Krebs
Krebs früher erkennen, länger leben – aber bitte mit Bedacht
Veröffentlicht am:06.11.2026
4 Minuten Lesedauer
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum ärztliche Beratung vor einer Früherkennungsuntersuchung sinnvoll ist.

© Manfred Jasmund / AOK
Neulich saß mir ein Patient gegenüber, Mitte vierzig, sportlich, Nichtraucher. „Herr Doktor, ich fühl mich top – brauch ich wirklich diese ganzen Vorsorgeuntersuchungen?“ Gute Frage. Und ehrlich gesagt: eine, die ich mag. Denn sie zwingt uns, über die Sinnhaftigkeit von Früherkennung und Prävention zu sprechen. Und zwar ohne Angst, aber auch ohne rosarote Brille.
Was ist der Unterschied zwischen Prävention und Früherkennung?
Ganz einfach: Prävention ist alles, was verhindert, dass eine Krankheit überhaupt entsteht – also Bewegung, gesunde Ernährung, Nichtrauchen, Impfungen. Früherkennung dagegen bedeutet: Wir suchen gezielt nach Krankheiten, bevor sie Beschwerden machen. Dazu gehören beispielsweise das Hautscreening ab dem 35. Lebensjahr und die Darmspiegelung. Der Unterschied ist entscheidend. Prävention verhindert, Früherkennung entdeckt.
Und ich sag’s ganz klar: Ich bin ein Fan davon.
Warum? Weil wir heute Krankheiten finden können, lange bevor sie Probleme machen. Und weil wir sie dann oft deutlich besser behandeln können. Das ist kein theoretischer Vorteil – das ist gewonnene Lebenszeit. Und zwar echte.
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser
Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.
Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.
Früherkennung und Impfungen schützen unsere Gesundheit
Nehmen wir das Hautkrebsscreening. Ein kurzer Blick, ein paar Fragen – und plötzlich entdeckt man ein verdächtiges Muttermal. Früh erkannt, raus damit, Thema erledigt. Gleiches gilt für viele sogenannte „Wohlstandserkrankungen“: Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen. Die tun lange nicht weh. Aber sie arbeiten im Hintergrund – und richten Schaden an. Wer hier früh hinschaut, beispielsweise im Rahmen des Check-up 35 – kann gegensteuern. Oft simpel. Oft effektiv.
Und dann gibt es die Impfungen. Paradebeispiel: die HPV-Impfung. Sie schützt vor bestimmten Krebsarten, unter anderem Gebärmutterhalskrebs. Eine Impfung gegen Krebs – das hätte man vor ein paar Jahrzehnten noch für Science-Fiction gehalten. Heute ist es Realität. Und trotzdem wird sie viel zu selten genutzt. Versteh ich nicht.
Wenn Früherkennung zu Überdiagnostik und entbehrlicher Therapie führt
Jetzt aber zur anderen Seite der Medaille. Denn so ehrlich muss man sein: Früherkennung hat auch ihre Schattenseiten. Stichwort: Überdiagnostik. Also das Finden von Befunden, die zwar da sind, aber niemals Probleme gemacht hätten.
Nicht jeder hohe PSA-Wert bedeutet Prostatakrebs
Ein klassisches Beispiel ist der PSA-Wert bei Männern. Ein erhöhter Wert kann auf Prostatakrebs hinweisen – muss er aber nicht. Viele Tumoren wachsen so langsam, dass sie nie Beschwerden machen würden. Trotzdem führt ein auffälliger Wert oft zu weiteren Untersuchungen, Biopsien, manchmal sogar zu Therapien – mit Nebenwirkungen. Und plötzlich ist man Patient, obwohl man sich eigentlich gesund gefühlt hat. Aus diesem Grund ist der PSA-Test aktuell auch keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Der Patient muss selbst entscheiden, ob er ihn als Selbstzahler-Leistung (IGeL) in Anspruch nehmen möchte oder nicht.
Aber wie lautet dann hier die richtige Empfehlung? Die gibt es nicht. Bemüht man die Fachgesellschaft, dann sieht diese eine Nützlichkeit für Männer mit einem höheren Risiko, die Hausärzte sehen das eher kritisch und sprechen von „schlafende Hunde wecken“.
Auch beim Brustkrebsscreening ist Überdiagnostik möglich
Ähnlich kontrovers diskutiert wird das Mammographie-Screening bei Frauen. Auch hier gibt es die Sorge vor Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen. Und ja, das ist ein Punkt, den man ernst nehmen muss.
Aber – und das ist wichtig – die aktuellen Daten zeigen eben auch etwas anderes: Frauen, die regelmäßig am Screening teilnehmen, haben ein deutlich geringeres Risiko, an Brustkrebs zu sterben. In Zahlen ausgedrückt sinkt das Risiko bei Frauen zwischen 50 und 75 Jahren um 20–30 Prozent!
Wie nutzen wir die Früherkennung wirklich sinnvoll?
Es geht darum, gesund zu bleiben. Oder Krankheiten so früh zu erkennen, dass sie ihren Schrecken verlieren. Deshalb meine Ratschläge:
- Nutzen Sie die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen – angepasst an Alter und Risikoprofil.
- Kümmern Sie sich um die Basics: Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin.
- Denken Sie an Impfungen auch bei Ihren Kindern – auch an HPV.
- Und lassen Sie sich beraten, bevor Sie jeden möglichen Test machen. Fordern Sie das Gespräch!
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft: Nicht alles, was man finden kann, muss man auch finden wollen. Aber das Richtige – das sollte man auf keinen Fall verpassen.
Ihr Doc Esser
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Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser







