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Psychologie

Angst vor dem Kontrollverlust: Was steckt dahinter?

Veröffentlicht am:17.09.2026

14 Minuten Lesedauer

von Volker Zapf

Das Leben ist voller Verpflichtungen und gleichzeitig unberechenbar. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Entsprechend begrenzt ist die Kontrolle über das eigene Leben. Für die meisten Menschen ist das kein Problem, für manche aber eine Belastung.

Ein Mann sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop. Er stützt die Ellenbogen auf die Tischplatte und fasst sich mit den Händen an die Schläfen. Seine Augen sind geschlossen.

© iStock / Noko LTD

Warum ist die totale Kontrolle über unser Leben eine Illusion?

Viele Menschen müssen (oder wollen) so einiges unter einen Hut bringen: Job, Verabredungen, Sport, Kultur und so weiter. Da kann schon mal etwas übersehen werden. Während die einen damit kein Problem haben, verlieren die anderen ungern den Überblick und die Kontrolle über ihren Alltag.

Außerdem gibt es Ereignisse, die unser Leben beeinflussen, ohne dass wir selbst Einfluss auf sie nehmen können. Im Kleinen kann es sich dabei um einen Zugausfall oder Stau handeln, im Großen um einschneidende Vorkommnisse wie die COVID-19-Pandemie. Auch hiermit können manche Menschen besser umgehen als andere.

Vorgesetzte, das Wetter oder weltweite Krisen – das Verhalten anderer Personen oder zukünftige Ereignisse können wir auch bei guter Planung nicht kontrollieren. Wer das nicht akzeptieren kann, den belastet die damit einhergehende Unsicherheit und das Gefühl, das eigene Leben nicht unter Kontrolle zu haben.

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Was bedeutet Kontrollverlust?

Da kein Mensch absolute Kontrolle über sein Leben hat, geht es beim Kontrollverlust nicht nur darum, wie viel Kontrolle ein Mensch tatsächlich über sein Leben, seine Entscheidungen und Abläufe hat, sondern auch darum, wie er seine eigenen Kontrollmöglichkeiten einschätzt. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Was ist „wahrgenommene Kontrolle“?

Um diesen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung zu verdeutlichen, gibt es in der Psychologie den Begriff „perceived control“ (wahrgenommene Kontrolle).

Wenn Menschen die eigene Kontrolle als unzureichend wahrnehmen, kann das Unsicherheit erzeugen. Mit Unsicherheit umzugehen, ist eine wichtige Fähigkeit. Wenn jemand Schwierigkeiten damit hat, kann das ein Risikofaktor für verschiedene psychische Belastungen sein.

Was hat Unsicherheitsintoleranz mit Kontrollverlust zu tun?

In der Psychologie wird die Schwierigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen, als Unsicherheitsintoleranz („Intolerance of Uncertainty“) bezeichnet.

Die Toleranz gegenüber Unsicherheit variiert von Mensch zu Mensch. Wer eine geringe Unsicherheitstoleranz hat, für den oder die kann es belastend sein, dass das Leben an sich unsicher und nicht kontrollierbar ist. Unsicherheit kann dann als Kontrollverlust empfunden werden.

Ist Angst vor Kontrollverlust eine psychische Störung?

Eine als gering wahrgenommene eigene Kontrolle, eine hohe Unsicherheitsintoleranz sowie die Angst vor Kontrollverlust gelten nicht als eigenständige Krankheitsbilder.  Sie können jedoch im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Störungen auftreten.

Letztlich sind es psychologische Konstrukte, um psychische Eigenschaften zu beschreiben, die sich bei bestimmten Menschen beobachten lassen. Einige dieser Merkmale können mit einem erhöhten Risiko für psychische Probleme verbunden sein.

Die AOK hilft beim Stressabbau

Die AOK unterstützt Sie auf vielfältige Weise dabei, gesund und resilient durch den Alltag zu kommen: mit Programmen vor Ort oder online gegen Stress und für psychische Gesundheit.

Was führt zur Angst vor Kontrollverlust?

Die Ursachen der Angst vor Kontrollverlust sind nicht eindeutig geklärt. Die individuelle Unsicherheitstoleranz dürfte eine wichtige Rolle spielen. Zudem könnte Stress einen empfundenen Kontrollverlust begünstigen, insbesondere wenn eine Situation als nicht kontrollierbar wahrgenommen wird.

Ein möglicher Mechanismus ist: Führen Handlungen zu den gewünschten Ergebnissen, entsteht ein Gefühl der Kontrollierbarkeit. Führen sie hingegen nicht zu diesen Ergebnissen, können Menschen eher passive Verhaltensmuster entwickeln, weil sie den Eindruck haben, dass das eigene Handeln nichts bewirkt.

Wenn Menschen erleben, dass sie mit ihrem Handeln etwas bewirken, kann dies ihr Gefühl von Kontrolle stärken. Andersherum: Wenn äußere Einflüsse den Erfolg ihrer Vorhaben gefährden, kann das insbesondere bei Menschen mit hoher Unsicherheitsintoleranz das Gefühl eines Kontrollverlusts und damit verbundene Ängste begünstigen.

Burnout-Anzeichen rechtzeitig erkennen und vorbeugen.

Wie hängen Angst vor Kontrollverlust und Angststörung zusammen?

Es gibt Menschen, die in ständiger Angst leben; zum Beispiel davor, dass ihren Angehörigen oder ihnen selbst etwas zustoßen könnte. Sind diese Sorgen und Ängste schwer zu kontrollieren und beeinträchtigen sie den Alltag deutlich, kann eine generalisierte Angststörung vorliegen.

Angst vor Kontrollverlust ist keine Angststörung. Eine eingeschränkt wahrgenommene Kontrolle sowie eine hohe Unsicherheitsintoleranz können jedoch mit einem erhöhten Risiko für Angststörungen verbunden sein.

Dieser Zusammenhang lässt sich so erklären: Wer es schwer aushält, dass das Leben unsicher ist und viele Lebensbereiche außerhalb des eigenen Einflusses liegen, neigt eher dazu, sich Sorgen zu machen. Das Leben kann dann als unkontrollierbar empfunden werden. Sorgen können wiederum mit Ängsten einhergehen.

Wie hängen Kontrollverlust und Burnout zusammen?

Menschen mit einem Burnout-Syndrom fühlen sich ausgebrannt („burned out“) und erschöpft durch anhaltende berufliche Belastungen. Burnout gilt nicht als eigenständige psychische Erkrankung, kann aber mit verschiedenen psychischen Beschwerden einhergehen.

Auch das Gefühl, wenig Kontrolle über die eigene Arbeit zu haben, wird mit Burnout in Verbindung gebracht. Fehlende Kontrolle kann sich zum Beispiel darin zeigen, dass Beschäftigte nur wenig Einfluss auf bestimmte Abläufe oder Entscheidungen bei der Arbeit haben.

Solche geringen Handlungsspielräume können mit emotionaler Erschöpfung zusammenhängen. Zudem können hohe Arbeitsanforderungen und Stress eine Rolle spielen.

An einem sonnigen Tag liegt eine Frau auf einem Steg an einem See. Sie hat einen Strohhut über das Gesicht gezogen und schlägt ein Bein über das andere.

© iStock / Zbynek Pospisil

Sich weniger vorzunehmen, Freiräume für sich zu schaffen und das Leben zu entschleunigen, kann der Angst vor Kontrollverlust vorbeugen.

Was kann bei Angst vor Kontrollverlust helfen?

Wie gut Menschen Unsicherheit aushalten, ist individuell unterschiedlich. Manche Menschen haben ein stärkeres Bedürfnis nach Kontrolle und empfinden Ungewissheit daher als belastender.

Wer ständig versucht, Unsicherheiten zu kontrollieren oder zu vermeiden, kann dadurch in starre Denk- und Verhaltensmuster geraten. Lebensphasen mit großer Unsicherheit können Menschen mit geringer Unsicherheitstoleranz dann psychisch stark belasten.

Ein wichtiger Faktor für die psychische Widerstandsfähigkeit in schwierigen Zeiten ist die sogenannte psychologische Flexibilität. Sie bezeichnet die Fähigkeit, angemessen auf Veränderungen zu reagieren, eigene Gedanken und Gefühle anzunehmen und das Verhalten an veränderte Bedingungen anzupassen.

Lässt sich psychologische Flexibilität trainieren?

Psychologische Flexibilität lässt sich gezielt fördern, etwa im Rahmen eines Coachings, das Ansätze der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) befolgt. ACT zielt unter anderem darauf ab, auch in Zeiten von Unsicherheit und Belastung psychisch stabil und flexibel trotz belastender Umstände zu bleiben.

Im Rahmen solcher Coachings werden einzelne Prinzipien und Methoden der ACT genutzt, um beispielsweise einen flexibleren Umgang mit belastenden Gedanken, Gefühlen und Situationen zu ermöglichen.

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Einen Gang runterschalten: Wie lassen sich Stresslevel reduzieren?

Wer angesichts seiner Terminflut die Kontrolle zu verlieren droht, kann durch das Reduzieren von Aktivitäten Freiräume schaffen und sein Leben entschleunigen. Das kann dabei helfen, Stress zu reduzieren und mehr Gelassenheit im Alltag zu entwickeln.

Auch Maßnahmen und Übungen zum Stressmanagement tragen oft dazu bei, Belastungen besser zu bewältigen, insbesondere in Situationen, die als schwer kontrollierbar empfunden werden. Zum Beispiel:

  • klare Prioritäten bei Aufgaben setzen
  • sich von den Erwartungen anderer lösen
  • Hilfe erbitten und annehmen
  • Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi, Qigong oder autogenes Training
Fachlich geprüft
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Boswell, J. F. et al. (2013): Intolerance of uncertainty: a common factor in the treatment of emotional disorders. Journal of Clinical Psychology, 69(6), 630-645.

Gallagher, M. W. / Naragon-Gainey, K. / Brown, T. A. (2014): Perceived Control is a Transdiagnostic Predictor of Cognitive-Behavior Therapy Outcome for Anxiety Disorders. Cognitive therapy and research, 38(1), 10-22.

Guitart-Masip, M. et al. (2023): Anxiety associated with perceived uncontrollable stress enhances expectations of environmental volatility and impairs reward learning. Scientific Reports 13, 18451.

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) / gesundheitsinformation.de (2023): Was ist ein Burnout?

IQWiG / gesundheitsinformation.de (2024): Generalisierte Angststörung.

Okayama, S. et al. (2024): Intolerance of uncertainty and psychological flexibility as predictors of mental health from adolescence to old age. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology 59, 2361-2368.

Psychotherapeutische Beratungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (o. J.): Tipps zum Umgang mit Perfektionismus.

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