Zum Hauptinhalt springen
AOK WortmarkeAOK Lebensbaum
Gesundheitsmagazin

Gehirn & Nerven

Heilpflanze Kratom: vollmundige Versprechen mit hohem Risiko

Veröffentlicht am:25.08.2026

9 Minuten Lesedauer

von Volker Zapf

Mehr Konzentration und Leistung einerseits, weniger Schmerzen und psychische Probleme andererseits: Solche Versprechen kursieren im Internet in Bezug auf Kratom. Doch was als gesundheitsfördernd angepriesen wird, ist alles andere als unbedenklich.

Auf einer Holzplatte befinden sich eine Glaskanne mit grünem Aufguss sowie eine Keramikschale, eine hölzerne Apothekerschaufel und zahlreiche transparente Kapseln, die jeweils mit grünem Pulver gefüllt sind.

© iStock / Betka82

Was ist überhaupt Kratom?

Der Begriff „Kratom” bezeichnet Zubereitungen aus den Blättern des Kratombaums. Im Internet werden Kratom-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel mit gesundheitsfördernder Wirkung gehandelt. Außerdem kann man getrocknete Kratomblätter als „Legal High“ bestellen.

Der Kratombaum (Mitragyna speciosa) stammt ursprünglich von den Philippinen und aus Neuguinea, wird inzwischen aber auch in Thailand, Indonesien und andernorts angebaut. Weitere Namen der Pflanze sind Kakuam, Ithang, Thom, Biak-Biak, Ketum und Mambog. In Onlineshops gibt es für Kratom auch die Bezeichnung „Herbal Speed“.

Welche Wirkstoffe enthält Kratom?

Die Blätter des Kratombaums enthalten chemische Verbindungen, sogenannte Alkaloide. Viele Alkaloide, wie beispielsweise Nikotin, Koffein und Kokain, haben eine psychoaktive Wirkung. Die wichtigsten psychoaktiven Alkaloide des Kratoms (die auch nur in Kratom vorkommen) sind Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin.

Wie wird Kratom konsumiert und im Handel angeboten?

In den Herkunftsländern werden die Blätter traditionell gekaut sowie getrocknet als Tee aufgegossen oder geraucht. Im Internethandel findet sich Kratom überwiegend in Pulverform. Daneben sind aber auch Dragees, Tabletten, flüssige Extrakte, Fruchtgummis oder Liquids für E-Zigaretten erhältlich.

Ist Kratom legal?

In Deutschland fällt Kratom weder unter das Betäubungsmittelgesetz noch unter das Arzneimittelgesetz, da Kratom nicht als Arzneimittel zugelassen ist. Das bedeutet: Wirksamkeit und Sicherheit sind nicht belegt.

Auf EU-Ebene hat Kratom als „neuartiges Lebensmittel“ noch keine Sicherheitsprüfung durchlaufen. In vielen EU- und Nicht-EU-Ländern wie der Schweiz, Frankreich oder Dänemark wird Kratom ähnlich wie Drogen eingestuft. Dort ist Kratom also kein legales Nahrungsergänzungsmittel.

In Deutschland steht eine einheitliche rechtliche Regelung noch aus. Möglich ist, dass Kratom zukünftig als nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel eingestuft (also verboten) wird.

Passende Artikel zum Thema

Welche Auswirkung hat Kratom auf Körper und Psyche?

Die möglichen Wirkungen von Kratom lassen sich in drei Kategorien unterscheiden:

  1. traditionell in den Herkunftsländern mit Kratom verknüpfte Heilwirkungen
  2. medizinischen Versprechen, mit denen Anbieter ihre Kratom-Produkte anpreisen
  3. wissenschaftlich nachweisbaren Wirkungen

Welche Wirkungen werden Kratom als traditionellem Heilmittel zugeschrieben?

Kratomblätter finden seit Jahrhunderten im südostasiatischen Raum als traditionelles Heilmittel zur Behandlung verschiedener Beschwerden Verwendung. Die jeweilige Wirksamkeit ist allerdings nicht durch aussagekräftige wissenschaftliche Studien belegt.

