haben?

Vorausgesetzt, das jeweilige Präparat ist produktionstechnisch einwandfrei, sind bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Löwenmähne Nebenwirkungen selten. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Durchfall und Menstruationsstörungen.

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Wie kann man Löwenmähne-Pilze zubereiten?

Es ist eine viel bessere Idee, den delikaten und gesunden Pilz direkt zu verzehren, anstatt sich teure und vermutlich wenig wirksame Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen. Frische Kulturpilze werden oft unter dem Namen Pom-Pom vor allem im Delikatessen- und Onlinehandel angeboten.

Löwenmähne-Pilze haben einen angenehm fruchtig-milden Geschmack und eine Konsistenz, die Hühnchen ähnelt. Deshalb und wegen ihres hohen Proteingehalts werden sie gerne als Fleischersatz verwendet, zum Beispiel als Pilzsteak aus der Pfanne.

Hobbygärtner und -gärtnerinnen können sich auch selbst in der Züchtung versuchen. Einige Pilzzuchtbetriebe bieten Kultursets an. Nach einer Wachstumszeit von zwei bis drei Wochen können die Pilze einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern erreichen.

Darf man den Löwenmähne-Pilz wild sammeln?

Es hat seinen Grund, dass hier nur von Kulturpilzen und Zuchtsets die Rede ist. Wenn Sie in der freien Natur unterwegs sind, werden Sie der Löwenmähne kaum begegnen. In Deutschland und Europa ist die Löwenmähne sehr selten und wird in der Roten Liste in Kategorie 2 als stark gefährdet geführt.

Fruchtkörper bildet der Pilz in Deutschland nur von September bis November aus, vor allem in naturnahen Laubmischwäldern im Nordosten Deutschlands, in denen es viel Totholz gibt. Sichtungen im südlichen Teil Deutschlands sind selten und am Alpenrand scheint die Löwenmähne gar nicht vorzukommen. 

Wenn Sie doch einmal einer Löwenmähne begegnen sollten, lassen Sie diese bitte unbehelligt. Pflanzen und Pilze der Kategorie 2 sind gesetzlich geschützt und dürfen nicht gepflückt oder eingesammelt werden.

Fachlich geprüft
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