Lebensmittel
Darmgesundheit: Wie sinnvoll sind Probiotika?
Veröffentlicht am:05.04.2023
5 Minuten Lesedauer
Aktualisiert am: 16.03.2026
Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen und sollen die Darmgesundheit fördern. Was herstellende Firmen jahrelang versprochen haben, konnte die Wissenschaft nie eindeutig beweisen. Für wen eignen sich Probiotika und wer sollte lieber darauf verzichten?

© iStock / DejanKolar
Was sind Probiotika?
Probiotika sind Produkte, die spezielle Bakterienkulturen enthalten. Diese lebenden Mikroorganismen sind resistent gegen die Salzsäure des Magens und gelangen in den Darm, wo sie positiv wirken sollen. So lauten in der Regel die Angaben der herstellenden Firmen verschiedener Nahrungsergänzungsmittel. Typische Mikroorganismen in probiotischen Lebensmitteln sind zum Beispiel Milchsäurebakterien, Bifidobakterien oder bestimmte Hefen.
Die Zugabe von Bakterien oder anderen Mikroorganismen zu Lebensmitteln ist nicht neu. Schon vor Jahrhunderten wurde zum Beispiel saure Milch, die Bakterien enthielt, mit frischer Milch vermischt. So wurde der erste probiotische Joghurt hergestellt.
Damals gab es noch keine industriell angelegten Kulturen von Milchsäurebakterien. Doch die zugesetzten Lebensmittel oder Ansätze enthielten ausreichend Mikroorganismen, um den Fermentationsprozess in Gang zu bringen. Durch Zufall entdeckte man, dass Lebensmittel so länger haltbar oder besser verdaulich sind. Die Fermentation war somit der Ursprung der Probiotika.
Heute werden verschiedene Mikroorganismen-Kulturen gezielt hergestellt und in der Lebensmittelproduktion eingesetzt. Daneben kommen Probiotika aber auch weiterhin auf natürliche Weise vor, zum Beispiel in Joghurt, Quark, Kefir, Molke, Käse oder fermentiertem Gemüse, wie zum Beispiel Sauerkraut und Kimchi.
Wie unterscheiden sich Probiotika von Präbiotika und Postbiotika?
Neben den Probiotika (lebende Bakterien) gibt es auch Präbiotika (unverdauliche Nahrungsbestandteile) und Postbiotika (nicht lebende Bakterien).
Was sind Präbiotika?
Präbiotika sind spezielle unverdauliche Nahrungsbestandteile, genauer gesagt Ballaststoffe, die das Wachstum verschiedener Mikroorganismen wie zum Beispiel Bifidobakterien im Darm fördern können. Dies kann sich positiv auf die Darmgesundheit auswirken.
Ein Beispiel für ein solches Präbiotikum ist Inulin. Inulin ist ein wasserlöslicher Ballaststoff aus der Gruppe der Fruktane. Dieser bewirkt, dass andere Kohlenhydrate langsamer ins Blut übergehen. Das ist besonders bei Diabetes von Vorteil, da sich so ausgeprägte Blutzuckerspitzen vermeiden lassen.
Präbiotika kommen natürlicherweise unter anderem in Zwiebeln, Knoblauch, Chicorée, in Hülsenfrüchten und Beerenobst vor. Präbiotische Lebensmittel lassen sich gut in den Ernährungsplan integrieren – am besten in Kombination mit Probiotika. Den Tag mit Joghurt, Beerenobst und Haferflocken zu starten, kann dazu beitragen, die Darmflora dauerhaft zu stabilisieren. Werden ein Präbiotikum und ein Probiotikum kombiniert, sprechen Fachleute von einem Synbiotikum.
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Was sind Postbiotika?
Postbiotika bestehen aus unbelebten Mikroorganismen und deren Bestandteilen und gelten mangels lebender Bakterien als stabiler und sicherer als Probiotika. Sie lassen sich Produkten wie Zahnpasta, Kaugummi oder Lutschtabletten zusetzen.
Obwohl in diesem Bereich noch viel Forschung notwendig ist, gewinnen Postbiotika seit einiger Zeit an Bedeutung. Therapeutisch relevant sind vor allem kurzkettige Fettsäuren, die unter anderem die Darmbarriere und das Immunsystem stärken und den Fettstoffwechsel positiv beeinflussen können. Zusätzlich besitzen sie antioxidative Eigenschaften.
Postbiotika sind in fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut, Kimchi, Joghurt oder Kefir enthalten. Ergänzend zu einer ballaststoffreichen Ernährung können sie die Darmgesundheit unterstützen.
Speziell für die Mundgesundheit könnten Postbiotika von Vorteil sein, indem sie das Wachstum krankheitserregender Keime hemmen, die Immunantwort regulieren und entzündliche Prozesse reduzieren. Erste Studien deuten zudem darauf hin, dass sie Therapien bei Krebserkrankungen im Mundraum unterstützen könnten. Hierzu ist jedoch weitere Forschung nötig.
Was bewirken Probiotika?
Früher warben die herstellenden Firmen damit, dass probiotische Lebensmittel wie spezielle Milchgetränke das Immunsystem und die Darmfunktion verbessern können. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) konnte diese Aussagen jedoch nicht bestätigen, da es keinen wissenschaftlichen Nachweis für die beworbenen positiven Effekte gibt.
Dürfen Hersteller Produkte als probiotisch bewerben?
Insgesamt dürfen herstellende Unternehmen den Begriff Probiotika nicht verwenden – auch nicht auf Verpackungen und für Werbung. Oft stehen auf entsprechenden Lebensmitteln trotzdem weiterhin Aussagen wie „enthält Bakterien-Kulturen“ oder „unterstützt das Immunsystem“. Das ist nur durch einen Trick möglich: Die Firmen fügen den entsprechenden Produkten zusätzlich Mikroorganismen oder Vitamine hinzu, etwa Vitamin C, für die solche Effekte belegt sind.
Die Hersteller dürfen lediglich mit der Aussage „fördert die Laktoseverdauung“ werben. Für drei spezielle Stämme von Milchsäurebakterien sieht die EFSA diesen Effekt als nachgewiesen an.
Wissenschaftlich gesehen gibt es nur für eine Erkrankung eine bewiesene Wirkung: die sogenannte Antibiotika-assoziierte Diarrhö (AAD). Medizinerinnen und Mediziner bezeichnen damit eine akute entzündliche Darmstörung, die während und nach dem Einsatz von Antibiotika auftritt. Prinzipiell können alle Antibiotika eine AAD auslösen.
In einer Studie aus dem Jahr 2019 mit rund 6.000 Kindern wurde die Wirkung von vier verschiedenen Probiotika auf eine AAD getestet. Am wirkungsvollsten waren dabei die Stämme Lactobacillus rhamnosus und Saccharomyces boulardii. Die Forschenden beobachteten, dass die Probiotika bei einigen Kindern eine Diarrhö verhindern konnten.
Andere Studien kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass eine ungezielte Verabreichung von Probiotika einigen Patientinnen und Patienten sogar schaden könnte, da sich die Darmflora langsamer erholte. Insgesamt sind die Erkenntnisse also widersprüchlich.
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Für wen eignen sich Probiotika und für wen nicht?
Generell sollten Probiotika nicht bei Frühgeborenen, schwerkranken Menschen oder Menschen mit einem stark geschwächten Immunsystem zum Einsatz kommen. Eine klare Warnung der DGVS vor der Einnahme von Probiotika gibt es zudem für Patientinnen und Patienten mit schweren Entzündungen im Bauchraum, wie zum Beispiel einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis). Eine Studie zeigte eine deutlich höhere Sterblichkeit bei Betroffenen, die gleichzeitig mit Probiotika behandelt wurden. Daher schließt die Leitlinie für eine akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse den Einsatz von Probiotika aus.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) betonen, dass noch nicht abschließend geklärt ist, welche Patientinnen und Patienten, die Antibiotika bekommen, von Probiotika profitieren würden. Möglicherweise könnte dies bei Menschen mit der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa der Fall sein. Die Forschung liefert aber auch hier nur uneinheitliche Ergebnisse.

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Was ist gut für die Darmgesundheit?
Ernähren Sie sich ausgewogen mit viel ballaststoffreichem Obst und Gemüse sowie Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten. Wenn Sie Ihre Ernährung zudem täglich um ein natürliches Sauermilchprodukt wie Joghurt, Kefir, fermentiertes Gemüse oder Sauerteigbrot ergänzen, versorgen Sie Ihren Darm auf natürliche Weise mit ausreichend Probiotika. Wichtig ist zudem, viel zu trinken und sich zu bewegen.
Probiotische Lebensmittel aus dem Supermarkt haben den Ruf, sich bei einer Vielzahl von Krankheiten oder auch zur Vorbeugung als positiv zu erweisen. Trotzdem ist nicht abschließend geklärt, wie gut sie tatsächlich helfen.
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