Die Haupteinsatzfelder sind

  • Schmerzlinderung und
  • Steigerung der allgemeinen Leistungsfähigkeit.

Mit welchen Kratom-Wirkungen werben die Onlineshops?

Kurz vorweg: Nahrungsergänzungsmittel dürfen grundsätzlich nicht mit gesundheitsbezogenen Aussagen, sogenannten Health Claims, beworben werden, die suggerieren, dass sie Krankheiten vorbeugen, heilen oder lindern können. Dies gilt auch für in der EU offiziell zugelassene Präparate.

Dennoch finden sich solche Aussagen auf den Websites mancher Kratom-Anbieter (wenn auch verklausuliert). So kommt es vor, dass Kratom indirekt mit Versprechen beworben wird wie:

  • mehr Energie
  • höhere Konzentration
  • bessere Stimmung
  • gesteigerte Libido
  • Entspannung
  • Linderung von Ängsten und Depressionen

Welche Wirkungen von Kratom sind wissenschaftlich nachgewiesen?

Die nachweisbare Wirkung von Kratom ist hauptsächlich auf die beiden Alkaloide Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin zurückzuführen. Die Wirkung ist in der Regel dosisabhängig: Kleine Dosen stimulieren auf ähnliche Weise wie Kokain und größere Dosen entfalten eine sedierende und narkotische Wirkung wie Morphium.

Aufgrund dieser pharmakologischen Eigenschaften könnte Kratom theoretisch zur Leistungssteigerung sowie Linderung von Schmerzen und psychischen Problemen beitragen. Allerdings sind Nutzen und Risiken noch nicht ausreichend erforscht. Fachleute stufen Kratom daher eher als Rausch- und Betäubungsmittel denn als Heilmittel ein.

Passende Angebote der AOK

Welche Nebenwirkungen kann Kratom auslösen?

Die Liste der schädlichen Wirkungen von Kratom ist lang. Bereits einmaliger Konsum kann mit folgenden Beschwerden einhergehen:

  • Schwindel
  • Schwitzen
  • Übelkeit
  • Probleme, Bewegungen zu koordinieren
  • Zittern

Bei Menschen, die regelmäßig Kratom konsumieren, wurden unter anderem diese dauerhaften und teils schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme festgestellt:

  • ungewollter Gewichtsverlust
  • Müdigkeit
  • Verstopfung
  • dunkle Hautflecken auf den Wangen
  • Leber- und Nierenschäden mit möglichem Organversagen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Störung des Nervensystems, die sich in Krampfanfällen, Verwirrtheit, Benommenheit, Ohnmacht und Halluzinationen niederschlagen kann
  • Zerfall von Muskelzellen (Rhabdomyolyse)
  • Lungenödem
  • Hirnödem
  • Atemnot
Nahaufnahme der Blätter eines Kratombaums.

© iStock / Tropical Borneo

Die Blätter des Kratombaums enthalten psychoaktive Alkaloide.

Was ist zu beachten, wenn Kratom mit anderen Wirkstoffen kombiniert wird?

Insbesondere Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen und/oder bereits andere Drogen konsumieren, setzen sich durch den Konsum von Kratom einer besonderen Gefahr aus. Die gleichzeitige Einnahme von Kratom und anderen Arzneimitteln oder Drogen kann schwere Neben- und Wechselwirkungen auslösen.

Art und Ausprägung der Nebenwirkungen hängen von der jeweiligen Wirkstoffkombination ab. So kann beispielsweise bereits die Kombination von Kratom und viel Koffein zu einem hohen Blutdruck führen. Im Zusammenspiel mit Alkohol verstärkt sich die beruhigende Wirkung von Kratom, was bis zur Atemnot führen kann.

Macht Kratom abhängig?

Kratom kann zur Abhängigkeit führen. Bei regelmäßigem Konsum kann es nicht nur zu den beschriebenen Beschwerden, sondern auch zu einer Suchtentwicklung kommen.

