Schlaf

Schlaf – Entwicklung durch die Jahrhunderte

Veröffentlicht am:12.10.2026

7 Minuten Lesedauer

von Jennifer Ann Steinort

Einst folgte der Schlaf dem Mond, heute dem Blaulicht des Displays. Ein Streifzug durch die Geschichte der Nachtruhe zeigt, wie Glühbirne und Smartphone unseren Schlaf umgekrempelt haben – mit spürbaren Folgen für Körper und Psyche.

Ein Mann im Bett greift nach einem Wecker, der auf dem Nachttisch steht.

© iStock / skodonnell / KI-bearbeitet

Wie schliefen unsere frühsten Vorfahren?

Der Schlaf hat eine lange Evolutionsgeschichte. Erst die kontrollierte Nutzung von Feuer soll es frühen Menschen ermöglicht haben, sicher am Boden statt in Bäumen zu schlafen. Der Wechsel auf festen Untergrund brachte stabileren, tieferen Schlaf und damit mehr Konzentration für den Tag – so konnte die frühe Gattung der Menschen ihre Überlebenschancen steigern.

Wie das damals tatsächlich aussah, lässt sich heute nur indirekt rekonstruieren: an modernen Jäger-und-Sammler-Gruppen. Eine Studie an drei traditionellen Gesellschaften in Afrika und Südamerika, die bis heute unter nahezu vorindustriellen Bedingungen leben, zeigte, dass diese im Schnitt knapp 6 bis 7 Stunden pro Nacht schlafen und erst rund dreieinhalb Stunden nach Sonnenuntergang einschlummern.

Die Untersuchung an diesen Jäger-und-Sammler-Gruppen belegte auch, dass sie meist vor Sonnenaufgang aufwachen und nachts keine langen Wachphasen haben. So wie bei vielen modernen Gesellschaften auch, darf es tagsüber ein Nickerchen sein, das aber eher an heißen Tagen im Sommer als im Winter.

Was für eine Schlafkultur gab es im Mittelalter?

Im Mittelalter sah Schlaf oft anders aus als heute. Historische Quellen deuten darauf hin, dass es einen ersten und zweiten Schlaf gab – nach etwa vier bis sechs Stunden Ruhe wachte man auf, blieb ein bis zwei Stunden wach und legte sich danach wieder hin. Menschen nutzten diese Zwischenzeit zum Reden, Beten oder für Nachbarschaftsbesuche.

Der damalige Schlafrhythmus war offenbar so tief im Alltag verankert, dass ihm selbst Herrschende folgten. Von Karl dem Großen ist überliefert, dass er seinen Schlaf nachts ebenfalls mehrmals unterbrach.

Ganz so einfach ist das Bild allerdings nicht: Der Historiker Roger Ekirch, der die Theorie des Zwei-Phasen-Schlafs maßgeblich geprägt hat, betont selbst, dass nicht alle Menschen in vorindustriellen Gesellschaften dem sogenannten intermittierenden Schlaf folgten.

Was ist Schlafkultur?

Der Begriff „Schlafkultur“ meint, dass Schlaf nicht nur Teil der Biologie ist, sondern auch von der jeweiligen Gesellschaft geprägt wird – wann und wo geschlafen wird, hängt stark von Zeit und Kultur ab. Auch welche Macht dem Schlaf beigemessen wurde, unterschied sich: Im antiken Griechenland etwa galten Träume als Botschaften der Götter.

Wie passten Menschen ihren Schlaf der Industrialisierung an?

Mit der Industrialisierung ab Mitte des 18. Jahrhunderts veränderte sich unser Verhältnis zur Nacht. Einen großen Umbruch löste die Erfindung der Glühbirne Ende des 19. Jahrhunderts aus. Plötzlich ließ sich die Dunkelheit einfacher überwinden – Menschen konnten sich im Haus und außerhalb leichter und sicherer bewegen als noch zu Zeiten des Kerzenlichts.

Das künstliche Licht, die neuste technische Errungenschaft, blieb nicht ohne Folgen für den Schlaf. Da Arbeit und gesellschaftliches Leben auch nach Einbruch der Dunkelheit stattfinden konnten, wurde die nächtliche Ruhe zunehmend flexibler. Der bis dahin verbreitete mehrphasige Schlaf verlor an Bedeutung, die Menschen schliefen vor allem in den Städten an einem Stück durch, dafür aber später ein.

Der Wandel ging im 19. und 20. Jahrhundert weiter. Technische Entwicklungen und Schichtarbeit veränderten den Alltag zusätzlich. Gleichzeitig kamen immer mehr technische Ablenkungen hinzu, die einen ausreichenden und erholsamen Schlaf erschwerten – eine Entwicklung, die bis heute anhält.

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Wie prägte die Industrialisierung den Umgang mit der Zeit?

Die Industrialisierung brachte nicht nur Maschinen in die Arbeitswelt, sondern auch einen neuen Umgang mit der Zeit. Während Handwerker ihre Arbeit zuvor selbst einplanen konnten und die Landwirtschaft dem Rhythmus der Jahreszeiten folgte, bestimmten nun die Fabriken feste Arbeitszeiten. Bezahlt wurde nach geleisteten Stunden.

Mit dem Fabrikalltag musste auch der bisherige Schlaf neuen Mustern weichen. Nicht mehr allein Sonnenauf- und -untergang gaben den Takt vor, sondern Arbeitsbeginn, Schichtende und die nächste Schicht. Wie einschneidend das sein konnte, zeigt das Beispiel der Wiener „Bettgeher“: Fabrikarbeiter mieteten Schlafplätze für wenige Stunden und teilten sie mit Kollegen aus anderen Schichten.

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In welcher Zeit galt Schlaf als lästige Notwendigkeit?

Mit der Industrialisierung wandelte sich auch das gesellschaftliche Bild vom Schlaf. Erholung galt zunehmend als Zeit, in der nichts produziert wurde und kein Geld verdient werden konnte. Schlaf bekam damit einen zweifelhaften Ruf: notwendig für den Menschen, aber zugleich hinderlich für seine Produktivität.

Auch wenn der Schlaf damals als Zeitverschwendung galt: Das lässt sich nicht automatisch auf moderne Industriegesellschaften übertragen. Die verbreitete Annahme, Menschen würden auch heute in der Industriegesellschaft immer weniger schlafen, wurde bei gesunden Erwachsenen widerlegt.

Wie veränderte das 20. Jahrhundert unseren Schlaf?

Im 20. Jahrhundert rückte die Erforschung des Schlafs in den Mittelpunkt. Menschen beschäftigten sich unter anderem mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus dauerhaft gestört wird. Forschende begannen, die innere Uhr des Menschen genauer zu verstehen und damit auch die Bedeutung des circadianen Rhythmus für den Schlaf.

Mittlerweile haben wir eine Antwort darauf, was geschieht, wenn die innere Uhr aus dem Takt gerät. In dem Fall kann auch der Schlafrhythmus gestört werden. Der circadiane Rhythmus, die innere Uhr des Körpers, wird nämlich unter anderem durch Licht aus der Umgebung mit der Tageszeit synchronisiert. Verändert sich dieser äußere Takt, kann das deshalb unter anderem Schlafstörungen verursachen.

Eine Frau nimmt eine Schlafmaske ab und sieht auf ihr Handy.

© iStock / Dima Berlin

Technische Errungenschaften wie das Smartphone haben das Schlafverhalten über die Zeit verändert.

Welche Schlafgewohnheiten haben wir heute?

Vom Schlafplatz in den Bäumen bis zum Smartphone auf dem Nachttisch war es ein langer Weg. Industrialisierung, künstliches Licht und moderne Arbeitszeiten haben vor allem den Zeitpunkt, die Regelmäßigkeit und die Bedingungen des Schlafs verändert. Dass Menschen in Industriegesellschaften grundsätzlich weniger schlafen als vorindustrielle Bevölkerungsgruppen, lässt sich dagegen nicht eindeutig belegen.

Fest steht aber: Unser Alltag richtet sich längst nicht mehr selbstverständlich nach der biologischen Uhr: Frühe Arbeitszeiten, künstliches Licht und elektronische Geräte können den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus stören. Zu wenig erholsamer Schlaf erhöht unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit und Diabetes – auch das allgemeine Wohlbefinden nimmt dadurch ab.

Die gute Nachricht: Heute wissen wir deutlich mehr darüber, was wir für einen gesunden Schlaf brauchen und welche Faktoren ihn stören. Damit haben wir etwas in der Hand, das frühere Generationen nicht hatten: Wir können unsere Schlafgewohnheiten bewusst anpassen – etwa durch regelmäßige Schlafzeiten, weniger künstliches Licht am Abend und feste Ruhephasen.

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