Psychologie
Wie Sie Ihre Stärken finden – und warum sich das lohnt
Wer seine Stärken kennt und gezielt einsetzt, ist oft zufriedener, so die Positive Psychologie. Doch was ist die Positive Psychologie überhaupt und wie identifiziert man seine Stärken? Diese Selbsttests können Ihnen dabei helfen.

© iStock / Milko
Was ist die Positive Psychologie?
Lange Zeit standen in der psychologischen Forschung und Praxis psychische Erkrankungen, Defizite und deren Behandlung stark im Fokus. Die Positive Psychologie dagegen verfolgt einen anderen Ansatz: In diesem Teilgebiet der Psychologie beschäftigt man sich mit Charakterstärken, Wohlbefinden, Resilienz und den Bedingungen für ein gelingendes Leben.
Im Zuge dessen entwickelten die US-Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson eine Klassifikation mit 24 Charakterstärken, die kulturübergreifend als wertvolle Eigenschaften gelten. Dazu zählen beispielsweise: Neugierde, Enthusiasmus, Selbstregulation oder Teamwork.
Stärken finden: Was sind Signature Strengths?
Die ausgeprägtesten Charakterstärken einer Person können laut den Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson besonders gut beschreiben, was diese Person auszeichnet. In der Stärkenforschung werden sie „Signature Strengths“ genannt, auf Deutsch: Signaturstärken.
Gemeint sind damit Charakterstärken, die eine Person nicht nur besitzt, sondern schätzt, als typisch für sich selbst erlebt und die sie im Alltag von sich aus immer wieder zeigt. Sie unterscheiden sich von den übrigen Stärken, die zwar ebenfalls vorhanden, aber weniger zentral für die eigene Identität sind.
Warum ist es wichtig, die eigenen Stärken zu kennen?
Wer seine Signature Strengths regelmäßig im Alltag und besonders im Job einsetzen kann, erlebt beides häufig als erfüllender. Viele Menschen bevorzugen entsprechend Berufe, die ihren individuellen Stärken entsprechen.
Ein Ansatz aus der Positiven Psychologie geht zudem davon aus, dass es Menschen mehr Vorteile bringt, vorhandene Stärken gezielt zu erkennen und auszubauen, anstatt den Blick vor allem auf ihre Schwächen zu richten.
Studien zur Wirkung von Feedback beispielsweise ergaben, dass positive Rückmeldungen die Leistung fördern können. Bei einer Untersuchung im Profisport führte positives Feedback zu besseren Leistungen bei den Sportlerinnen und Sportler. Negatives Feedback dagegen zeigt im Schnitt keinen messbaren Effekt.
Passende Artikel zum Thema
Selbsttests: Wie finde ich meine Stärken?
Um die eigenen Stärken einsetzen zu können, müssen Sie diese allerdings bereits kennen oder identifizieren. Dabei können wissenschaftlich entwickelte Selbsttests Sie unterstützen:
- Der VIA-Charakterstärken-Test basiert auf der Klassifikation der US-Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson und zeigt Ihnen, wie stark die 24 definierten Charakterstärken bei Ihnen ausgeprägt sind. Anhand der Ergebnisse lassen sich auch besonders stark ausgeprägte Charakterstärken beziehungsweise mögliche Signature Strengths oder Signaturstärken identifizieren. Den Fragebogen gibt es online in einer kurzen und einer langen Version.
- Eine andere Möglichkeit ist der Online-Test eines Start-ups der Universität Zürich. Ein erstes Ergebnis mit drei Stärken ist kostenlos, für alle weiteren Ergebnisse müssen Sie bezahlen.
Können mir andere helfen, meine Stärken zu entdecken?
Eine weitere, einfache Methode ist es, Menschen aus dem eigenen Umfeld zu bitten, spontan Ihre Stärken aufzuschreiben, ohne sie Ihnen zu zeigen. Dafür eignen sich Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Bekannte oder Kolleginnen und Kollegen.
Schätzen Sie sich dann selbst ein und vergleichen Sie Ihr Selbstbild mit den Fremdbildern. Dabei können Menschen aus Ihrem Umfeld Stärken nennen, die Ihnen selbst weniger bewusst sind oder die Sie nicht als solche wahrnehmen. Der Blick von außen muss aber nicht zwingend besser oder richtiger sein als Ihr Selbstbild. Er bietet Ihnen nur eine zusätzliche Perspektive.
Passende Angebote der AOK
AOK-Programm „Lebe Balance“
Das Kursangebot „Lebe Balance“ der AOK bringt Ruhe und Ausgeglichenheit in Ihr Leben. So lernen Sie, gelassen durch Alltag und Beruf zu gehen.
Wie setze ich meine Stärken im Alltag gezielt ein?
Wenn Sie Ihre Stärken kennen, wäre es sinnvoll, diese bei der Arbeit einzusetzen: Menschen, die im Job mindestens vier ihrer sieben wichtigsten Stärken aktiv nutzen konnten, empfanden ihre Arbeit häufiger als Berufung und nicht nur als Pflicht, ergab eine Untersuchung.
Auch eine Übung im Alltag kann Ihnen helfen, Ihre Stärken zu leben: In einer Studie setzten Teilnehmende eine Woche lang bewusst ihre wichtigsten Stärken in neuen Situationen ein, beispielsweise im Kontakt mit fremden Menschen. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe berichteten sie anschließend von mehr Glücksgefühl und weniger depressiven Symptomen.
Ein praktischer Tipp aus der Positiven Psychologie ist, ein Stärkentagebuch zu führen. Halten Sie darin täglich fest, wann und wie Sie Ihre Stärken eingesetzt haben. So wird Ihnen klar, welche Stärken Sie bereits nutzen und welche Sie noch öfter einsetzen können.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Deutsche Gesellschaft für Positive Psychologie: Charakterstärken, Stand: 14.10.2025.
Harzer, Claudia & Ruch, Willibald (2012): When the job is a calling: The role of applying one’s signature strengths at work. The Journal of Positive Psychology. 7. 362-371.
Ferguson CL and Lockman JA (2024): Increasing PhD student self-awareness and self-confidence through strengths-based professional development. Front. Educ. 9:1379859.
Daniel Goller, Maximilian Späth (2023): ‘Good job!’ The impact of positive and negative feedback on performance.
Jugendstiftung Baden Württemberg: Stärken – Kompetenzen – Qualifikationen.
Proyer RT, Gander F, Wellenzohn S and Ruch W (2015): Strengths-based positive psychology interventions: a randomized placebo-controlled online trial on long-term effects for a signature strengths- vs. a lesser strengths-intervention. Front. Psychol. 6:456.
IU Internationale Hochschule / M. Dulgeridis, C. Schubart, B. Könen: Coaching und Positive Psychologie – Ressourcen stärken, Sinn ermöglichen. IU Discussion Papers, Reihe: Human Resources, Vol. 5, No. 6 (Juli 2025).