Diese Abhängigkeit kann mit Entzugssymptomen einhergehen, beispielsweise Muskelschmerzen, Übelkeit, Schweißausbrüche, Zittern, Lethargie, Angst, Unruhe, Schlafstörungen und Halluzinationen.

Resilienz kann dabei helfen, mit Stress und Krisen umzugehen, ohne auf Suchtmittel auszuweichen.

Wie gefährlich ist Kratom?

Verglichen mit anderen Drogen oder missbräuchlich eingenommenen Medikamenten sind die weltweiten Todesfälle im Zusammenhang mit Kratom gering. Häufig dürften dabei Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Drogen eine Rolle spielen.

Es gibt jedoch mehr Anlass zur Sorge als zur Entwarnung. Auch Kratom allein kann toxisch und tödlich sein. So wurde 2024 in Deutschland über den Tod eines jungen Mannes berichtet, der ausschließlich an den Folgen seines Kratom-Konsums gestorben ist.

Kann eine Zulassung von Kratom als Medikament die Sicherheit erhöhen?

Der Todesfall zeigt beispielhaft die Gefahr, die von einem Produkt ausgeht, das keiner Kontrolle unterliegt. Es gibt keine verlässlichen Informationen über Zusammensetzung, Dosierung oder Wechselwirkungen mit anderen Substanzen. Dies wäre anders, wenn Kratom als Arzneimittel zugelassen wäre.

Die Zulassung ginge mit einer Wirksamkeits- und Sicherheitsüberprüfung einher. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand deutet jedoch vieles darauf hin, dass die möglichen positiven Auswirkungen von Kratom auf die Gesundheit in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Risiken stehen.

Gibt es eine Personengruppe, für die sich Kratom lohnt?

Unterm Strich bleibt: Weder als Nahrungsergänzungsmittel zur Steigerung von Leistung oder Konzentration noch als Selbstmedikation bei Menschen, die unter Schmerzen leiden, ist Kratom geeignet. Es ist schon an sich gefährlich und die nicht kontrollierten Vertriebswege über das Internet erhöhen die Gefahr.

Aufgrund der bekannten Risiken warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ausdrücklich vor dem Konsum von Kratom, unabhängig vom Zweck. Ob die Forschung in Zukunft einen sicheren Einsatz von Kratom zu Gesundheitszwecken ermöglichen wird, ist eine andere Frage. Derzeit ist dies nicht der Fall.

Fachlich geprüft
Fachlich geprüft

Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.


Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (2025): BfArM warnt vor der Anwendung von Kratom.

Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / Drogenlexikon:

Alkaloide (2023).

Kratom (Mitragyna speciosa) (2016).

Bundesinstitut für Risikobewertung (2025): Kratom-Zubereitungen: Einnahme kann Gesundheitsbeschwerden hervorrufen.

European Union Drugs Agency (EUDA): Kratom (Mitragyna speciosa): Drogenprofil.

National Institutes of Health (2026): Kratom.

Grundmann, O. et al. (2023): Correlations of kratom (Mitragyna speciosa Korth.) use behavior and psychiatric conditions from a cross-sectional survey. Experimental and Clinical Psychopharmacology, 31(5), 963-977.

Huter, T. et al. (2024): Kratom – Nahrungsergänzungsmittel oder tödliche Droge? Rechtsmedizin 34, 188-191.

Lautenschlager, F. et al. (2022): Kratom – eine kurze Übersicht für die Schmerzmedizin. Schmerz 36, 128-134.

Schuster, N. / Gelbe Liste (2025): Kratom: Pflanzlich, aber nicht harmlos.

Verbraucherzentrale Bundesverband (2025): Kratom – Erhebliches Risiko.

Yuting, Y. / Müller, C. P. / Singh, D. (2024): Kratom (Mitragyna speciosa) Use and Mental Health: A Systematic Review and Multilevel Meta-Analysis. European Addiction Research, 30 (4): 252-273.

Waren diese Informationen hilfreich für Sie?

Noch nicht das Richtige gefunden?