Krebs
Das Lungenkrebs-Screening macht die Zigaretten nicht gesünder
Veröffentlicht am:07.10.2026
5 Minuten Lesedauer
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum wir statt auf Lungenkrebs-Screening auf ein gesundes Leben ohne Rauch setzen sollten.

© Manfred Jasmund / AOK
Inhalte im Überblick
- Im Prinzip gut: Lungenkrebs lässt sich im CT frühzeitig erkennen
- Weniger gut: unklare Zufallsbefunde und Strahlenbelastung
- Bei den Ursachen ansetzen statt die Folgen zu behandeln
- Weniger Luftverschmutzung, geringere Sterblichkeit
- Mehr Prävention statt Früherkennung
- Wir können uns mehr für unsere persönliche Gesundheit einsetzen
Neulich saß mir ein Patient gegenüber, Mitte fünfzig, jahrzehntelang geraucht, inzwischen immerhin „nur noch gelegentlich“. Er hatte irgendwo gelesen, dass starke Raucher ab einem gewissen Alter regelmäßig zur CT-Untersuchung der Lunge gehen sollten. „Herr Doktor, soll ich das machen? Sicher ist sicher, oder?“
Gute Frage. Und wie so oft lautet die Antwort: Ja – aber.
Im Prinzip gut: Lungenkrebs lässt sich im CT frühzeitig erkennen
Fangen wir mit dem „Ja“ an: Die Idee hinter dem sogenannten Lungenkrebs-Screening mittels CT ist absolut sinnvoll. Gerade bei starken Rauchern oder ehemaligen Vielrauchern ist das Risiko für Lungenkrebs deutlich erhöht. Und bei Lungenkrebs gibt es ein Problem: Er macht lange keine Beschwerden. Wenn er entdeckt wird, ist er oft schon weit fortgeschritten. Genau hier setzt das Screening an.
Ein modernes Niedrigdosis-CT kann Tumoren erkennen, lange bevor sie Symptome machen. Studien zeigen, dass dadurch tatsächlich mehr Krebserkrankungen in einem frühen, behandelbaren Stadium entdeckt werden – und ja, auch die Sterblichkeit sinken kann. Insofern: Für Hochrisikogruppen ist das kein Unsinn, sondern eine sinnvolle Maßnahme.
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser
Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.
Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.
Weniger gut: unklare Zufallsbefunde und Strahlenbelastung
Jetzt kommt das „Aber“. Denn auch ein Niedrigdosis-CT ist kein Spaziergang im Park. Es handelt sich um eine Röntgenuntersuchung mit Strahlenbelastung. Die ist zwar deutlich geringer als beim klassischen CT, liegt aber trotzdem etwa im Bereich von ein bis zwei Jahren natürlicher Hintergrundstrahlung. Einmal ist das kein Drama. Aber jährlich – über viele Jahre hinweg – summiert sich das.
Und dann gibt es noch ein zweites Problem: das, was man findet.
CTs sind unglaublich empfindlich. Sie sehen alles. Auch Dinge, die vielleicht nie ein Problem geworden wären. Kleine Rundherde, Narben, Zufallsbefunde. Das führt nicht selten zu weiteren Untersuchungen, Biopsien, manchmal sogar Operationen – und am Ende stellt sich heraus: War gar nichts Gefährliches.
Heißt also: Das Screening ist sinnvoll – aber kein Selbstläufer. Es gehört in erfahrene Hände und sollte gut abgewogen werden.
Bei den Ursachen ansetzen statt die Folgen zu behandeln
Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich gern ein bisschen unbequem werde.
Denn während wir darüber diskutieren, ob wir alle zwölf Monate in die Röhre geschoben werden, übersehen wir manchmal das Offensichtliche:
Warum kümmern wir uns nicht stärker um die Ursache?
Rauchen ist und bleibt der größte Risikofaktor für Lungenkrebs. Punkt. Kein CT der Welt macht eine Zigarette gesund. Und auch kein Screening ersetzt den Rauchstopp.
Und selbst wenn Sie nie geraucht haben, sind Sie nicht automatisch auf der sicheren Seite.
Weniger Luftverschmutzung, geringere Sterblichkeit
Die Luft, die wir alle einatmen, ist oft alles andere als sauber. Schätzungen gehen davon aus, dass in Europa jedes Jahr rund 800.000 Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben. Feinstaub, Stickstoffdioxid – das sind keine abstrakten Begriffe, sondern messbare Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrankheiten und eben auch Krebs.
Und jetzt wird es spannend: Studien zeigen ziemlich eindeutig, dass die Lebenserwartung steigt, sobald die Luftqualität besser wird. Nicht irgendwann, nicht theoretisch – sondern messbar und relativ schnell.
Ein besonders schönes Beispiel kommt aus der Schweiz. Dort hat man über Jahre hinweg beobachtet, was passiert, wenn Luftschadstoffe reduziert werden. Das Ergebnis: weniger Erkrankungen, weniger Belastung für das Gesundheitssystem, mehr gesunde Lebensjahre.
Oder anders gesagt: Saubere Luft ist vielleicht eine der wirksamsten Vorsorgemaßnahmen, die uns zur Verfügung stehen – und zwar für alle gleichzeitig.
Mehr Prävention statt Früherkennung
Und damit sind wir bei der eigentlichen Frage: Setzen wir Ärzte bei der Gesundheit nicht manchmal zu spät an?
Verstehen Sie mich nicht falsch – Früherkennung ist wichtig, und gerade bei Risikogruppen kann sie entscheidend sein. Aber sie ist eben nur ein Teil von Prävention. Mindestens genauso wichtig sind die Bedingungen, unter denen Krankheiten überhaupt entstehen: die Luft, die wir atmen, Bewegung, Ernährung, Rauchen oder unsere Arbeits- und Lebensbedingungen.
Denn der entscheidende Unterschied ist: Früherkennung versucht, eine Erkrankung möglichst früh zu entdecken. Prävention versucht, ihr Risiko schon vorher zu senken. Beides gehört zusammen. Aber gerade am Beispiel der Luftverschmutzung sieht man, wie viel Gesundheit gewonnen werden kann, wenn wir nicht nur beim einzelnen Menschen ansetzen, sondern bereits bei den Ursachen.
Wir können uns mehr für unsere persönliche Gesundheit einsetzen
Mein Fazit deshalb mit einem kleinen Augenzwinkern: Wenn Sie viele Jahre geraucht haben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über ein Screening. Das kann sinnvoll sein.
Aber noch sinnvoller ist es,
- gar nicht erst zu rauchen,
- mit dem Rauchen aufzuhören
- und sich dafür einzusetzen, dass die Luft, die wir alle einatmen, besser wird.
Lassen Sie das Auto mal stehen und nehmen Sie das Fahrrad. Muss das Kaminfeuer unbedingt brennen, trotz funktionierender Heizung?
Wir haben unsere Gesundheit in der eigenen Hand. Nutzen Sie das bitte!
Ihr
Doc Esser
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Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser







